Hamburg

Riss durchs Gelände

von Frank Keil-Behrens

Immer geradeaus, dann kommt die Elbe. Und der Hafen mit seinen Schiffen. Über zwei Brücken geht es, eine Kopfsteinpflasterstraße entlang, die in einen kleinen Park mündet: drei Pappeln, viel Gestrüpp, saftloses Gras und zwei Bänke, die viel zu klein zum Hinsetzen wirken. Drumherum sind Gleise zu erkennen, Reste eines Bahnsteigs, von Bauzäunen eingesperrt. Still ist es – bis auf das leise Rauschen, das in der Stadt immer zu hören ist. Niemand ist unterwegs. Hierher kommt man nur, wenn man sich gründlich verlaufen hat – wenige Hundert Meter vom Hamburger Stadtzentrum entfernt.
Dabei befand sich hier einst der Hannoversche Bahnhof: Erbaut 1872, verband er Hamburg mit Hannover und dem Süden. Als 1906 der zentrale Hauptbahnhof eröffnet und eine sturmflutsichere Bahntrasse verlegt wird, ist er fortan Hauptgüterbahnhof der Stadt. Nicht nur Waren werden umgeschlagen: Während des Ersten Weltkriegs starten von hier die Truppentrans-porte an die Front. Doch die ganz dunklen Tage kommen noch. Zwischen 1940 und 1945 deportiert man mindestens 7.692 Juden, Roma und Sinti, überwiegend aus Hamburg, aber auch aus Stade und Bremerhaven. Die Züge rollen in die KZs und Vernichtungslager von Lodz, Minsk, Riga, Theresienstadt und nach Auschwitz. Der letzte Transport verlässt Hamburg am 14. Februar 1945 Richtung Osten. Da ist Auschwitz schon befreit. Historiker schätzen, dass nur wenige Hundert Menschen die Deportationen überlebt haben.
Nach dem Krieg unternehmen die Hamburger nichts, um an diesen Ort ihrer Geschichte zu erinnern. Das beschädigte Hauptportal des Bahnhofs wird Mitte der 50er-Jahre gesprengt. Immer mehr Teile des alten Kerngebäudes sowie der angren-zenden Schuppen werden nach und nach abgebrochen. Die letzten Reste verschwinden 1981.
»Es gab in dieser Stadt lange einen bürgerlichen Konsens, der sich gegen eine reale Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gesträubt hat«, analysiert Mo- ritz Terfloth, Historiker und Vorstandsmitglied des Auschwitz-Komitees BRD e.V. »Abstrakte Anerkennung der Schuld, Aussöhnung mit Israel, klar. Aber eine offensive Beschäftigung mit konkreten Orten – besser nicht.«
Auch Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck betont, dass das Vergessenwollen allgemein verbreitet war: »Selbst engagierte Institutionen und Initiativen, auch die Opferverbände unserer Stadt, haben viele Jahre dem ehemaligen Hannoverschen Bahnhof als historischem Ort kaum Bedeutung beigemessen.« Der Historiker Ulrich Bauche äußert eine weitere Vermutung dazu: »Im Gedächtnis waren lange Zeit nur die Sammelstellen wie das ehemalige Logenhaus in der Moorweidenstraße im Grindelviertel. Dort hat man sich von Verwandten verabschieden müssen; hier hat man sie meist zum letzten Mal gesehen.« Mit Beginn der 90er-Jahre aber wird der Ort Stück für Stück wiederentdeckt: Die Jüdische Gemeinde unternimmt erste Spaziergänge zu den Stätten ehemaligen jüdischen Lebens und steht schließlich auf dem einstigen Bahnhofsplatz. In Fachkreisen beginnt man zu recherchieren. Die Kulturbehörde lässt eine Gedenktafel aufstellen – 2005, zum 60. Jahrestag des letzten Transports.
Der Bahnhof wird auch durch ein ganz anderes Ereignis wiederentdeckt: Er ge-hört zum Areal der Hafencity, Hamburgs neuem Stadtteil. Regelrecht aus dem Boden gestampft, sollen hier in den nächs-ten Jahren 12.000 Menschen auf 155 Hektar ehemaliger Hafenfläche ihren Platz finden, in überwiegend hochpreisigen, archi- tektonisch ausgefeilten Eigentumswohnungen. Allein mit dem radikalen Umbau und der Umnutzung ehemaliger innerstädtischer Areale, mit dem Zuschütten von Kanälen oder Hafenbecken und dem Aufschütten neuer Flächen kam Stück für Stück auch die Hamburger Geschichte zum Vorschein. »Erst mit den Planungen für die Hafencity fand der ehemalige Deportationsbahnhof öffentliche Aufmerksamkeit«, sagt Karin von Welck.
