Sukkat Schalom

Progressiv und egalitär

von Christine Schmitt

Die Synagogengemeinde „Sukkat Schalom“ will hoch hinaus. Ganz nach oben. Genauer: auf das Dach des Chaplain‐Centers am Hüttenweg. Dort soll – wenn es nach Rabbiner Andreas Nachama und Vorstandsmitglied Benno Simoni geht – das Raumproblem der Betergemeinschaft ge‐
löst werden. „Wir sind derzeit in Verhandlungen, ob es möglich wäre, über unserer jetzigen Synagoge aufzustocken“, sagt Na‐
chama. Ein Architekt werde in Kürze ein Gutachten vorlegen und wenn sich die Hoffnungen erfüllen, dann „wären wir glücklich“, meint Simoni. Dann hätte die Betergemeinschaft endlich ein eigenes Domizil, das sie sich nicht mehr mit anderen Gruppen teilen müsste. „Wenn wir die zweite Etage bauen könnten, dann wird das natürlich auch Geld kosten“, sagt Na‐
chama, der nun auf Spenden hofft.
„Wir platzen aus allen Nähten“, macht Benno Simoni das Dilemma deutlich. Auch beim vergangenen Freitagsgottesdienst gab es nur noch wenige freie Plätze. 50 bis 80 Beter kommen laut Simoni im‐
mer. Die Betergemeinschaft hatte auf einer ihrer jüngsten Versammlungen beschlossen, möglichst am Hüttenweg zu bleiben. Vorher hatte sich der Vorstand in Zehlendorf und Steglitz nach einem neuen Ort umgesehen, aber nichts Entsprechendes gefunden.
Das neue Jahr hat für die Betergemeinschaft mit ein paar Neuerungen begonnen, sagt Simoni. Zugleich erinnert er noch einmal daran, wie vor knapp zehn Jahren die Synagoge erst wieder ins Le‐ben gerufen wurde, nachdem sie von den jüdischen Mitgliedern der abgezogenen US‐Armee nicht mehr genutzt worden war. Mit zwei Gottesdiensten pro Monat ging es los, doch nach einem Jahr war die Nachfrage schon so groß, dass jeden Freitagabend Gebete stattfinden konnten. Nun ist seit dem vergangenen Schabbat Bereschit auch samstags, 10 Uhr, ein Schacharit‐Gottesdienst eingeführt worden. Zudem ist neu, dass das Gebet am Erew Schabbat nun eine Stunde früher, bereits um 19.30 Uhr, beginnt.
„Progressiv, egalitär und reformiert – mit diesen drei Wörtern würden wir uns auf die Schnelle beschreiben“, sagen Rabbiner Andreas Nachama und Benno Simoni unisono. „Sukkat Schalom“ ist Mitglied der „Union Progressiver Juden in Deutschland“. Wir sind die Berliner Reformgemeinde“, ergänzt Simoni.
Bisher unterstützt die Jüdische Gemeinde zu Berlin die Betergemeinschaft mit 6.000 Euro jährlich für Miete und Sicherheit, sagt Kultusdezernent Benno Bleiberg. Doch das reiche nicht aus, meint Simoni, der auch Schatzmeister ist. Deshalb hätten sich kürzlich Vorstand und Rabbiner mit der Bitte an die Gemeinde gewandt, der Synagoge 12.000 Euro jährlich zur Verfügung zu stellen. Das

wurde abgelehnt. Mit dem Geld sollten Vorbeterinnen und Religionslehrer bezahlt werden. Denn auf dem Programm von „Sukkat Schalom“ stehen nicht nur Gottesdienste, sondern auch Religionsunterricht für die Jüngsten, ein Kinderchor, die Bar‐ und Batmizwa‐Vorbereitungen, und fortführender Unterricht für Jugendliche. Außerdem ein Einführungskurs ins Judentum und ein Hebräischkurs.
Bei allen Aktivitäten seien – neben Kantor Alexander Nachama – gerade auch die Vorbeterinnen „unsere Säulen“, betont Si‐moni. Er meint Esther Hirsch und No‐
ga Hartmann, die seit einiger Zeit gemeinsam mit dem Rabbiner die Gottesdienste gestalten. Esther Hirsch war neun Jahre alt, als sie im Synagogenchor Herbartstraße anfing zu singen. Mit zehn Jahren war sie erstmals im Gottesdienst dabei. „Ich bin in diesem Chor aufgewachsen“, sagt die 39‐Jährige, die in Zehlendorf groß geworden ist. Im Synagogenchor fiel sie vor ein paar Jahren Simoni und Nachama auf, die sie daraufhin fragten, ob sie als Vorbeterin in ihrer Synagoge amtieren würde. Sie sei überrascht gewesen, hätte sich geehrt gefühlt und hätte sich das erst gar nicht so richtig zugetraut, sagt Hirsch. Aber dann freundete sie sich mit dem Gedanken an, nahm Gesangsunterricht und forstete das Notenarchiv von Oberkantor Estrongo Nachama sel. A. durch. „Alle haben mir geholfen“, sagt die Nachrichtenredakteurin und Mutter von zwei kleinen Kindern heute. Auch Noga Hartmann kommt aus dem Synagogenchor Herbartstraße. „Ich hatte immer gedacht, dass ich eine kleine Stimme habe“, sagt die 36‐jährige Mutter von zwei Kindern. Auch sie hatte nie daran gedacht, einmal als Vorbeterin zu amtieren. Umso mehr freute sie sich, als ihr der Vorschlag gemacht wurde. Gesang hat sie ihr ganzes Leben begleitet, meint sie. Seit drei Jahren ist die gebürtige Israelin wieder in Berlin. Sie hat zuvor in Israel Judaistik studiert und in diesem Fach auch promoviert. „Ich habe in der Synagoge Hüttenweg sehr viel Freude, die Atmosphäre ist einfach etwas Besonderes“, sagt Noga Hartmann.
„Uns ist die Gemeinschaft sehr wichtig“, betontt Rabbiner Andreas Nachama. Er fände es begrüßenswert, wenn nach dem Gottesdienst noch zusammen gegessen werde, anstatt dass jeder in seinen eigenen vier Wänden beim Kiddusch und anschließenden Schabbatmahl sitzt. Die Beterschaft hätte sogar einen transportablen Tora‐Schrank und könnte bei Feiertagen den Gottesdienst beispielsweise in andere Räume verlegen. Aber am liebsten wäre es, wenn sie sich in einem eigenen Synagogenraum treffen könnten. Auf dem Dach des Chaplain‐Centers.
www.sukkat-schalom.de

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