Glaube und Tat

Ruths Beispiel

von Rabbiner Avichai apel

Wenn unser Leben nur von unseren Ins‐
tinkten gesteuert wäre, ähnelten wir den Tieren. Wir würden uns keine Gedanken machen und uns nur instinktiv verhalten, um unsere Nahrungs‐ und Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Wenn unser Leben andererseits nur von unseren Gedanken abhängig wäre, würden wir ein Buch le‐
send in eine Couch sinken und nur unsere intellektuellen Bedürfnisse befriedigen. Die Gedanken allein würden uns nicht helfen, weil sie gänzlich unpraktisch sind. Menschsein bedeutet, Gedanken und Ta‐
ten miteinander zu verbinden.
Raucher argumentieren häufig, dass sie nicht von den Zigaretten lassen können, weil sie sich so sehr an das Rauchen ge‐
wöhnt haben. Das sagen sie selbst noch, wenn ihnen bewiesen wird, dass sie ihre Gesundheit gefährden. Die Entfernung zwischen dem Verständnis der Tat und der Tat an sich scheint unüberbrückbar.
Die Tora weist ausdrücklich an, dass die Gedanken des Menschen sich nicht von seinen Taten unterscheiden sollen. Für viele Religionen reicht es aus, dass der Mensch eine Erklärung abgibt, wonach der Glaube an G’tt in seinem Herz verankert ist. Die Taten des Menschen sind nicht Bestandteil seines spirituellen We‐
sens, und es gibt keine Verbindung zwischen dem Verhalten und dem Glauben. Doch die Tora verdeutlicht uns, dass es nicht ausreicht, G’tt zu lieben. Vielmehr müssen auch seine Gebote eingehalten werden.
Wenn wir das Schma‐Gebet lesen, können wir diese Differenzierung ganz ge‐
nau beobachten. Zuerst rufen wir: »Schma Israel, G’tt ist unser G’tt, G’tt ist eins«. Dabei handelt es sich um ein klares Glaubensbekenntnis. Sofort danach kommt ein weiterer Teil, in dem wir ausdrücklich sa‐
gen: »Und es wird geschehen, so ihr hö‐
ret auf meine Gebote, die ich euch heute gebiete, den Ewigen euren G’tt zu lieben und ihm zu dienen mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele«. Die Mischna (Brachot 2,2) erklärt die Verbindung zwischen den zwei ersten Teilen von Schma Israel: »Sagte Rabbi Josua ben Korcha, wa‐
rum steht ›Höre vor ›Und es wird geschehen, so ihr höret – damit der Mensch zu‐
erst die Autorität G’ttes akzeptiert und erst danach die Autorität der Gebote.« Man kann hier zwei bedeutsame Teile des menschlichen Glaubens unterscheiden. Zu‐
erst muss der Mensch die Autorität G’ttes anerkennen. Das ist der wichtigste Teil, der als Fundament für alle Taten des Menschen dient. Ohne Glaube und innere Überzeugung, dass G’tt keine bloße Theorie ist, sondern Schöpfer der Welt, der uns auf den richtigen Lebensweg führen kann, gibt es keine Basis für die Einhaltung der Gebote. Wenn diese Basis fest steht, muss sie aber im Alltag durch Taten ausgedrückt werden.
Einen weiteren Ausdruck dafür kann man im Buch Ruth finden, das wir an Schawuot lesen. In der dramatischen Ge‐
schichte steckt ein Prozess der Zusammenkunft von Ruth mit ihrer Schwiegermutter Naomi. Ruth verstand, eine untrennbare Verbindung zwischen sich und Naomi her‐zustellen, die über ihren Weg zur Verbindung und Zugehörigkeit zum Volk Israel verläuft. In der emotionalen Ansprache von Ruth an Naomi, sich nicht von ihr abzuwenden und ihr zu erlauben, sie auf dem Rückweg nach Eretz Israel zu begleiten, spricht Ruth die bekannte Treueerklärung aus: »Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, mich abzukehren von dir; denn wohin du gehest, gehe ich, und wo du weilest, weile ich; dein Volk ist mein Volk, und dein G’tt ist mein G’tt.« (Ruth 1, 16–17). Die emotionale und intellektuelle Treue zu G’tt reicht an dieser Stelle nicht aus. Raschi zitiert den Midrasch, der erklärt, dass hinter der Aussage die Verpflichtung steckt, die Gebote einzuhalten. Es gibt hier einen versteckten Dialog zwischen der Schwiegermutter und ihrer Schwiegertochter. Naomi sagt zu Ruth, dass die Religion Israels nicht zwischen Glaube und Tat trennt.
Für das Volk Israel reicht es nicht aus, große Ideen zu haben. Unser Ziel ist es, unseren Glauben im Leben zu verwirkli‐
chen. »Rabbi Chanania ben Akaschia sagt: G’tt wollte dem Volk Israel etwas schenken, und deshalb gab er ihm die Tora und mehrere Gebote.« Die zahlreichen Gebote, die wir erhielten, ermöglichen uns, bestimmte Taten in jedem Alltagsbereich zu meiden, die grundsätzlich unseren spirituellen Visionen widersprechen. Es gibt Gebote, die sich mit dem Familienleben beschäftigen. Es gibt Gebote, die sich mit dem Handel beschäftigen, Gebote über das Verhältnis zwischen Arm und Reich, Gebote über das Verhältnis von Alt und Jung und zwischen dem Volk Israel und den anderen Völkern. Jeder moralische Anspruch findet Entfaltung in der Welt.
Das Einhalten der Gebote bedeutet nicht nur eine technisch unverbindliche Umsetzung. Es handelt sich um ein ganzes System, das uns in unserem Leben führt, um die Welt zu heilen und sie zur moralischen Vollendung zu bringen. Wir schützen die Welt auf diese Weise nicht nur vor Korruption, sondern wir bauen sie mit der Einhaltung der Gebote auf. Jede Tat be‐
kommt dadurch eine total andere Bedeutung. Jede Tat wird nicht nur technisch umgesetzt, sondern sie ist eine Verbindung zwischen hohen Ideen und dem praktischen Alltagsleben.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Ge‐
meinde Dortmund

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