psychodrama

Schrei in der Box

Wer Linz, die Kulturhauptstadt Europas 2009, besucht, findet neben Theateraufführungen, Konzer‐ ten, Ausstellungen und Lesungen auf dem Programm auch eine »Academy of the Impossible«. Diese Akademie des Unmöglichen will ihren Teilnehmern »praktische und realistische Werkzeuge vermitteln, um persönliche Grenzen auf individuelle Art zu überschreiten«. Einer der Kurse ist ein Workshop mit dem Titel »Familientisch« unter Leitung des israelischen Regisseurs David Maayan. »In diesem Workshop verbindet der Theatermacher biografisches Material mit fiktiven Inhalten. In einem kreativen Prozess werden persönliche Mitbringsel der Teilnehmenden zu einer eigenen Sprache geformt, ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit mit Mitteln des Theaters«, heißt es in der Ankündigung. Das klingt so geheimnisvoll wie verlockend. Also melde ich mich für die dreitägige Veranstaltung an.

koffer packen Wer an einem Work‐shop teilnimmt, weiß, dass er, anders als der Besucher einer konventionellen Theateraufführung, sich nicht einfach zurück‐lehnen und aus der Fülle des Gebotenen für sich mitnehmen kann, was ihm gefällt. Eigeninitiative und Mitwirkung sind gefragt. Dementsprechend beginnt die Kursarbeit denn auch bereits mit der Anmeldebestätigung, die eine lange Liste dessen beinhaltet, was die Teilnehmenden in einem Koffer mitbringen sollen. Dazu gehören Objekte, die den subjektiven Vorstellungen entsprechen, die man sich selbst von einer »Familientisch«-Veranstaltung macht, beispielsweise Familienfotos; dann aber soll man etwa auch das »Schweigen der Familie« einpacken oder einen »Schrei in einer Box«. Das erfordert einiges mehr an Erfindungsreichtum als das Blättern in alten Fotoalben.

selbstdarstellung Ist der Koffer mit solchen und ähnlichen Mitbringseln gepackt, hat man bereits einen wichtigen ersten Teil der Workshoparbeit geleistet: Diese persönlichen Objekte werden die Teilnehmenden im Kurs brauchen, um mit ihnen ihre jeweilige Lebensgeschichte zu erzählen und sie gleichzeitig so zu benutzen, als seien es Theaterrequisiten. Denn, so David Maayans Grundthese: Wenn man erzählt, beginnt man immer schon darzustellen, man wählt aus, akzentuiert, lässt weg. Je länger der Umgang mit dem dokumentarischen Material andauert, desto mehr verwandelt er sich zur Theaterarbeit. Und in der Tat. Was man sich als Bühnenlaie eigentlich nicht zugetraut hat, schafft man: einen Ausdruck der eigenen Persönlichkeit mit Mitteln des Theaters. Der nächste Schritt wäre nun, mit den Werkzeugen zu jonglieren. Doch dafür sind drei Tage viel zu kurz. Und man beginnt zu verstehen, warum David Maayans Projekte oft mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

biografie Wer auch nur eine der Inszenierungen des israelischen Künstlers kennt, weiß, dass seine Arbeiten eine Herausforderung sind, für die Darsteller wie für das Publikum. Wie in vielen avantgardistischen Performances ist auch bei Maayan die Guckkastenbühne abgeschafft, die Zuschauer sind Teil der Aufführungen. Doch die Aufhebung der traditionellen Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum ist hier keine Regie‐Idee, sondern folgerichtige Konsequenz eines tiefgreifenden Prozesses. David Maayan, 1953 geboren, studierte Regie und Schauspiel an der Universität Tel Aviv. Doch konventionelles Theater machen wollte er nicht. »Am Anfang«, erzählt er, »stand die Suche nach einem Theater für dieses Land.« In Israel Shakespearedramen zu inszenieren, empfand Mayaan als überflüssig. Theater, so sein Credo, muss sich aus der spezifischen Geschichte des Ortes und seiner Bewohner herausbilden. In Akko, seiner Geburtsstadt, begann er mit einer Gruppe christlicher, arabischer und jüdischer Einwohner der Stadt zu arbeiten. Daraus entstand sein erstes größeres Bühnenprojekt, das auf den biografischen Erfahrungen der Mitwirkenden basierte.
gedächtnisarbeit Zu den biografischen Kernerfahrungen vieler jüdischer Israelis gehört direkt oder indirekt die Schoa. Auch David Maayan hat sich in zwei viel diskutierten Theaterprojekten intensiv mit den Auswirkungen des Völkermords befasst: Memories of the Second Generation sowie das fünf Stunden dauernde Stück Arbeit macht frei, sein in Europa erfolgreichstes Werk, das mehrfach ausgezeichnet worden ist. Dabei ist Maayan Sefarde, seine Familie war vom Holocaust nicht betroffen. Sie stammt aus Marokko. Aber gerade das, seine Außenseiterposition unter Kindern von Schoa‐Überlebenden, sagt der Regisseur, habe ihm ermöglicht, diese Thematik genau zu studieren. In seinen Projekten ist seither die Arbeit mit Symbolen kollektiver Gedächtnisse ein zentrales Element.
Aus Maayans Langzeitprojekten haben sich zwei feste Institutionen entwickelt: 1995 entstand das Acco Theater Center unter seiner Leitung, 2000 gründete er das Schlomi Center for Work and Creation an der israelisch‐libanesischen Grenze. Seit fünf Jahren ist Maayan Auslandsisraeli. 2004 wurde er als artist‐in‐residence für ein Jahr ans Wiener Schauspielhaus eingeladen. Aus dem einen Jahr sind nun bald fünf Jahre geworden. So lange? Der Theatermacher ist selbst erstaunt: »Hätte man mir vor 20 Jahren gesagt, dass ich einmal in Österreich arbeiten und leben werde, hätte ich das nicht geglaubt.«

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