Chasarenreichs

Schichtarbeit

von Christian Jahn

Lange schien die legendäre Hauptstadt der jüdischen Chasaren unauffindbar. Immer neue Expeditionen legten in den vergangenen Jahrzehnten Fundamente von antiken Siedlungen frei. Immer wieder wurden Theorien aufgestellt und verworfen. Niemand konnte das Zentrum des Großreichs finden, das sich zum Höhepunkt der Chasaren-Macht um 850 n.d.Z. auf weite Teile Südrusslands, den Westen Kasachstans, die Ostukraine, Teile des Kaukasus und die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ausdehnte.
Vergangene Woche präsentierte ein weiteres Wissenschaftler-Team seine Grabungsergebnisse. Emma Siliwinskaja von der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) und Dmitri Wassiljew von der Universität Astrachan waren sich sicher. Seit der Entdeckung des Fundorts im Jahr 1990 und dem Beginn der Grabungen im Jahr 2000 hatten sie genügend Hinweise gesammelt und dem Erdreich ausreichend Belege abgerungen, um mit ihrer Hypothese an die Öffentlichkeit zu gehen: »Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass es sich um Itil handelt«, sagt Siliwinskaja, die gemeinsam mit Wassiljew die Grabungen in der Nähe des Orts Samosdelka im Wolga-Delta leitet, unweit des nordöstlichen Ufers des Kaspischen Meeres.
In antiken arabischen Quellen wird die Hauptstadt des Chasaren-Volks beschrieben: Itil lag auf einer Insel im Wolga-Delta, nordöstlich des Kaspischen Meeres. Die Stadt wurde von mehreren Armen des Flusses in drei Teile zerteilt – einen westlichen Teil, das Verwaltungszentrum, einen östlichen Teil, das Handelszentrum, und in der Mitte sollen die Paläste des geistlichen Führers, des Khagans, und des Heerführers Bek gestanden haben.
»Die geografischen Beschreibungen treffen auf unseren Fundort zu«, sagt Siliwinskaja. »Und sogar die Entfernungen zu anderen Ortschaften stimmen, die in den Quellen genannt werden. Bei früheren Fundorten war das nie der Fall.« Entfernungen wurden von den arabischen Chronisten mit der Distanz beschrieben, die eine Kamel-Karawane an einem Tag zurück- legen konnte.
Neben den geografischen gibt es weitere Hinweise darauf, dass die Wissenschaftler die Hauptstadt des Großreichs entdeckt haben könnten. »Ich bin vor einiger Zeit mit in einem Flugzeug über das Ausgrabungsgelände geflogen und habe Fotos gemacht«, sagt Siliwinskaja. »Darauf sind deutlich die dreiecksförmigen Umrisse einer Befestigungsanlage zu erkennen.«
Dass die Stadt bedeutend gewesen sein muss, legt auch ein weiterer Fund nahe: Ziegelsteine, die als Baumaterial verwendet wurden. »Das Bauen mit Ziegelsteinen war zur Zeit der Chasaren den Königen vorbehalten. Die Siedlung, die wir gefunden haben, muss also eine Königsstadt gewesen sein«, folgert Siliwinskaja.
Innerhalb der Umrisse der Festungsanlage wurde bereits mit den Grabungen begonnen. Dort entdeckten die Wissenschaftler Überreste von Gebäuden, deren Bau- weise der der nomadischen Jurten-Zelte ähnelt – nach Siliwinskaja ein deutlicher Hinweis auf das türkisch sprechende Mongolen-Volk und auf die bescheidenen Fähigkeiten der Halbnomaden beim Hausbau.
Die Kulturschicht am Grabungsort ist bis zu drei Meter tief. Innerhalb von 100 Jahren lagert sich ungefähr ein halber Meter Erdreich ab. Dmitri Wasiljew von der Universität Astrachan hofft, dass sich mit den zahlreichen Fundstücken, die sein rund 50-köpfiges Team bereits ans Tageslicht gebracht hat, der Alltag der Chasaren rekonstruieren lässt. »Wir haben viele Fund- stücke hervorgeholt: Nägel und Schmuck aus Bronze, Haushaltsgegenstände und vor allem Gefäße aus Keramik«, sagt Wasiljew. Die Keramik-Gegenstände würden mit Fundstücken aus anderen Gegenden verglichen, zu denen bereits Erkenntnisse vorlägen, beispielsweise über die Verwendung oder das Alter.
»Sehr gut möglich, dass wir hier auch Gegenstände finden, die direkt auf die jüdische Religion hinweisen«, so Wassiljew – die Chasaren hatten das Judentum gegen Ende des achten Jahrhunderts zu ihrer Staatsreligion gemacht. »Am ehesten könnte das wohl eine Menora sein.«

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