Anschlag

„Scheiss Juden, weg hier“

von Detlef David Kauschke

In anderen Berliner Kindergärten plagen sich die Eltern derzeit mit Erkältungskrankheiten und Magen‐Darm‐Viren, die bei den Kleinen die Runde machen. Auch im Kindergarten Or Avner war dies das aktuellste Thema – bis zum vergangenen Wochenende. Denn am frühen Sonntagabend unterrichteten die Leiterinnen des Kindergartens und der im gleichen Haus untergebrachten Jüdischen Traditionsschule die Eltern telefonisch darüber, dass es einen antisemitischen Anschlag auf das Haus am Spandauer Damm gegeben hat.
Unbekannte hatten das Gebäude mit Nazi‐Symbolen und judenfeindlichen Sprüchen beschmiert und einen Rauchkörper in einen Gruppenraum des Kindergartens ge‐
worfen. „Der Rauchkörper hätte brennen können. Er hat aber keinen Schaden angerichtet“, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski am Sonntag. Es ist nicht auszuschließen, dass die Attentäter das Haus in Brand setzen wollten.
Am Mittag hatte eine Polizeistreife die Schmierereien entdeckt. Einsatzkräfte durchsuchten daraufhin das gesamte Gelände rund um die Kita nach Spuren. Auch Sprengstoffexperten und ein Fährtenhund waren im Einsatz. Die Beamten entdeckten dabei auch Nazi‐Schmierereien in einer be‐
nachbarten offenen Galerie im Ruhwaldpark.
Innensenator Ehrhart Körting war un‐
mittelbar nach Bekanntwerden des Anschlags zum Spandauer Damm geeilt. Gemeinsam mit Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Jüdisches Bildungszentrum, dem Betreiber der Einrichtung, besichtigte er den Tatort. Auch Gemeindechef Gideon Joffe und der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, waren mit dabei. Sie zeigten sich erschüttert vom Bild, das sich ihnen bot: An den Wänden waren in schwarzer Farbe antisemitische Sprüche wie „Scheiss Juden“, „Sieg Heil“ und „weg hier“ zu finden. Auf ein rotes Kinderauto direkt neben der Eingangstür hatten die Täter SS‐Runen gesprüht, auch auf den grünen Briefkasten am Zaun waren Hakenkreuze geschmiert worden.
Körting sprach in einer ersten Reaktion von einer „feigen Tat“ und „der besonderen Bösartigkeit der Täter“. Joffe betonte, es handle sich nicht nur um einen Anschlag auf die jüdische Gemeinde, sondern um einen Angriff auf die gesamte Gesellschaft. Teichtal sagte: „Der Versuch einen jüdischen Kindergarten niederzubrennen und zu verwüsten, ist eine gefährliche Eskalation von Intoleranz und Rechtsradikalismus.“ Der Innensenator versprach noch vor Ort, dass alles getan werde, die Straftäter zu ermitteln und das Gebäude zu schützen.
Der Jüdische Kindergarten Or Avner wurde im September 2004 eingeweiht. Etwa 50 Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren besuchen die Einrichtung, weitere 40 Kinder werden in der Jüdischen Traditionsschule unterrichtet. Das Gebäude wurde bislang tagsüber von Polizeikräften bewacht, nachts und am Wochenende durch Streifenwagen kontrolliert. Das seien die von Experten empfohlenen Sicherheitsvorkehrungen gewesen, sagte Körting auf Nachfrage zum Schutz der Einrichtung. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, hatte die Maßnahmen kritisiert: „Insbesondere nach dem Anschlag auf die Lauder‐Chabad‐Schule in Wien vor einigen Wochen war um intensivere Überwachung gebeten worden.“
Dem wird jetzt wohl Rechnung getragen. Das Gebäude steht seit Sonntag unter verstärktem Polizeischutz. „Wir sind auf Dauer präsent, bis die technische Sicherheitsausstattung des Areals dem erforderlichen Standard entspricht“, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski am Diens‐
tag der Jüdischen Allgemeinen. Der polizeiliche Staatsschutz sei um Aufklärung des Anschlages bemüht. Konkrete Hinweise auf die Täter gebe es noch nicht, es würden weiterhin Zeugen gesucht, so Schodrowski.
Unterdessen ist man im Kindergarten bemüht, wieder den Alltag einkehren zu lassen. Die Schmierereien wurden noch Sonntagnacht übermalt, die kaputten Scheiben ersetzt. Am Dienstag waren Ar‐
beiter damit beschäftigt, eine Außenbeleuchtung am Haus anzubringen. Und drinnen? „Es gab am Montag eine noch etwas bedrückte Stimmung“, sagt Kita‐Leiterin Laura Badiali, „aber alle Kinder sind gekommen, die Eltern waren sehr stark.“ Und jetzt wendet man sich lieber erfreulicheren Dingen zu. „Wir bereiten uns auf Purim vor. Das Feiern lassen wir uns nicht verderben.“
Solidaritätsbekundungen aus der Nachbarschaft – von Anwohnern oder Parkbesuchern, von benachbarten Schulen oder Kindergärten, Kirchen und Vereinen – gab es keine. Auch das öffentliche Berlin hielt sich auffällig zurück. Dennoch lädt Rabbiner Teichtal an diesem Donnerstag, 13 Uhr, zu einem Toleranz‐ und Solidaritätsgebet in die Synagoge Münstersche Straße ein. Da‐
bei will er auch auf das Purimfest verweisen, mit dem an die Errettung der persischen Juden vor der Vernichtung erinnert wird: „Wir wollen mit diesem Gebet zeigen, dass wir einer Bedrohung nicht weichen, sondern mit Stolz unser Judentum weiter in Berlin leben werden.“

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