Bleicherode

Puzzlearbeit

von Annette Kanis

Aus seinem Wohnzimmerfenster in Bad Honnef blickt Dirk Schmidt in der Ferne auf den Rhein. Doch in den vergangenen Jahren war der pensionierte Bankfachmann in Gedanken meist ganz woanders – 400 Kilometer östlich und in der Vergangenheit und in seiner thüringischen Heimatstadt Bleicherode. Nach der Wende, als der Kontakt zur alten Heimat wieder enger wurde, sei ihm ein wunderschönes, aber stark herunter- gekommenes Haus aufgefallen, erinnert sich Dirk Schmidt. Er holt sein Fotoalbum hervor und zeigt ein Foto der vom Verfall gezeichneten »Alten Kanzlei«. »Sie drohte zusammenzustürzen. Ich wollte mich da- für einsetzen, dass sie erhalten bleibt.«
Zunächst ging es um Geld für ihre Restaurierung. Doch schnell stellte sich heraus, dass die Alte Kanzlei eine interessante Vergangenheit hatte. »Ich entdeckte, dass sich in dem Hauptgebäude die erste Synagoge der Stadt befand und zwar von 1725 bis 1882«, erzählt der 78-Jährige. Aus der Idee, das Gebäude zu restaurieren, wurde schnell der Gedanke, dort in Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Bleicheroder Juden eine Gedenkstätte einzurichten.»
Eine stattliche Privatspende eines Un- ternehmerehepaares aus Bad Honnef und andere Fördermittel ermöglichten dem frisch gegründeten Förderverein, das Haus zu kaufen. Nach Vorlage des Nutzungskonzeptes, sagten dann auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Land Thüringen Unterstützung zu. Geld floss schließlich auch aus dem Strukturverbesserungsfonds der Europäischen Union.
Während in Bleicherode die Restaurierung des Gebäudes auf Hochtouren lief, vertiefte sich Dirk Schmidt an seinem Schreibtisch in die Geschichte der Juden von Bleicherode. Der Banker, der sich schon immer für Geschichte interessiert hatte, suchte nach Kontakten zu Überlebenden der kleinen jüdischen Ge- meinde. Ein jüdischer Schulkamerad half ihm dabei, nach und nach ergaben sich Kontakte in Deutschland, Israel, den USA, Südamerika, den Niederlanden und Großbritannien.
«Sie waren alle sehr aufgeschlossen und haben mich unterstützt», sagt Dirk Schmidt dankbar. Er korrespondierte, telefonierte, machte Besuche vor Ort und sammelte persönliche Dokumente, Erzählungen und Informationen. Die ehemaligen Bleicheroder freuten sich über das Interesse an ihrer Heimat. 25 jüdische Gäste kamen aus dem Ausland zur Einweihung der Ausstellung im Frühjahr 2007.
Die persönlichen Daten ergänzte Dirk Schmidt durch Informationen aus Archiven wie dem Preußischen Staatsarchiv in Berlin, dem Leo-Baeck-Institut New York, der Dokumentation von Yad Vashem bei Jerusalem, der Harvard University Boston, dem Jüdischen Museum in Frankfurt am Main oder dem Staatsarchiv Gotha/Weimar/Magdeburg. Die Arbeit sei mühselig gewesen, sagt Schmidt. Aber sie habe sich gelohnt.
Heute ist die Spurensuche nach den Bleicheroder Juden auf 50 Bildtafeln dokumentiert. Die ersten zeigen Ausschnitte aus der jüdischen Geschichte, dann folgt die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Bleicherode. Die meisten Tafeln beschäftigen sich mit einer Familie. «Ich wollte zum einen die allgemeine Geschichte der jüdischen Gemeinde darstellen, zum anderen den Alltag der jüdischen Familien, um zu zeigen, dass sie wie alle anderen Bleicheroder Bürger lebten. Sie spielten für Bleicherode eine große Rolle, waren angesehen und leisteten einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung des Ortes», erklärt Dirk Schmidt und zeigt erläuternd einen Bildband, in dem die Ausstellung zusammengefasst ist.
Fotos, Zeitungsausschnitte, Briefe, persönliche und offizielle Dokumente vereinen sich zu einem Schaubild, das Dirk Schmidt durch erläuternde Texte ergänzt hat. Sie erzählen die Geschichten von We- bereifabrikanten, Stadtverordneten und Bankiers, von Schützenkönigen, Bauherren stattlicher Bürgerhäuser, von Familienbanden und Neuanfängen. Und sie erinnern an Vertreibung, Flucht und Vernichtung von Juden des kleinen Ortes.
Dirk Schmidt ließen diese Geschichten nicht mehr los. «Wenn man diese Bilder sieht und die Schicksale in den Dokumenten liest, mit den Hinterbliebenen spricht, geht einem das sehr nahe. Ich habe mir gesagt, das muss gezeigt werden, das darf nicht in Vergessenheit geraten, betont der Bankfachmann immer wieder.
In den vergangenen zwei Jahren haben mehr als 3.000 Besucher die Dokumentation gesehen. Dirk Schmidt ist in seiner zurückhaltenden Art stolz auf dieses Interesse. Für die nächsten Jahre hat der Förderverein längst weitere Pläne. Zur Zeit erstellt der Pensionär eine fehlende Tafel über drei jüdische Familien, von denen erst jetzt ausreichend Informationen zu- sammengetragen werden konnten. Und wenn es noch einmal Fördergelder geben sollte, würde der Verein die Dokumentation gerne um eine Präsenzbibliothek mit Literatur und Filmen übers Judentum und die Verfolgung erweitern.

Alte Kanzlei Bleicherode, Förster-Genzel- Straße 7, Anmeldung für Führungen unter Telefon: 036338/613 99. Eintritt frei.

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