Niederländisch-Brasilien

Schöne Neue Welt

von Carl D. Goerdeler

Im Schatten der Mangobäume und der Kontore ist die Hitze gerade noch auszuhalten. Auf den barocken Simsen hocken die Tauben, eine Katze schleicht über das Kopfsteinpflaster. Die stille Rua do Bom Jesus im alten Hafenviertel von Recife ist kaum 300 Meter lang. „Kahal Zur Israel“ steht über der Nummer 197, einem zweistöckigen Handelshaus. Es beherbergt die älteste Synagoge der Neuen Welt. Sie wurde im Jahre 1637 erbaut, aber erst vor sieben Jahren wieder „ausgegraben“ und eine Gedenkstätte eingerichtet. Bis dahin befand sich darin ein Elektrogeschäft – und davor hatten 300 Jahre das Viertel mit Staub und Spinnweben überzogen.
Hier schlug einmal das Herz von Mauritsstad und einer jüdischen Gemeinde, die zwei Jahrzehnte blühte. Dann zerplatzte der Traum einer freien Neuen Welt am Äquator, die Holländer zogen sich aus Brasilien zurück und mit ihnen die Juden. Nicht alle flohen zurück nach Europa. 23 jüdische Kolonisten retteten sich nach New York, das damals noch Neu Amsterdam hieß. Die ersten Juden Nordamerikas kamen also aus Holländisch‐Brasilien.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bezog Europa seinen Zucker fast ausschließlich aus Brasilien. Man rechnete damals, dass unter portugiesischer und spanischer Flagge jährlich rund 26 Millionen Pfund Zucker verschifft wurden – ein lukratives Geschäft, denn man erzielte in Lissabon den fünffachen Preis der Gestehungskosten.
Die Aktionäre daheim hatten empfohlen, die Kolonie Neu‐Holland durch einen Generalstatthalter mit diktatorialen Vollmachten zu führen. In Graf Moritz von Nassau fand sich dieser Mann. Die Zustände, die er in Neu‐Holland antraf, waren nicht erbaulich: Fast alle Zuckermühlen abgebrannt, die Eigentümer geflohen. In Olinda treiben sich Trunkenbolde, Spitzbuben und Dirnen herum; die Musketiere sind zerlumpt, die Kompanie‐Beamten verwildert. „Wir leben hier wie die Tiere und sterben wie die Schweine“, meldet Hauptmann Cornelis van den Brande dem neuen Befehlshaber.
Doch der Nassauer hat einen Plan: Als aufgeklärter Absolutist und Calvinist will er beweisen, dass man mit gutem Beispiel weiter kommt als mit der Peitsche. Er versteigert die verlassenen Zuckermühlen, um sie unter neuen Eigentümern wieder in Wert zu setzen. Er schreibt den Grundbesitzern und Sklavenhaltern vor, neben Zuckerrohr auch Maniok, die Kartoffel der Tropen, anzubauen, und er verbietet, Lebensmittel auszuführen. Langsam verbessert sich die Lage – obgleich die Niederländer bis zuletzt auf Butter, Käse, Schinken, Roggenmehl und Erbsen, dazu Wein, Bier, Essig, Öl und Brot nicht verzichten wollen. Sie möchten ihr Neu‐Holland in den Tropen haben, auch Moritz will das. Nur: In seiner Stadt – Mauritsstad – soll die Moderne einziehen, mit Wissenschaft und Technik, Gewerbe‐ und Handelsfreiheit, und gleichen Rechten wie Pflichten für alle Steuerzahler – auch Religionsfreiheit. Neu‐Holland braucht jede Hand.
Der Ruf nach Kolonisten verhallt bei den Flamen. Stattdessen kommen auf privat gecharterten Schiffen sefardische Juden, die der Inquisition auf der Iberischen Halbinsel entfliehen, die Kopf und Kragen riskieren und sich nicht zwangstaufen lassen wollen. So entsteht in Mauritsstad, dem späteren Recife, die erste jüdische Gemeinde Südamerikas. Der in Portugal geborene und in Holland aufgewachsene Isaac Aboab da Fonseca kommt 1642 als erster Rabbiner nach Mauritsstad.