Detlef Garbe, der als Leiter der Gedenkstätte Neuengamme in die Planungen zu einem zukünftigen Gedenkort »Hannoverscher Bahnhof« von Anfang an einbezogen ist, formuliert es ähnlich: »Ohne den Bau dieses neuen Stadtteils hätte die Politik vermutlich weit mehr gezögert, sich der Sache überhaupt anzunehmen«. Er verweist besonders auf das Vorhaben, den ehemaligen Bahnhofsvorplatz, der bald von schicken Wohnhäusern umsäumt sein wird, in einen Gedenkpark umzuwandeln. Die Reste der Bahngleise, auf denen die Deportationszüge fuhren, sollen dabei architektonisch verlängert werden und bis weit in den künftigen Erholungspark hineinragen: »Es geht immerhin um eine Strecke von 500 Metern, und wie auch im-mer diese am Ende künstlerisch gestaltet wird, es wird ein erkennbarer Riss sein, der sich durch das Gelände zieht.« Geplant ist zugleich die Errichtung eines Dokumentationszentrums am Rande des Parks, in dem eine Dauerausstellung über die Deportationen informieren soll.
Gerade hier sieht Moritz Terfloth bei aller Zustimmung zu den Planungen noch Klärungsbedarf: »Wird dort eine schlecht bezahlte Teilzeitkraft ein paar Stunden sitzen und allein darauf achten, dass niemand die Ausstellungstafeln beschädigt?« Kultursenatorin Karin von Welck kann zur Ausstattung der Dokumentationsstätte noch nichts Verbindliches sagen, betont aber die Entschlossenheit der Politiker: »Die Einrichtung einer Dokumentationsstätte ist erklärter Wille des Senats.«
Für Terfloth gibt es eine klare Maßgabe, nicht an Geld zu sparen, lässt es sich die Stadt Hamburg doch einiges kosten, um den neuen Stadtteil auszustatten: Allein die kommende Elbphilharmonie als Prunkstück der Hafencity wird mindes-tens 323 Millionen Euro verschlingen. Und dann das neue Internationale Maritime Museum, begründet vom langjährigen Springer-Aufsichtsratsvorsitzenden Peter Tamm: bestückt unter anderem mit Dutzenden von Modellen der Nazimarine, mit jeder Menge Orden und einer Kopie des Großadmiralstabes des Hitlernachfolgers Karl Dönitz. Für dieses Haus, das die Presse bundesweit mit Hohn und Spott bedachte, während sich die Hamburger Medien im üblichen lokalpolitischen Gehor- sam übten, hat die Stadt 30 Millionen Euro gegeben. »Mindestens so viel müss-ten es für die Gedenkstätte sein«, sagt Moritz Terfloth.
Und womöglich könnte der künftige Gedenkort die Stadtoberen weit mehr mit der Geschichte konfrontieren, als ihnen lieb ist: So gibt es unweit des Hannoverschen Bahnhofes das Gelände des ehemaligen Fruchtschuppens C, in dem die Hamburger Kriminalpolizei (und nicht etwa die Gestapo oder die SS) am 16. Mai 1940 mehr als 900 Roma und Sinti für den ersten Transport eingesperrt und vier Tage lang drangsaliert hat. Hinzuweisen wäre auch auf die noch erhaltenen Baracken des einstigen Frauenaußenlagers »Dessauer Ufer« des KZs Neuengamme. Langsam spricht sich zudem herum, dass im Hafen die sogenannten Judenkisten mit dem Hab und Gut der Deportierten versteigert wurden – wo Zigtausende von Hamburgern beherzt zugriffen. Und, dass in der der Hafencity vorgelagerten und bei Touristen besonders beliebten Speicherstadt jede Menge Zwangsarbeiter schuften mussten – für ganz normale Hamburger Firmen.
