Auszug aus Ägypten

Prinzip Hoffnung

von Rabbiner Avichai Apel

Einige Menschen nehmen an, dass ein gläubiger Mensch schwierige Situationen besser verkraften kann. Stimmt das? Was hilft eigentlich einem Menschen, seine Si‐
tuation zu verändern?
Wie kann man zum Beispiel Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen helfen, ihre Einstellung zu ändern und ihnen damit bessere gesellschaftliche Perspektiven eröffnen? Selbst viele soziale Orga‐
nisationen tun sich schwer zu verstehen, wie das zu schaffen ist. Man weiß, dass die Gesellschaft, in der ein Mensch aufwächst, einen sehr starken Einfluss auf ihn hat. Doch das Individuum kann sich dagegen behaupten. Mit dem nötigen Willen. Nur zumeist stammt mangelnder Ehrgeiz von der mentalen Schwierigkeit, eine Verän‐
derung im Leben vorzunehmen. Der Mensch befindet sich in einem bestimmten Zustand, auf einem bestimmten Niveau. Alles, was über diesen Zustand hinausgeht, erscheint ihm unerreichbar.
Es ist dementsprechend schwer vorstellbar, wie nach Jahren der Sklaverei und der gesellschaftlichen Minderwertigkeit mit niedrigen moralischen Werten eine so große Veränderung innerhalb der jüdischen Gesellschaft nach dem Auszug aus Ägypten stattfinden konnte. Unter anderem machte die starke Widerstandskraft des jüdischen Volkes das möglich. Diese zeigte sich in den unterschiedlichen historischen Epochen, in denen die Juden zu‐
meist in der Rolle des Verfolgten waren und von anderen regiert wurden. Doch was ist das Geheimnis der Widerstands‐
kraft des Volkes Israel in allen Zeiten? Was ist das Geheimnis der Fähigkeit dieses Volkes, nach vorne zu schauen und auf eine Veränderung zu hoffen?
Ihre Geschichte beginnt an einem Tief‐
punkt: Abraham muss sein Land, seine Heimat und sein Elternhaus verlassen, um ein Volk zu gründen. Einer der Grundsätze, die uns ermöglichen, nach vorne zu schauen, liegt im Dialog zwischen Abraham und G’tt – und dem Bund der beiden.
Als Abraham über 75 Jahre alt war – eigentlich kein Alter mehr, um Kinder zu bekommen –, wendet er sich an G’tt und fragt: »Herr, G’tt, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder. Mir hast du keinen Samen gegeben.« (1. Buch Moses 15, 2–3). Abraham realisiert, dass er und Sara bereits in fortgeschrittenem Alter und noch immer kinderlos waren. G’tt hatte jedoch versprochen, dass von ihm ein großes Volk entstammen würde. Wie sollte das geschehen? G’tt beantwortet Abra‐
hams Frage: »Siehe gen Himmel und zähle die Sterne. Kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: Also soll dein Same werden.« Aus der einfachen menschlichen Sicht kann Abraham das nicht verstehen. Er ist zwar alt und der Natur zufolge dürften er und Sara in diesem Alter keine Kinder mehr bekommen. Aber es gibt eben auch andere Gesetze. Diese Gesetze werden durch G’tt gemacht, der die Re‐
alität verändern kann. Wer das Geheimnis der Existenz der israelischen Nation verstehen möchte, muss sich über die Welt erheben. Da Abraham so fest an G’tt glaubt, obwohl alles was G’tt sagt, weit von der Realität entfernt ist, bekommt er dafür großes Lob: »Abram glaubte dem G’tt, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit«
(1. Buch Moses 15, 6).
Anschließend bittet Abraham um ein klares Versprechen zu Eretz Israel und fragt: »Woran soll ich merken, dass ich’s besitzen werde?« (ebd. 15, 8). Bevor Abra‐
ham eine klare Antwort bekommt, die seinen Nachkommen Eretz Israel verspricht, erhält er eine kurze Einführung mit einer großen historischen Bedeutung. »Da sprach er zu Abram: Das sollst du wissen, dass dein Same wird fremd sein in einem Lande, das nicht sein ist; und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen 400 Jahre.«
G’tt konfrontiert Abraham mit der Tatsache, dass seine Nachfahren Sklaven in einem fremden Land sein werden, und das für einen längeren Zeitraum. Auf na‐
türliche Weise entsteht ein Zustand, der unumkehrbar scheint und zur Assimilation in der benachbarten Bevöl‐
kerung führt und keinen Platz für Gedanken lässt, wie diese Realität zu ändern ist. Dennoch heißt es: »Danach sollen sie ausziehen mit großem Gut!« Die Entwicklung wird durch die Zeit der Sklaverei nicht aufgehalten, sondern im Gegenteil verstärkt. Trotz der vielen Jahre der Unterdrückung und Sklaverei werden die Israeliten das Land nicht als arme Menschen, sondern »mit großem Gut« verlassen. So könnten sie sich der Welt als bedeutendes Volk zeigen.
In der Pessach‐Haggada erklären wir je‐
des Jahr aufs Neue: »Und das erhielt un‐
sere Vorfahren und uns immer aufrecht; denn nicht etwa einer erhob sich nur uns zu verderben, sondern in jedem Zeitalter stand man wider uns auf, uns zu vernichten, und der Heilige, gelobt sei er, rettete uns aus ihrer Hand.«
Trotz aller Unterdrückung und Qual, trotz des unfreien und abhängigen Lebens des Volkes Israel im Laufe der Genera‐
tionen gibt es eine Hoffnung! Und die drückt sich im Glauben aus, der das Volk Israel seit seiner Entstehung begleitet. Be‐
reits in seinem Gespräch zeigte G’tt Abraham, dass man über der einfachen Wahrnehmung stehen und nach vorne schauen kann, dass man Kräfte für den weiteren Weg sammeln kann trotz der vielen Hindernisse.
Was über dem menschlichen Verstand und der Logik steht, ist schwer zu verstehen. Wenn man den Bewohnern der heutigen Industrienationen vor 1.000 Jahren erzählt hätte, dass man mit einem Flug‐
zeug von einem zum anderen Land fliegen oder mit einem Knopfdruck Licht einschalten kann, so hätten sie gespottet und es nicht verstanden. Wenn wir heute Schriften von damals anschauen, die auf solche Möglichkeiten hinweisen, so wird gesagt, dass der Verfasser ein Genie war, seiner Zeit voraus. Visionen sind gefragt, aber vor allem Glaube.
Rabbiner Zadok aus Lublin, einer der großen Denker des Chassidismus, erklärte es so: »Ein Jude soll von Nichts verzweifelt sein. Denn wer hätte glauben können, dass Abraham und Sara einen Sohn bekommen könnten. Der israelische Mensch soll glauben, dass man sich nie aufgeben soll, weil G’tt immer helfen kann.« Insofern stimmt es: Gläubige Menschen kommen mit Schwierigkeiten besser zurecht. Denn sie wissen: Von damals bis heute begleitet uns der Glaube, dass G’tt uns hilft, aus der Krise herauszukommen.

Der Autor ist Gemeinderabbiner in Dort‐
mund und Vorstandsmitglied der Ortho‐
doxen Rabbinerkonferenz Deutschland

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi‐Gruß ist«

Torwart des Première‐League‐Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi‐Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

»Eine ganz neue Perspektive«

Wie junge Stipendiaten verschiedener Konfessionen und Bekenntnisse ihre Reise nach Jerusalem erlebten

von Johanna Korneli  09.04.2019