Marianna Janjuk-Volkov

»Schlafmangel gehört zum Beruf«

Nur abends und nachts lebe ich richtig, da geht es mir gut, ich bin produktiv und kreativ. Leider muss ich aus familiären und beruflichen Gründen in der Regel schon gegen 8 Uhr aufwachen. Das ist nicht leicht für einen Morgenmuffel. Eigentlich bin ich von Natur aus ziemlich faul, aber der ganze Komplex von bevorstehenden Aufgaben macht mich wach. Ich kann meinen Kopf dann nicht mehr ausschalten und muss einfach aufstehen, duschen, mich fit machen und – handeln: Büro‐arbeit, ein bisschen Haushalt, Vorbereitung des Unterrichts oder der Konzerte. Meinen Sohn muss ich nicht mehr zur Schule bringen, das ist schade. Es ist immer schön, wenn kleine Kinder im Haus sind, im Nachhinein sieht man das. Artjom ist schon 20, und wir haben ganz andere Probleme: Es geht eher darum, ob er um 3 oder um 4 Uhr morgens zu Hause ist.
Von meiner Ausbildung her bin ich Musikwissenschaftlerin und Chordirigentin. Als ich vor 15 Jahren aus Moskau nach Deutschland kam, fand ich ziemlich schnell eine halbe feste Stelle an der Musikschule in Frechen bei Köln, wo ich seitdem Gesang und Klavier unterrichte. Ich trete auch auf und singe russische Balladen und Romanzen in eigener Begleitung. Außerdem spiele ich seit fast sieben Jahren in einem Frauenkammerorchester. Es heißt »Die ExtraVaganten«. Wir spielen Musik der 20er‐ und 30er‐Jahre.
Montag, Dienstag und Mittwoch sind meine Musikschultage. Da bin ich in der Regel ab 13.30 Uhr, manchmal schon früher in der Schule und unterrichte bis 19 Uhr. Manchmal muss der Unterricht kurzfristig verschoben werden, weil jemand anruft und sagt: O, ich habe jetzt keine Zeit, ich muss mich auf eine Klausur vorbereiten. Ich verstehe mich sehr gut mit meinen Schülern und versuche, flexibel zu sein. Zusätzlich zu meinen rund 30 Kindern in der Musikschule habe ich ein paar Privatschüler, zu denen ich hingehe. Das ist donnerstags. Zu Hause unterrichte ich prinzipiell nicht. Wir wohnen in einem Mehrfamilienhaus, und es ist ein ewiges Problem mit den Nachbarn und den Mittagspausen.
Im Gegensatz zur Büroarbeit kennt mein Beruf keine zeitlichen Grenzen. Vor Kurzem zum Beispiel hatten wir in Frechen eine groß angekündigte »Klassische Nacht«. Meine Kollegen, die Schüler und ich sind auch aufgetreten, das verlangt viel Vorbereitung. In solchen Fällen verbringe ich etliche Extrastunden in der Schule: manchmal donnerstags, manchmal freitags.
Um mich musikalisch in Form zu halten, muss ich auch selbst üben. Entweder musiziere ich am Klavier oder suche neue Stücke, probiere aus. Mehrere Stunden hintereinander mache ich das allerdings nicht mehr. Das würde ich auch keinem Schüler einreden, das ist unrealistisch. Ich halte mich dadurch fit, dass ich während des Unterrichts alles selbst zeige: Jedes Stück wird von mir vorgespielt und vorgesungen. Das erfordert schon eine gewisse Kondition. Manchmal bin ich so übermüdet, dass ich überhaupt keinen einzigen musikalischen Ton mehr wahrnehmen kann. Im Auto höre ich ganz selten Musik, sondern lieber literarische Sendungen und Kabarett.
Freitags versuche ich, wenn nichts dazwischen kommt, mich zu erholen. Wandern oder Spazierengehen sind meine Lieblingssportarten. Ich wandere gern in guter Gesellschaft, bin aber wie ein kleines Kind: Wenn ich weiß, dass etwas Leckeres am Ende des Tunnels kommt oder etwas Schönes, dann bin ich motivierter. Im Sommer gehe ich gelegentlich auch schwimmen. Meistens versuche ich jedoch, mich nur zu ent‐ spannen und gar nichts zu tun – Improvisation pur: einfach ein bisschen rumhängen. Oder kochen. Das ist für mich wie Musikmachen eine kreative Tätigkeit. Oft denke ich mir selber Gerichte aus mit Gemüse und Soßen oder Dips.
