Kammerorchester

Schöne Töne

von Sabine Brandes

Flip‐Flops an den Füßen, ein Piercing in der Nase, das Led‐Zeppelin‐T‐Shirt hängt locker aus der Hose. Ganz normale Teenager. Wie sie in Berlin leben, in Hamburg, Haifa oder Tel Aviv. Auf dem Rücken tragen sie überdimensionale Rucksäcke, in den Händen halten sie Mappen und Zettel. Doch so gewöhnlich sind diese jungen Leute nicht. Es sind hochbegabte Nachwuchsmusiker und Mitglieder des Projekts „Musikalische Begegnungen“, das anlässlich Israels 60. Geburtstag gegründet wurde. Aus den schweren Ladungen auf ihrem Rücken holen die 16 Deutschen und Israelis Geigen, Violas oder Cellos hervor und kommunizieren in der Sprache, in der sie alle zu Hause sind: Musik.
Hier, in Ein Hod, dem kleinen Künstlerdorf, das sich idyllisch an die Ausläufer des Carmel‐Gebirges schmiegt, geben sie ihr erstes gemeinsames Konzert, eine Generalprobe für das große Abschlusskonzert in Jerusalem. Lachend steigen sie aus dem Bus, Gal hat gerade einen Witz erzählt. Auf Englisch, der Sprache, in der sie sich austauschen und die sie mehr oder weniger gut beherrschen. Alle lachen und kichern. Egal, ob sie die Pointe wirklich verstanden haben oder nicht. Die wahre Verständigung zwischen ihnen aber spürt jeder, der an diesem Tag in dem winzigen Saal sitzt. Es sind die Klänge von Mendelssohn, Beethoven oder Mozart, durch die sich Nir und Nadja, Charlotte, Ohad und die anderen wirklich nahekommen. Wenn die Bögen sanft über die Saiten streichen, die Finger kraftvoll auf die Tasten drücken, weiß jeder genau, was der andere meint. Wie die Violinistin Julia Gröning, die gerade in Berlin ihr Abitur gemacht hat und seit 14 Jahren Geige spielt. „Es ist ein ganz besonderes Projekt, weil man ja sonst nie wirklich Kontakt mit jungen Israelis hat. Die Sprache, die Kultur: Alles ist anders, irgendwie exotisch. Dennoch verstehen wir uns. Das ist toll zu erleben.“ Talia Erdal stammt aus Israel und spielt Cello. „Wir waren alle ganz neugierig, wie es wohl sein würde, mit den Deutschen zu spielen. Wie wird das Niveau sein, wie die Leute? Alles irgendwie offen.“ Und wie war es? „Super. Wir in Israel leben ja sonst ein bisschen wie in einer großen Seifenblase mit wenig Kontakt zur Außenwelt. Da ist es gut, sich zu öffnen und andere kennenzulernen. Außerdem macht es irre viel Spaß.“
Ziemlich eng ist es hier im Museum Beit Levinstein, dem einstigen Wohnhaus einer israelischen Tänzerin. Die Bühne ist das ehemalige Wohnzimmer, hier hängen ihre Fotos, ihre Kunst. An der Wand unter dem Fenster steht der Flügel, in der Ecke daneben und davor sind ein paar Stuhlreihen für die Zuhörer aufgebaut. Ein Kammerorchester wird es nicht geben. Kein Platz. Dafür Trios und Kammerquartette.
Groß und laut ist es nicht an diesem Tag, dafür intim mit Gänsehautgarantie. Die Musiker sind so nah, dass das Publikum sie fast berührt, ihre Aufregung selbst spüren kann. Die T‐Shirts und Jeans sind gebügelten schwarzen Hosen, geputzten Schuhen und raschelnden Kleidern gewichen. Ein letztes Mal die Instrumente gestimmt, ein wenig geprobt, dann tief durchgeatmet und angesetzt. Auf einmal sind da nur Töne und Melodien. Eine unglaubliche Energie geht von diesen Musikern aus, die zum Teil noch Kinder sind, während sie mit großer musikalischer Reife Stücke von Beethoven, Brahms und Dvorak interpretieren. Wie sie hoch konzentriert die Augen schließen, den Kopf zu den Klängen wiegen, rhythmisch beim Stakkato mitgehen. Die Enge ist vergessen, die Hitze draußen existiert nicht mehr. Alles verschwimmt in einem Meer aus magischen Tönen, die diese Mädchen und Jungen ihren Instrumenten entlocken. Und manchmal ist da ein Kopfnicken über die Bögen hinweg, wenn der nächste Satz beginnt. Von einer Israelin zu einem Deutschen und umgekehrt. Ein Blick, der versteht, ein Lächeln.
Eine Woche lang haben sich die Jugendlichen im Juli gemeinsam auf diesen Tag vorbereitet. Dafür waren die Deutschen Julia Gröning, Felix Heesch, Philipp Wollheim, Friedemann Jörns, Ortwin Bader, Benjamin Lai, Nadja Reich und Charlotte Schings vom Julius‐Stern‐Institut für musikalische Nachwuchsförderung der Universität der Künste in Berlin nach Israel gekommen. Als Betreuer dabei: Doris Wagner‐Dix, Leiterin des Stern‐Instituts und Klavierprofessorin, Celloprofessor Matias de Oliveira Pinto und Dirigent Zvi Carmeli. Für ihn, Chef der Abteilung junge Musiker des Jerusalem Music Centre und Mitarbeiter des Berliner Instituts, ist mit dem Treffen ein Traum wahr geworden. „Es ist wundervoll, sich in dieser universellen Sprache zu unterhalten. Sie verbindet und lässt die Grenzen zwischen den verschiedenen Ländern einfach verschwinden“, sagt er. Gleichzeitig jedoch sei Musik eine höchst persönliche Sache. Eine Woche lang arbeiteten die 14‐ bis 19‐Jährigen im Jugenddorf Beit Daniel des schmucken Städtchens Zichron Yaakov hart, um ein Kammerorchester auf die Beine zu stellen. Jeder Workshop hatte seinen eigenen musikalischen Betreuer, zudem gab es Einzelunterricht. Zwei Tage spielten die Jugendlichen ausschließlich in ihren Gruppen, dann kamen sie zum ersten Mal zusammen, um gemeinsam zu musizieren. Die Superlative purzeln nur so aus Carmelis Mund, als er die Atmosphäre dieses Tages beschreibt: „Es war das Beste. Einfach überwältigend, eine wahre Explosion.“ Die Teilnehmer kannten sich vorher nicht, mussten erst zueinander finden. Sowohl in Israel wie in Deutschland wurde jeder Einzelne von den Professoren ausgewählt, um sicher zu gehen, dass sich die Gruppe auf demselben Niveau befindet. „Und dann haben sie sich hier ganz natürlich zusammengefunden, weil sie sich durch ihre Kunst verstehen.“ Es sei so eine Art Kibbuz‐Feeling gewesen. „Wir hatten gutes Essen, gute Musik und nette Menschen. Was will man mehr?“
Gemischte Ensembles aus Klavier, Geige, Viola und Cello boten den jungen Musikern die Möglichkeit, während der Proben Ideen auszutauschen, neue Komposi‐ tionen zu entdecken und sie gemeinsam zu interpretieren. „Das Projekt ‚Musikalische Begegnungen‘ ist ein Beitrag zur Völkerverständigung, dem Jugendaustausch und der Nachwuchsförderung“, sagt Rimma Wachsmann‐Beniashvili, die das Projekt mit ihrer Eventagentur Agenda Production International betreut. Doch es soll nicht bei einer einmaligen Begegnung bleiben. Die Initiatoren und Teilnehmer streben einen kontinuierlichen kulturellen Austausch deutscher und israelischer Jugend‐ licher an, der von nun an jedes Jahr mit anderen musikalischen Talenten veranstaltet werden soll. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Auswärtigen Amt, dem Goethe‐Institut, der israelischen Botschaft in Deutschland sowie dem Bundesministerium für Kultur und Medien. Die Schirmherrschaft haben der Botschafter Israels in Deutschland, Yoram Ben‐Zeev, und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd

Neumann, übernommen. „Die Kinder haben sich sehr schnell gemischt“, hat Betreuer de Oliveira Pinto be obachtet. „Es hat einfach geklappt, wie von selbst.“ Allerdings macht der Celloprofessor, der in Berlin und Münster lehrt, auch klar, dass es sich bei diesen Musikern um außergewöhnliche Talente mit hoher Begeisterung für die Klassik handelt. Das Stern‐Institut gilt als Nummer eins in Sachen Nachwuchsförderung in Deutschland, das Jerusalem Music Centre ist sein israelisches Pendant. „Manchmal spielten wir bis Mitternacht zusammen, dann haben viele gesagt: Jetzt hören wir uns das noch einmal an. Sie wollten immer weiter in die Tiefe gehen, es noch besser machen. Alle waren so voller Enthusiasmus.“ Normalerweise dauere es Jahre, ein richtiges Kammerorchester zusammenzustellen, sagt er. „Das in fünf Tagen hinzubekommen, ist wirklich enorm.“ Diese 16 haben es geschafft. Die Töne könnten schöner kaum fließen.
Ende September werden die acht Israelis Daniel Aizenshtadt, Gal Eckstein, Maya Lorenzen, Bar Markovich, Ohad Cohen, Nir Rom, Talia Erdal und Daniel Borovitsky nach Berlin reisen. Auch diese Begegnung wird mit einem Konzert abgeschlossen. Um ein Hotel muss sich niemand mehr kümmern. „Wir hatten schon begonnen, Zimmer zu suchen“, erzählt Wachsmann. „Aber dann bekamen wir einen Anruf, dass wir damit aufhören sollen. Die Jugendlichen verstehen sich so gut, dass sie bei den Familien wohnen werden.“ Verständigung, die man hören und spüren kann.

Festkonzert anlässlich des 60. Jahrestags der Staatsgründung Israels „Musikalische Begegnungen – Musical Encounters“, Deutsch‐Israelisches Kammerorchester 1. Oktober 2008, Konzerthaus am Gendarmenmarkt Berlin, Beginn 20 Uhr. Karten: 18 Euro, ermäßigt 14 Euro. Ticket‐Hotline: 01805–4470 oder www.ticketonline.de
Vorverkauf Konzerthaus: 030–203092101

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