Inspiration

Schreiben ist wie das Leben

Während ich diesen Artikel schrieb, stieß mir etwas zu, was mir noch nie passiert ist. Ich hatte eine Schreibblockade. Ich konnte einfach nicht weiterschreiben. Jedes Wort musste ich mühselig einzeln hervorkramen. Ich beschloss, einen Spaziergang zu machen – vielleicht würde mir dabei ir‐
gendetwas einfallen. Ich sehnte mich nach Inspiration. Und dann hatte ich’s: Ich würde einen Artikel über die Sehnsucht nach Inspiration schreiben.
Das Leben ist wie das Schreiben eines Artikels. Manchmal schreibt sich der Text wie von selbst, fließt ohne jede Anstrengung aus der Feder. Ein andermal geht nichts voran, auch wenn man sich noch so große Mühe gibt. Wenn im Leben alles seinen gewohnten Gang geht, nehmen wir es als gegeben hin. Wir halten nicht inne für eine Bestandsaufnahme, dankbar für das, was wir haben. Wenn es andererseits einmal nicht nach Plan läuft, wenn wir einen schlechten Tag, eine schlechte Woche ha‐
ben. Wenn wir Monate oder Jahre durchmachen, in denen uns nichts zu gelingen scheint, während wir doch alles in unserer Macht Stehende tun, dann sehnen wir uns nach Licht. Wir hungern nach einem guten Rat, wollen wissen, was wir falsch machen, warum alles ständig schiefgeht. Dann ist es Zeit, einen Spaziergang zu machen. Sich Zeit nehmen, um den Kopf frei zu machen von allen Gedanken, mit denen er vollgestopft ist, und neue Ideen zuzulassen – oft genau das, was uns so sehr gefehlt hat in unserem Leben.
Wir haben sicher alle schon einmal beobachtet, wie ein Insekt versucht, durch ein geschlossenes Fenster zu fliegen. Es fliegt geradewegs auf das Fenster zu, prallt gegen die Scheibe und fällt herunter. Es rappelt sich auf und versucht es noch einmal, und wieder fliegt es stracks gegen das Glas. Und wieder und wieder. Das Insekt verfügt nicht über die Fähigkeit, zu erkennen, dass es einfach einen anderen Winkel zu wählen brauchte, um durch das offene Fenster nebenan zu fliegen.
Das im Materiellen verhaftete Alltagsleben ist oft monoton, ohne wirklichen Sinn. Die banalen Probleme des Leben ziehen uns runter. Die Dinge laufen oft nicht nach Plan. Rosch Haschana ist die Zeit, das Le‐
ben aus einer anderen Perspektive zu be‐
trachten. Zuerst müssen wir unseren Geist von allen vorgefassten Ideen frei machen. Wir müssen zulassen, dass der Klang des Schofar zu uns durchdringt und in uns ein erhöhtes geistiges Bewusstsein weckt. Wir müssen zulassen, dass die Gebete uns erleuchten. Doch zuallererst müssen wir aus der Defensive gehen und all die Gefühle und Gedanken beiseite schiebe, die verhindern, dass die Inspiration uns in positiver Weise beeinflusst.
Welche Geltung hat die Botschaft von Rosch Haschana in meinem Leben? Welche Inspiration kann ich aus den Gebeten, aus dem Klang des Schofar mitnehmen, damit ich das Leben aus einer konstruktiveren Perspektive sehen kann? Wenn wir die Ge‐
bete lesen und zulassen, dass die Worte Verstand und Herz erfüllen, begreifen wir, wie die Worte der Gebete auf unser ganz spezielles Lebensproblem zutreffen. Auf der Grundlage der Inspiration, die wir an Rosch Haschana empfinden, müssen wir feste Vorsätze fassen, die unser Leben zum Positiven verändern.
Wir könnten darüber nachdenken, wie wir unserem Leben eine spirituelle Dimension verleihen. Vielleicht indem wir die Synagoge öfter besuchen oder G’tt in unserem Privatleben mehr Platz einräumen oder indem wir mehr Almosen geben. Lasst uns die Inspiration des Tages nutzen, um unserer Religion und einem erfüllten Leben einen Schritt näherzukommen.
Rabbi Levi Brackman

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