Schulstart

Schulklingel statt Sirenen

von Sabine Brandes

Sechsjährige Mädchen mögen Disney‘s Prinzessinnen besonders gern, bei Jungs soll möglichst Superman den neuen Schulranzen schmücken. Auch Etuis, Hefte und Stifte müssen mit den Lieblingshelden verziert sein. Die Kleinen wissen genau, was auf ihrem Pult liegen soll, wenn die Schule beginnt.
Am kommenden Sonntag öffnen 3.750 staatliche Schulen für die 1,4 Millionen Schüler des Landes zum ersten Mal wieder ihre Türen. Aus Solidarität mit den Einwohnern des Nordens zwei Tage später als geplant. Bildungsministerin Yuli Tamir kam damit einer Bitte der Bürgermeister aus den nördlichen Städten nach. »Es geht jetzt hauptsächlich um die psychologische Unterstützung und nicht so sehr um akademische Errungenschaften«, betont die Ministerin.
Die wenigsten der Schüler und 130.000 Lehrer gehen erholt ins neue Schuljahr. Denn statt großer Ferien gab es Krieg. Viele Israelis stehen noch immer unter dem Einfluß der Geschehnisse im Norden Israels – und werden es wohl noch lange. So wie Inbal Cohen aus Haifa. Die ersten zwei Wochen des Krieges verbrachte die Elfjährige mit ihrer Familie zu Hause. Dreimal schlugen die Bomben der Hisbollah in unmittelbarer Nähe ein und versetzten Inbal in Panik. Schließlich packte die Familie notdürftig ein paar Sachen und floh zu Verwandten nach Jerusalem. Drei Wochen lang quetschte sich die Familie zu viert in ein 15 Quadratmeter großes Zimmer. Aber auch dort kam das Mädchen nicht zur Ruhe. »Sie fragte ständig, wo ihre Freunde seien und was mit unserem Haus geschieht«, erinnert sich ihre Mutter Tali. Glücklicherweise sind alle Freunde gesund, und auch das Haus steht noch. Doch Inbal hat ihre Unbeschwertheit verloren. Normalerweise habe sie sich schon Wochen vor Schulbeginn aufs neue Jahr gefreut, so die Mutter. »Aber jetzt ist alles anders. Ich konnte sie noch nicht einmal mit einem neuen Ranzen und Heften mit ihren Lieblingsmotiven locken.«
Cohen hofft nun auf die Hilfe von Schefi, dem psychologischen Dienst des Bildungsministeriums. Nach dessen Angaben sind mindestens fünf bis acht Prozent aller Kinder aus dem Norden in einer ähnlichen Situation wie Inbal. Hunderte Anfragen besorgter Eltern gingen direkt nach dem Waffenstillstand bei Schefi ein. Dessen Leiterin Bilha Noy erklärt jedoch, daß es zu früh sei, um zu sagen, wieviele der Kinder sich auch nach Schulbeginn noch in diesem Zustand befinden werden.
Studien zu ähnlichen Situationen, etwa die des Golfkrieges von 1991, zeigen, daß die meisten Kindern, die am posttraumatischen Streß‐Syndrom leiden, nach einer Weile von allein gesund werden. »Doch Kinder, die längere Zeit diese Symptome zeigen, benötigen besondere Überwachung und Therapien«, sagt Noy. Von 450.000 Mädchen und Jungen von Naharija bis Haifa und Tiberias im schulpflichtigen Alter leiden demzufolge schätzungsweise 22.500 an den Folgen des Krieges und müssen behandelt werden. Hierfür werden derzeit von Schefi Seminare für Schulleiter und Lehrer veranstaltet, die darauf vorbereiten sollen, wie den betroffenen Kindern geholfen werden kann. Außerdem werden 110 zusätzliche Psychologen den Schuldienst im Norden unterstützen.
Mehr als 30 Schulgebäude in 14 Orten sind direkt von Raketen getroffen worden, mindestens 144 Räume wurden dabei beschädigt. Für die wenigsten gibt es Ausweichmöglichkeiten und nur in einem Teil der Gebäude gibt es Bunker für alle Kinder. Doch Yitzhak Gerschon, Oberkommandierender der Heimatfront, wischt diese Sorge weg: »Ist es ruhig, werden die Schulen ganz normal funktionieren, gibt es einen Alarm, sind die Kinder zu Hause im Schutzraum und nicht im Klassenzimmer.«
Auch die kleinen, ganz alltäglichen Sorgen drücken. Normalerweise haben Mütter und Väter zwei volle Monate Zeit, sich um die Vorbereitungen zu kümmern. Bücher und T‐Shirts mit Schulemblem bestellen, Schulranzen, Hefte, Stifte und sonstiges Zubehör kaufen. Die Listen sind lang. Besonders für Familien mit mehreren Kindern ist das kein einfaches Unterfangen. Und kein billiges. Sämtliches Material muß von den Eltern selbst bezahlt werden, schnell kommen pro Kind dafür 150 Euro und mehr zusammen. Außerdem drängt die Zeit. Niemand aus den Kriegsgebieten konnte sich um Schulsachen kümmern, während es ums Überleben ging. Daher drängen die Menschen jetzt noch schnell in die Läden, die Parkplätze sämtlicher Einkaufszentren sind ständig überfüllt. Elterninitiativen fordern jetzt finanzielle Unterstützung vom Ministerium, eine Antwort steht noch aus.
»Es ist nicht nur so, daß wir jetzt großen Streß haben, wieder Routine in unser Leben zu bekommen, alle Dinge zu besorgen und die nötigen Vorbereitungen zu treffen«, macht Tali Cohen deutlich. »Wir konnten uns weder erholen noch richtig auf das neue Schuljahr freuen, wie sonst in den großen Ferien. Und das ist einfach traurig. Ich hoffe nur, daß es im nächsten Jahr besser wird.«

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