Was ich auch sehr liebe, ist zu verreisen. Manchmal glaube ich, dass ich mich nur dann wirklich erholen kann, wenn ich von zu Hause weg bin. Ich genieße es, dass ich von Köln aus in nur einer Stunde in Benelux bin und in drei Stunden in Frankreich. Ich bin Europäerin mit Fleisch und Blut. Vor einigen Wochen war ich in Dresden und habe mich sofort in diese Stadt verliebt. Ich finde, die ostdeutschen Städte sind viel interessanter als die westlichen. Die Wessis müssten sie auch richtig kennenlernen. Viele Menschen, auch Freunde von mir, haben immer noch viele Vorurteile gegenüber dem Osten Deutschlands.
In der Regel bin ich mit meinem Auto unterwegs. Das ist für mich auch so eine gewisse Art des Abschaltens und der Entspannung. Früher bin ich oft auf Konzertreisen gewesen. Aber leider spielt unser Orchester jetzt nicht mehr so häufig, wie wir es uns wünschen. Und meine Solo‐Konzerttätigkeit bezieht sich meist nur auf den Köln‐Düsseldorfer Raum. Das hat sich so ergeben, weil es sich herumspricht, was jemand macht, und das tut es in meinem Fall eben eher in der näheren Umgebung.
Samstag und Sonntag sind oft mit Konzerten besetzt. Seit zwei Wochen habe ich kein freies Wochen‐ende mehr gehabt. Kürzlich war ich mit den »ExtraVaganten« bei der Langen Nacht der Kölner Museen. Davor haben wir zwei Tage lang geprobt. Wir haben in dieser Nacht im Käthe‐Kollwitz‐Museum zwei Vorstellungen gegeben. Um 23 Uhr war der Saal überfüllt, es war toll! In der Regel sind die Konzerte abends. Aber vor Kurzem haben wir eine Matinée gegeben – eigentlich eine unmögliche Zeit für Musiker: 9 Uhr! Wir mussten uns einsingen, einspielen, schminken – ich hatte meinen Wecker auf 5.30 Uhr gestellt, um bis 9 Uhr in Form zu sein. Der Schlafmangel ist ein Problem, das der Musikerberuf mit sich bringt. Sogar das Unterrichten ist oft spät am Tag. Gestern zum Beispiel habe ich mit einer Schülerin bis abends halb neun geübt. Sie lernt bei mir Klavier, ist aber selbst eine tolle Cellistin, und wir spielen gern zusammen. Ich lege sehr viel Wert auf gemeinsames Musizieren. Aber wenn ich dann um 21 Uhr nach Hause komme – nach einem Konzert oft sogar viel später, manchmal erst nach Mitternacht – dann bin ich aufgewühlt und brauche eine gewisse Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Oftmals kann ich dann vor drei Uhr nicht einschlafen.
Mein Leben besteht aber auch aus ganz profanen Dingen wie fernsehen. Ich bin ein großer Fan von arte und 3sat, weil da die besten intellektuellen Sendungen laufen und sehr viel Kunst und Musik. Mein Vater zeichnet manches für mich auf Video auf, sodass ich es mir vormittags oder spät abends angucken kann. Mein Vater ist sehr fleißig: Alles, was da Interessantes kommt, wird für mich aufgenommen. Ich muss zugeben, wenn ich montags um 22 Uhr nichts zu tun habe, schalte ich gern Beckmanns Talkshow ein. Ich bin kein großer Fan von Beckmann, aber er trifft schon interessante Leute.
Religiöse Bräuche befolgen wir in meiner Familie leider so gut wie gar nicht. Ich glaube, man muss in der Tradition mit Körper und Seele leben – dann ist es echt. Mich hat immer die Unechtheit bei diesen plötzlich orthodox gewordenen Juden abgestoßen. Aber ein Teil meiner Verwandtschaft ist sehr religiös und traditionell. Sie gratulieren mir zu Pessach und zu Rosch Haschana, und dann muss ich ein wenig traurig feststellen, dass ich ziemlich ungebildet bin. Gern würde ich diese Lücken irgendwann einmal füllen, vielleicht besuche ich ja eines Tages mal eine Vorlesungsreihe.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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