Jüdische Oberschule

Schockiert und ratlos

von Christine Schmitt

Mark stand gerade am Mittwochnachmittag vergangener Woche in der Oranienburger Straße und wurde von einer Reporterin interviewt, was er von dem Schlagersänger Dieter Bohlen hält, als er Rufe und Hundegebell hörte. Sein Name wurde immer wieder gerufen, und als er sich umdrehte, sah er seinen Freund Ruslan rennen. Er wurde von einem schwarzen Rottweiler und einem Mann mit zwei weiteren Hunden verfolgt. Der 15-jährige Realschüler brachte sich in einer Bäckerei in Sicherheit. »Schnell die Tür zu«, dachte Ruslan in diesem Moment. »Fass« befahl der Mann seinen Hunden. »Ich hatte die Situation gar nicht begriffen«, sagt der 16-jährige Mark, der zu seinem Freund eilen wollte. Der Mann schrie ihn an und beschimpfte ihn als »Scheißjuden« und »Bist wohl be-
schnitten«. Dann zeigte er den Hitlergruß und lief in Richtung Hackescher Markt.
Die 430 Schüler der Jüdischen Oberschule hatten an diesem Tag bereits um 14.30 Uhr frei, da alle Lehrer zu einer Fortbildung eingeteilt waren. Es sei auf der Straße vor der Schule viel Betrieb gewesen, so Ruslan. Er, Mark, Philipp und zwei weitere Freunde waren auf dem Heimweg, als mehrere Männer, die sich auf der anderen Straßenseite vor der Caritas-Suchtberatungsstelle aufhielten, sie bedrohten. »Drecksjuden« schrien sie rüber. Als Phi-lipp stehen blieb und fragte, was sie damit meinten, riefen sie, »ich haue dir eins aufs Maul«. Die Schüler gingen weiter, allerdings verfolgten die erwachsenen Männer die Schüler und hetzten ihre Hunde los. Philipp informierte die Polizei, die rasch kam und dann die Verfolgung aufnahm.
Wenig später wurden der Mann und ein weiterer Tatverdächtiger von der Polizei festgenommen. »Bei der Festnahme hat er dann ›Nazis raus, und ich bin kein Nazi‹ geschrien«, sagt Mark, der dabei gewesen ist. Er sei irritiert und verwirrt gewesen, meint Mark. »Der Mann sah aus wie ein Punker – und ein Punker mit Nazi-Parolen, das passt doch nicht.«
Zwei Männer im Alter von 27 und 31 Jahren wurden als Hauptverdächtige identifiziert, sie befinden sich nach Auskunft der Staatsanwaltschaft auch in der Woche nach der Tat weiterhin in Untersuchungshaft. Es werde ihnen Volksverhetzung und versuchte gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, teilte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski mit. Die beiden Tatverdächtigen sollen nach Angaben der Polizei aus der Obdachlosenszene stammen. Der 27-Jährige soll bei der Polizei bereits be-
kannt sein. Der Hund wurde in ein Tierheim gebracht. Die beiden anderen Männer, die nach der Tat ebenfalls festgenommen worden waren, werden demnach als Zeugen behandelt.
Ihre Familien seien geschockt, sagen Mark und Ruslan. Dass so ein Vorfall vor »unserer Tür«, wie die Sprecherin Hauke Cornelius sagt, möglich ist, habe die Schüler, Lehrer und Eltern entsetzt. Die Telefone der Schule hätten unentwegt geklingelt und unzählige E-Mails hätten sie erreicht, so Cornelius.
Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, verurteilte den Übergriff als »besonders verwerflich«. Die Täter müssten »schnell einer Verurteilung zugeführt werden«, dazu dürften »nicht wieder Monate vergehen«. Die »abscheuliche Tat« mit einem Hund zeige, »dass die Gewaltbereitschaft auch unter inländischen Tätern in Deutschland hoch ist«.
Es sei zudem bekannt, dass bei einzelnen Angehörigen der Punkszene »ein ho-hes, aus Anti-Israelismus gespeistes, antisemitisches Gewaltpotenzial besteht«, be- tonte Knobloch in einer Presseerklärung. Sie fordert zur Bekämpfung der Jugendkriminalität »ein schlüssiges Gesamtkonzept aus gewaltloser Erziehung, flächendeckender Jugendarbeit und schließlich effizienter Strafverfolgung«.
Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verurteilte den Übergriff. »Dieser ganz offensichtlich antisemitisch motivierte Angriff auf fünf Schüler der Jüdischen Oberschule ist unerträglich«, so Wowereit in einer Erklärung mit. Er sei froh, dass Zeugen die Polizei gerufen und so eine umgehende Festnahme der Täter ermöglicht hätten. »Auch dies ist ein Stück Zivilcourage, wie wir sie im Kampf gegen den Antisemitismus in unserer Gesellschaft immer wieder fordern.«
Mark, Ruslan und ihre Freunde haben nach eigener Aussage die Erlebnisse »ganz gut« verkraftet und können wieder normal am Unterricht teilnehmen.

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