Ortswechsel. Und auch wieder nicht. Es geht nur kurz stadteinwärts, an den Jungfernstieg, Hamburgs Flaniermeile. Von der Hafencity sollen aus Wegen und Blickachsen architektonische Schneisen zwischen Elbe und Alster geschlagen werden, um den neuen Ortsteil an den altehrwürdigen Innenstadtkern mit Mönckebergstraße, Rathaus und Binnenalster anzubinden. Unter der Erde kommen an dieser Stelle diverse S- und U-Bahnlinien zusammen. In einem der Gänge eine unscheinbare graue Stahltür. Ein forsches Klopfen, die Tür öffnet und schließt sich schnell wieder. Hier haben die Hamburger Freunde der Eisenbahn ihr Büro, ihr Archiv. Ein Telefon klingelt schrill, ein junger Mann hebt ab, lauscht, ruft dann in den Raum: »Die Heeresleitung!« Ein kleiner, etwas korpulenter Kollege eilt herbei, nimmt den Hörer, murmelt: »Was will denn jetzt die Heeresleitung schon wieder?«
Dem Eisenbahnhistoriker Robin Garn ist solch makaberer Humor sichtbar peinlich: »Wenn Sie etwas über die Geschichte der Eisenbahn Finnlands wissen wollten, würden Sie hier fündig. Aber über die Hamburger Deportationszüge, nee, nichts.« Er denkt kurz nach: Gleispläne gäbe es. Aber viel könne man daraus nicht ablesen. Auf einem kleinen gelben Zettel zeichnet er die Lage des damaligen Bahnhofs nach: rechts oben das Hauptgebäude, links unten die Gleise: »Die Züge standen auf den Rumpfgleisen bereit; man hat die Leute nicht durch die große Bahnhofshalle gebracht.« Noch etwas fällt ihm ein: »Wissen Sie, dass schon 1951 oder 1952 an diesen Gleisen eine Automobilausstellung stattfand? Dort wurde auch erprobt, wie man Autos auf Reisezüge laden könnte, über Rampen.« Er holt tief Luft: »Zehn Jahre, nachdem an diesem Ort so Schreckliches passiert ist, schwelgen die Leute im Wirtschaftswunder und frönen ihrer Reiselust.«
Und noch etwas kann er zum Thema Hamburg, den Gräueln der Nazizeit und der Rolle der Eisenbahn beisteuern: In einem Keller der Bahndirektion in Hamburg-Altona ist er noch 2002 auf die Akten aller Eisenbahner gestoßen, die während des Krieges und der Deportationen in Osteuropa und Ostdeutschland tätig waren: »Die Rote Armee rückte an, der Geschützdonner war schon deutlich zu hören, da hat man mit Räumzügen alle Unterlagen aus Städten wie Breslau oder Posen nach Hamburg gebracht.« Wohin? Er hofft, dass die Akten ins Eisenbahnarchiv nach Nürnberg ge-wandert und noch zugänglich sind.
Zurück an den ehemaligen Bahnhofsvorplatz. Ein ICE zieht südwärts vorbei, dann ist es wieder still. Kurz keimt der Gedanke auf, diesen Ort in seiner Trostlosigkeit, in seiner Verlassenheit, mit den abgestellten Containern, dem in die Ecken gekippten Sperrmüll einfach einzufrieren und so die Geschichte der Geschichte zu erzählen. Ganz in der Nähe ist dieser Tage die Ausstellung »In den Tod geschickt. Die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945« zu sehen, die erstmals umfangreich über das damalige Geschehen informiert. Sie soll Grundstock für die kommende Dauerausstellung werden. Moritz Terfloth ist mit dem Planungsstand zum künftigen Gedenkort ganz zu-frieden: »Hamburg kann sich anhand ei- ner sonst nicht gerade glorreichen Vergangenheitsaufarbeitung hinstellen und sagen: Wir haben es mal richtig gemacht!« Trotzdem schwingt in seiner Stimme eine gewisse Zurückhaltung mit: Wenn das Dokumentationshaus 2012/2013 eröffnet und der Gedenkpark 2017 fertig sein wird, werden viele der letzten Überlebenden nicht mehr da sein.
Und so wird noch einmal greifbar, dass Hamburg als reiche, zweitgrößte Stadt dieses Landes jahrzehntelang nichts unternommen hat, um an die einstige Verschleppung seiner Bürger zu erinnern. Das ist nicht vergessen.

In den Tod geschickt. Die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. April im Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15. zu sehen. Di bis So: 11-18 Uhr

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