Öffentlichkeitsarbeit

Schlecht verkauft

von Susanne Knaul

Am Checkpoint Jalame wartet ein dreiköpfiges ZDF‐Kamerateam auf die Einreisegenehmigung nach Jenin, wo Bundesaußenminister Franz‐Walter Steinmeier am Nachmittag eine palästinensische Berufsschule einweihen soll. Die Soldaten haben nur einen Schalter geöffnet. „Ihr könnt hier nicht rein“, sagt eine Soldatin, als sie die ZDF‐Leute endlich zu sich winkt. Am Checkpoint Jenin muss, anders als an anderen Grenzkontrollpunkten, die Einreise der Journalisten vorab mit dem Armeesprecher koordiniert werden. Als das Team rennend und schwitzend zwei Stunden später doch noch die Berufsschule erreicht, schneidet Steinmeier gerade das Band durch.
Der Termin ist kaum von so großartiger Bedeutung, dass er für die Berichterstattung im deutschen Fernsehen unverzichtbar wäre. Noch weniger spielt er eine Rolle für die offizielle israelische Öffentlichkeitsarbeit. Trotzdem ist der Vorfall bezeichnend. Das Team hatte sich angemeldet, nur war das nicht bis zur Soldatin am Checkpoint vorgedrungen. Eine Schlamperei, die für die Presseabteilung der israelischen Armee typisch ist. Der Umgang mit den internationalen Korrespondenten genießt weder hier noch in den Ministerien oder anderen staatlichen Institutionen besondere Priorität.
„Wenn wir eine gute Politik haben, brauchen wir keine Öffentlichkeitsarbeit,
und mit schlechter Politik wird uns auch die beste Öffentlichkeitsarbeit nichts nützen“, sagte Schimon Peres, als er Anfang der 90er‐Jahre die Abteilung „Hasbara“ im Außenministerium schließen ließ, dem er damals vorstand. Das hebräische Wort „Hasbara“ leitet sich von „lehasbir“ ab, zu Deutsch „erklären“. Sicher ließ sich Israels Politik zu Zeiten der Osloer Friedensgespräche besser „erklären“ als während der „Operation Schutzwall“ im Frühjahr 2002.
Uri Dromi, bis 1996 Chef des staatlichen Pressebüros, erinnert sich gern an die Osloer Phase, „als uns noch alle liebten“, jedenfalls für eine kurze Weile. Die Wende im internationalen öffentlichen Ansehen Israels datiert er aber nicht auf den Zusammenbruch des Osloprozesses und den Beginn der zweiten Intifada. Das schlechte Image kam schon sehr viel früher. „Bis zum Libanonkrieg 1982 waren wir die Guten“, sagt Dromi, dann wurden die Figuren des David und Goliath ausgetauscht. Fortan waren die Araber und ab 1987 vor allem die Palästinenser die Opfer und Israel der Aggressor. Das hat vor allem, meint er, mit dem Fernsehen zu tun, das „in kurzer Zeit einfache Botschaften vermitteln muss“ nach dem Prinzip Gut und Böse. „Wie konnten wir das Bild ‚erklären‘, auf dem ein palästinensisches Kind nur mit einem Stein bewaffnet einen Panzer angreift?“
Dieses Gefühl, im Kampf um die internationale Meinung ohnehin auf verlorenem Posten zu stehen, führte damals bei den für die Öffentlichkeitsarbeit entscheidenden israelischen Stellen zur Apathie und sogar offenen Ablehnung. Im staatlichen Pressebüro, das über Jahrzehnte den ausländischen Korrespondenten gegenüber immer ausgesprochen hilfsbereit gewesen war, änderte sich der Ton. Der neue Chef Daniel Seaman stieß so oft mit Auslandsreportern zusammen, dass eine Kommission eingesetzt werden musste, um den Vorwurf zu untersuchen, er bestrafe Korrespondenten, wenn sie für seinen Geschmack zu israelkritisch berichteten, etwa indem er die für ein Arbeitsvi‐ sum nötige Empfehlung des Pressebüros verweigerte.
Der Gipfel misslungener Öffentlichkeitsarbeit wurde im Frühjahr 2002 erreicht, als die Armee nach einer Serie blutiger Bombenattentate in das Flüchtlings‐ lager der Stadt Dschenin vordrang. Die Region wurde umgehend zur militärischen Sperrzone erklärt. Medienvertreter hatten keinen Zugang. Was nicht heißt, dass aus der Kampfzone nicht berichtet wurde. Im Gegenteil: Die lokalen palästinensischen Fotografen und Kameraleute versorgten die ganze Welt mit Bildern, die sie verständlicherweise vorher behutsam auswählten. Wir Korrespondenten waren auf Berichterstattung im Konjunktiv beschränkt, mussten uns auf das palästinensische Medienzentrum verlassen oder auf Augenzeugen, die wir telefonisch interviewten. Da war dann von „zig Toten und Verletzten, die unter Geröll und Schutt vergraben sind“, die Rede, von Rettungswagen, die von den Soldaten nicht zur Bergung vorgelassen wurden, und von „kaltblütigen Exekutionen“. Auslöser der wohl erfolgreichsten PR‐Kampagne der Palästinenser waren offenbar drei große mit einer Klimaanlage ausgerüstete Kühlwagen, die die israelische Armee als Nachtstätte für die Reservisten ins Lager bringen ließ. Palästinenser, die an den Wagen vorbeikamen, hielten die zugedeckten Körper für palästinensische Leichen.
„Es war ein Fehler, die Medien aus Dschenin auszuschließen“, kommentierte wenig später das auflagenstärkste israelische Blatt Jediot Achronot. „Nur deshalb haben sich die Gerüchte von einem Massaker in die Welt verbreiten können.“ Vier Monate nach den Kämpfen resümierte eine UNO‐Mission, der Israel zuvor die Zusammenarbeit verweigert hatte, ihre Untersuchungen: „Im Lager Dschenin gab es zum Zeitpunkt des Abzuges der IDF (Israeli Defence Forces) und der Aufhebung der Ausgangssperre am 18. April mindestens 52 tote Palästinenser – darunter rund die Hälfte Zivilpersonen – und 23 tote israelische Soldaten. Angaben der Palästinensischen Autonomiebehörde Mitte April, wonach mehr als 500 Personen im Lager Dschenin getötet worden sein sollen, ließen sich nachträglich nicht durch Beweise erhärten.“ Doch aus der bitteren Erfahrung mit der Berichterstattung über Dschenin haben Armee und Ministerien offenbar nichts gelernt. Israelische Journalisten, auch Auslandskorrespondenten, die im Besitz einer doppelten Staatsbürgerschaft sind oder einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung, dürfen nicht nach Gasa reisen und sind, was ihre Informationen und Bildmaterial betrifft, auf palästinensische Reporter und die Agenturen angewiesen. Ein eigenes Bild können die Reporter sich so nicht machen. Manipulationen sind damit Tür und Tor geöffnet. Nicht zuletzt deshalb, weil die Hamas eine hoch professionelle Öffentlich‐ keitsarbeit macht. Mehrere Sprecher mit fließenden Englischkenntnissen stehen nahezu rund um die Uhr für rasche und freundliche Auskünfte zur Verfügung. Die Israelis könnten sich davon eine Scheibe abschneiden.

Die Autorin ist Nahostkorrespondentin der Berliner taz.

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