Diktaturen

Schlachtfeld EU

Es steht außer Frage, dass das nationalsozialistische und das stalinistische Regime verbrecherisch waren. Seit einigen Jahren allerdings ist zu beobachten, dass die beherrschenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts überall in Europa immer häufiger gleichgesetzt werden. Dabei dient der Hitler-Stalin-Pakt, der am 23. August vor 70 Jahren unterzeichnet wurde, als Chiffre für eine ideologisch motivierte Umdeutung der europäischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts im Zeichen der Totalitarismustheorie. Als bislang deutlichstes Indiz dieses geschichtspolitischen Projekts hat das Europäische Parlament im April den 23. August zum »Ge- denktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime« erklärt. Dabei gehe es um eine »umfassende Neubewertung der europäischen Geschichte«.
Blicken wir auf die Fakten: Mit der Nachricht vom Nichtangriffspakt nahm die politische Entwicklung im Spätsommer 1939 eine paradoxe Wende um 180 Grad. Dabei war der perfideste Teil des Pakts, das geheime Zusatzabkommen, noch nicht bekannt. In diesem einigten sich die Vertragspartner darauf, Polen vollständig zu zer- schlagen. Vom ersten Tag an gingen die Aggressoren mit beispiellosem Terror vor allem gegen die Zivilbevölkerung vor. Für Hitler stand dabei »die Vernichtung Polens im Vordergrund. Ziel ist die Beseitigung aller lebendigen Kräfte«. Gestapo-Chef Heydrich wurde noch deutlicher: Es gehe um eine generelle »Flurbereinigung«, wobei die Intelligenz, der Adel, »die Popen« und die Juden »umgebracht« werden müssten. Schon in den ersten Monaten wurden Zehntausende Polen, darunter viele Juden, bei äußerst grausamen Massakern ermordet. Aus den annektierten Gebieten vertrieben die neuen Herren Hunderttausende in das »Generalgouvernement«, das die Nazi-Führung schon damals als Ort der »Endlösung der Judenfrage« ins Auge fasste. Diese von Nazideutschland verübten Verbrechen charakterisieren den Zweiten Weltkrieg von An- fang an als einen rassistischen, antisemitischen und genozidalen Vernichtungskrieg.
Aber auch in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten Ostpolens und des Baltikums verübten die neuen Herrscher grausame Verbrechen: Nicht nur in Katyn, sondern auch an vielen anderen Orten ließen Stalin und sein Geheimdienstchef Berija Zehntausende erschießen, darunter vor allem Offiziere und andere Träger potenziellen Widerstandes. Zusätzlich deportierten die Sowjets Hunderttausende in die UdSSR, wo viele in den Lagern des GuLag an Hunger und Krankheit starben.
Lange hat es gebraucht, bis die Erinnerung an diese schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verübten Verbrechen im europäischen Gedächtnis verankert wurde. Während man in Deutschland dazu neigte, den Polenfeldzug als »normalen Krieg« zu verharmlosen, der am 1. September 1939 »ausgebrochen« sei, wurde vor allem (aber nicht nur) östlich des Eisernen Vorhangs kaum über die von den Sowjets verübten Verbrechen gesprochen. Endlich kann nach langem Verschweigen und Verharmlosen die uneingeschränkte Würdigung und Anerkennung aller Opfer erfolgen.
Doch jetzt zeigt sich, dass dies manch einem nicht ausreicht. Der Hitler-Stalin-Pakt soll von der historischen Tragödie zur Speerspitze eines neuen erinnerungspolitischen Deutungskampfes auf dem »Schlachtfeld Europa« (Claus Leggewie) instrumentalisiert werden. Weniger historische Erklärungen als politische Bekenntnisse sind gefragt. Ginge es wirklich nur darum, die Opfer des Kommunismus in die Erinnerung einzubeziehen, hätte man das Datum der Oktoberrevolution 1917 als Gedenktag wählen können. Mit der Heraushebung des Hitler-Stalin-Pakts aber wird der 1. September, also der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkriegs, abgewertet und der 27. Januar als Gedenktag für alle NS-Opfer relativiert. Es wird der Eindruck erweckt, als seien Krieg und Völkermord das Ergebnis eines Konflikts gewesen, bei dem sich die totalitären Staaten auf der einen und die demokratischen Staaten auf der anderen Seite gegenübergestanden hätten.
Nichts ist falscher als das. Denn der Entschluss der Nazis, Polen zu überfallen, stand seit 1933 fest, wohingegen die Sowjets bis zum Münchener Abkommen 1938 ernsthaft mit den Westmächten und Polen verhandelten. Auch war Polen damals ein autoritärer Staat, der bis Anfang 1939 freundschaftliche Beziehungen zum »Dritten Reich« pflegte und sich im November 1938 militärisch an der Zerschlagung der demokratischen Tschechoslowakei beteiligte. So nimmt der Versuch, eine antitotalitäre Erinnerungskultur zu schaffen, eine bedenkliche Entkontextualisierung und Entdifferenzierung in Kauf, deren Folgen nicht absehbar sind. Wer für die Weiterentwicklung einer gemeinsamen europäischen Zukunft aus der Geschichte lernen will, darf diesen Preis nicht zahlen.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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