Lenka Reinerová

Prags goldene Feder

von Kilian Kirchgessner

Zwischen der blinkenden Reklame und den leuchtenden Vitrinen wirkt Lenka Reinerová etwas verloren. „Museum für Sexspielzeug“ steht auf den großen Werbetafeln. Die alte Dame hat sich davon ins Foyer lokken lassen. Nun steht sie da und schaut auf die skurrillen Exponate, getrieben von der Neugier – von der Neugier darauf, was aus ihrem Prag geworden ist. Ein paar Häuser weiter in den verwinkelten Gassen der Prager Altstadt hat Lenka Reinerová früher ihre erste eigene Wohnung gehabt, ganz oben unterm Dach und ein paar Schritte entfernt vom Geburtshaus ihres Freundes Egon Erwin Kisch. Solche Anekdoten hält Lenka Reinerová in ihren Geschichten fest. Sie streift durch Prag und spürt an allen Ecken und Enden zwischen Touristenströmen und städtebaulichen Modewellen die Vergangenheit auf. Am 17. Mai wird Reinerová 90 Jahre alt. Sie ist die letzte deutschsprachige Autorin in Tschechien, die letzte Zeugin der jüdisch geprägten Intellektuellen‐Szene aus den goldenen Zeiten Prags zwi‐ schen den Weltkriegen.
Der Weg zu Lenka Reinerová ist etwas komplizierter geworden, seit sie ihre Wohnung im historischen Stadtzentrum aufgegeben hat. Ganz im Westen der Stadt wohnt sie jetzt an einer Ausfallstraße, direkt vor der Tür liegt eine Straßenbahnhaltestelle. Im Minutentakt rattern hier die Züge aus der Innenstadt auf ihrem Weg in Richtung Vorstadt vorbei. Im vierten Stock eines schmucklosen Plattenbaus mit ockergelber Fassade hat die große Dame der deutsch‐tschechischen Literatur ihre Wohnung. Das Treppenhaus ist nicht renoviert, gerade ziehen die Handwerker neue Wasserleitungen ein. „Wenn die auf dem Flur fertig sind, kommen sie auch in meine Wohnung“, sagt Reinerová, „das ist mir jetzt schon ein Graus.“ Sie fürchtet den Staub, der sich auf ihre Bücher legen wird. Regale und Bücherschränke hat sie über die ganze Wohnung verteilt. Dunkle Holzmöbel sind es, denen man ihre Jahre an der altmodischen Form ansieht. Das Rauschen der Straße dringt durch die zweiflügeligen Fenster herein.
Hier oben ist der Beobachtungsposten von Lenka Reinerová. Hier sitzt sie, tief eingesunken in ihren grauen Sessel, und verfolgt die Weltlage. Ihre Tage sind in ein festes Gerüst eingebunden, sie rotiert uner‐ müdlich zwischen ihrer alten Schreibmaschine, dem Wählscheiben‐Telefon neben ihrem Lieblingssessel und den Kaffeehäusern der Stadt. Sie notiert, was sich in Prag verändert, sie ist eine Chronistin ihrer Heimatstadt. Nicht Schriftstellerin sei sie, sagt Lenka Reinerová, sondern Erzählerin: „Ich habe so viel gesehen und erlebt, da muß ich keine Handlung mehr erfinden.“
Lenka Reinerová hat viel zu sagen in ihren Büchern. Sie schreibt autobiographisch gefärbt, verarbeitet ihre Begegnungen und Erfahrungen. Und sie notiert, wie sich Prag verändert: Die Welle von grellbunten Kafka‐Pullis, die sich Sommer für Sommer mit den Touristen über die Stadt ergießt und die Marionetten‐Rabbis, die im historischen Judenviertel feilgeboten werden, das sind die Gegenstände ihrer Erzählungen. Anklagend klingen die Geschichten über solche Geschmacksverirrungen nicht. Lenka Reinerová drückt sich neutral aus, sie konstatiert. Bei den Lesern kommt das gut an. Ihre Werke erscheinen in großer Auflage, fünf Bände hat sie allein seit 1996 veröffentlicht. Mit jedem Buchpreis steigt das Interesse an der Grande Dame der tsche‐ chisch‐deutschen Literatur: Die Goethe‐Medaille hat sie mit Jorge Semprún erhalten, dazu den Schillerring der Deutschen Schillerstiftung, zwei der begehrtesten Auszeichnungen. Reinerová selbst ist am stolzesten auf ihre Ehrenbürgerwürde in Prag. „Ich verstehe Prag, und ich glaube, Prag versteht mich auch“, sagt sie.