Die Stadt am Riff (Recife) wächst schnell. Zählte man 1630 gerade mal 150 Hütten, so sind es 1639 bereits 2.000. Und nicht wenige gehören den „Jooden“, gegen die Kanzel‐Calvinisten mindestens genauso geifern wie gegen die „Pfaffen“. Immer wieder drängen sie den Statthalter Moritz von Nassau, Kult und Feste der anderen religiösen Gruppierungen zu verbieten. Vor allem der Handel der Juden ist ihnen ein Dorn im Auge. Doch der Nassauer braucht alle Hände, er verschließt sich den religiösen Eiferern und hält solange er kann seine schützende Hand über die Juden, die sich ihrerseits als holländische Patrioten erweisen.
In Neu‐Holland sind die Musketiere und Beamten rotflaumige Flamen. Den Handel und das Geldgeschäft betreiben hingegen dunkelbärtige Juden, die zudem Spanisch, die Sprache des Feindes, beherrschen – haben sie doch lange unter Isabella der Katholischen gelitten. Und es dauert nicht lange, da sind auch viele Plantagen und Zuckermühlen in jüdischen Händen, ebenso wie der Handel mit afrikanischen Sklaven.
Von Mauritsstad aus werden die portugiesischen Sklavenhandelsplätze an der Westküste Afrikas erobert und nun selbst genutzt. Zwischen 1636 und 1645 importiert man insgesamt 23.163 „Mohrenkerle“. Sie kosten beim „Einkauf“ pro Kopf rund 50 Gulden (der Preis für 50 Pfund Butter), doch auf dem Sklavenmarkt in der Kolonie kann man sie für je rund 500 Gulden losschlagen – zum Beispiel an die Pfarreien der Calvinisten. Das große Geschäft machen vornehmlich jüdische Händler. Aber sie sind es auch, die Steuern zahlen. Weshalb der aufgeklärte Herrscher Moritz von Nassau nicht auf sie verzichten will. Da mögen die Calvinisten klagen, dass „der ganze Handel in jüdischen Händen liegt“ – es nützt wenig. Schließlich haben sich die Marranos und frommen Juden als bessere Geschäftsleute erwiesen und sich vor allem besser an die tropische Welt angepasst.
Doch im Dezember 1652 erscheint ein großer Komet über Mauritsstad, der bei den Menschen Ängste auslöst. Zu deutlich vernachlässigt Amsterdam die Kolonie, zu gering sind die eigenen Kräfte. Nur wenige Meilen hinter der Stadt beginnt das feindliche Territorium der Wegelagerer und portugiesischen Feinde. Zwei Jahre später endet die Herrschaft der Holländer in offener Feldschlacht bei Guarapes (dort, wo heute der Flughafen von Recife liegt). Oberst Schkoppe bleibt nichts als die bedingungslose Kapitulation zu unterzeichnen.
26 Jahre hat die Herrschaft der Holländer über den damals reichsten Teil Brasiliens gedauert. Die sieben Jahre Regentschaft von Moritz von Nassau mag man als Goldene Zeit des Nordostens verklären. Doch dem steht gegenüber, dass während der holländischen Herrschaft so gut wie keine Mischehen zwischen Alteingesessenen und Eroberern geschlossen wurden, von einer Emanzipation und Befreiung der Indianer und Schwarzen zu schweigen.
Für die der Inquisition entronnenen Juden blieb Neu‐Holland ein kurzer Traum. Viele kehrten nach Europa zurück und ließen sich in den Niederlanden nieder. Doch einige Dutzend zogen weiter unter holländischer Flagge: nach Surinam, in die Karibik – und nach Neu‐Amsterdam, das spätere New York. Heute leben in Brasilien rund 200.000 Juden. Die Synagoge in Recife aber ist ein Museum – „das uns an das friedliche Zusammenleben aller Religionen ermahnt“, so Boris Berenstein, der Vorsitzende der örtlichen jüdischen Gemeinde.

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