Dabei war Prag eine ganz andere Stadt, als sie aufgewachsen ist. Franz Kafka hat noch gelebt. Er starb, als Lenka Reinerová acht Jahre alt war. Egon Erwin Kisch strickte an seiner Legende als rasender Reporter, Max Brod war das respektierte Oberhaupt der Schriftsteller und Kritiker. Diese große Namen lockten Künstler und Intellektuelle nach Prag, Deutsch war die Verkehrssprache der jüdisch geprägten Szene. Man traf sich in Kaffeehäusern zu aufgebrachten Debatten. Der Tisch von Egon Erwin Kisch war stets umringt, wenn er seine neuesten Reportagen vorlas und auf die Wirkung seiner Worte unter den Zuhörern lauerte. Den Namen Lenka Reinerová hatte in diesem illustren Kreis noch niemand gehört, sie war damals ein Teenager. Trotzdem spürte sie die Verlockung, aufgenommen zu werden, dazuzugehören. Ein helles Köpfchen war sie, das half ihr – genauso wie ihre natürliche Unbefangenheit. „Ich habe Erich Kästners Stück Pünktchen und Anton neu inszeniert, weil ich die ursprünglichen Auf‐ führungen grauenhaft fand“, erinnert sich Reinerová. Da war sie noch Schülerin und lud übermütig die ganze erste Riege der Prager Theaterkritiker zur Première ein. „Zu meinem Entsetzen sind die tatsächlich gekommen, sogar Max Brod war da“, sagt sie heute. Das war ihre Eintrittskarte in die Feuilletons. „Ein wenig zu lapidar“ sei die Première gewesen, schrieb Franz Karl Weiskopf von der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“. Da muß Reinerová noch heute schmunzeln: „Ich wußte zwar nicht, was ‚lapidar‘ bedeutet, aber immerhin hat er mich seither für seine Zeitung schreiben lassen.“
Frisch geadelt zur Feuilletonistin, begann Lenka Reinerová ihre Kaffeehaus‐Karriere, die für Journalisten von Rang und Namen ein Muß war. Dort begegnete sie zum ersten Mal ihrem Idol, dem schon damals berühmten Egon Erwin Kisch. Er war es, der sich ihr vorstellte – die hübsche junge Dame fiel dem alternden Frauenhelden mit seinen gut 50 Jahren gleich auf. „Ein Greis war das damals in meinen Augen“, sagt Reinerová. Trotz des Altersunterschieds kamen sie ins Gespräch. Die Nähe zu Kisch war für die junge Autorin der erhoffte Ritterschlag. Jetzt gehörte sie tatsächlich dazu.
Einige Jahre später sollte ihr diese Verbindung das Leben retten. Als die Nazis die demokratische Tschechoslowakei besetzten und mit ihr die blühende kulturelle Szene unterging, öffnete Kisch seiner Bekannten den Weg ins mexikanische Exil. Er selbst war dort gemeinsam mit seiner Frau gerade erst angekommen und ahnte die Lebensgefahr, in der sich die intellektuelle Jüdin in ihrer Heimat befand. In Mexiko träumten beide gemeinsam von der Diktatur des Proletariats. Aus Überzeugung ging Reinerová deshalb nach dem Krieg zurück nach Prag. „Die, die nie etwas hatten, sollten auch einmal an die Reihe kommen“, schreibt Reinerová wesentlich später, „das fand ich eine absolut vertretbare, gerechte Forderung.“
Das änderte sich schlagartig an jenem Tag im jahr 1952, als ihre vermeintlichen Parteifreunde sie abholten, ohne Vorwarnung. Es war die Zeit der stalinistischen Säuberungen. Reinerová verschwand für 15 Monate in Untersuchungshaft, ohne Kontakt zu ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter, ohne Bücher und Papier. Sie war Jüdin, sie war jahrelang im Exil, sie kannte viele Leute. Das genügte, um sie verdächtig zu machen. Ihr Schreibverbot blieb nach der Freilassung noch jahrelang bestehen. Ihre Erinnerungen an die kommunistische Haft schrieb sie erst mehr als 50 Jahre später auf. Alle Farben der Sonne und der Nacht (Aufbau‐Verlag) erschien vor drei Jahren.
„Heute erscheint mir das selbst alles unwahrscheinlich“, sagt Reinerová. „Wenn ich jetzt Briefe schreibe mit der Jahreszahl 2006, das ist unglaublich. Daß ich schon fast ein Jahrhundert hier herumlaufe!“ Allmählich entwickelt sich das Prag um sie herum wieder zu der glänzenden Metropole, die es einst war. Lenka Reinerová lebt förmlich auf – und kehrt langsam zu den alten Gewohnheiten zurück, die sie unter den Kommunisten aufgeben mußte: Sie verkehrt in Kaffeehäusern, wo Zeitungen ausliegen, wo die Gäste über Gott und die Welt debattieren.
An schönen Tagen sitzt sie dann im Café Slavia direkt an der Moldau, einem Haus mit langer Tradition und heute vor allem touristischer Bedeutung. Vor ein paar Wochen war sie dort mit Bundesaußenminister Frank‐Walter Steinmeier auf einen Cappuccino verabredet, als er auf Staatsbesuch in Prag weilte. Zwischen den schweren Limousinen vor der Tür und den muskelbepackten Bodyguards fühlt sich Rei‐ nerová aber nicht sonderlich wohl. Sie bevorzugt es, unerkannt an einem kleinen Tisch zu sitzen. Aus dieser sicheren Perspektive läßt sie ihre Augen wandern. Darin, sagt sie, liege der wesentliche Unterschied zu ihrer Jugend. „Früher habe ich die Passanten und die Umgebung beobachtet. Heute nicht mehr. Heute nehme ich sie wahr – das hat eine andere Intensität.“

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