Ariel Scharon

Pragmatiker der Macht

von Wladimir Struminski

Das Foto, veröffentlicht in einer israelischen Zeitung, zeigt einen Krankenwagen, der am Eingang zur Notaufnahme des Jerusalemer Hadassah‐Krankenhauses vorgefahren ist. Durch das Fenster in der Hintertür sieht man verschwommen das Ge‐ sicht von Ariel Scharon. Nur Augenblicke, bevor er in Bewußtlosigkeit versinkt. Was mag ihm durch den Kopf gehen? Welche Ebenen des Bewußtseins sind noch aktiv? Fürchtet er sich? Es ist ein beängstigendes, ja obszönes Bild. Man kommt sich vor wie ein Voyeur, der einen Blick auf die ersten Schatten eines nahenden Todes erhascht.
Dann sitzt die Nation vor dem Fernseher. Scharon im OP. Das ärztliche Bulletin ist das wichtigste Ereignis des Tages. Wer mehrere Stunden lang keine Nachrichten hören konnte, fragt einen Arbeitskollegen, einen Freund oder einen Wildfremden auf der Straße: „Wie geht es ihm?“ Einige gehen zum Krankenhaus, blicken dort hinauf, wo sie die neurochirurgische Intensivstation wissen oder vermuten. Die Sorge der Bürger ist echt. Hier hat einer, der im‐
mer polarisiert hat, seine Landsleute im Schock geeint. Selbst die Beteuerungen seiner Feinde, sie würden für ihn beten, klingen aufrichtig. Eines aber ist jedermann klar: Auch wenn der Premier den verheerenden Schlaganfall überlebt, und danach sah es am Montag aus, kehrt er nicht mehr auf Israels Kommandobrücke zurück. Ein Kommandeur, der in militärischen wie in politischen Kämpfen an vorderster Front dafür kämpft, was seiner Meinung nach getan werden muß – das ist Scharon schon sein ganzes Leben lang.
Bereits als Kind wußte Scharon, 1928 als Ariel Scheinerman in der Pioniersiedlung Kfar Malal geboren, was Gefahr ist. Im britischen Mandatsgebiet mußten sich die Juden oft genug ihrer arabischen Nachbarn erwehren. Unter dem Bett bewahrte die Mutter ein Gewehr auf. Das prägt. Auch Scharon schlief als Ministerpräsident mit einer stets griffbereiten Pistole. Zum Militär kam er 1942. Mit vierzehn schloß er sich der jüdischen Untergrundarmee Hagana an. Zu Beginn des Unabhängigkeitskrieges war der 20jährige Zugführer, ein Jahr später Kompanieführer. Während der Kämpfe wurde er schwer verwundet. Nach dem Krieg zog er die Uniform aus, um Geschichte zu studieren, doch lockte ihn die Armee 1953 mit einem Angebot zurück, das er nicht ablehnen konnte: Er wurde der erste Kommandeur der Kommandotruppe „Einheit 101“. Ihre Aufgabe: Durch Vergeltungsaktionen im Feindesland die Welle terroristischer Überfälle einzudämmen, die von Ägypten und Jordanien aus gegen Israel gestartet wurden. Dieses Ziel erreichte die „101“ effizient, aber nach Ansicht vieler zu rücksichtslos. Selbst David Ben Gurion hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu dem jungen Offizier. Auf der einen Seite empfing er den Kommandeur der „101“ persönlich, eine Ehre, die nicht jedem Major zuteil wurde. Auf der anderen Seite klagte „der Alte“ später, „Arik“ halte es mit der Wahrheit nicht so genau. Vielleicht zeigte sich schon damals das Wesentliche an Scharon: kühn, ehrgeizig, unkonventionell und nicht überall beliebt.
In der Armee stieg er dennoch auf und festigte seinen Ruf als ein Haudegen, der nicht nur mit dem Feind, sondern mitunter auch mit der Disziplin auf Kriegsfuß stand. Er fand nicht nur Gegner, sondern auch Förderer, nicht zuletzt den Generalstabs‐chef Jitzchak Rabin. Im Sechstagekrieg befehligte Scharon eine Panzerdivision, die bei einer ebenso brillanten wie gewagten Operation einen strategischen Durchbruch gegen ägyptische Verbände im nördlichen Sinai erzielte. 1973, kurz vor Ausbruch des Jom‐Kippur‐Krieges, schied Scharon als Befehlshaber des Wehrbereichs Süd aus der Armee aus. Wieder nicht für lange. Bei Kriegsausbruch im Oktober 1973 wurde er einberufen und überraschte wieder einmal den Gegner. An der Spitze einer Panzerdivision überquerte er den Suezkanal, schnitt die ägyptische Dritte Armee vom Nachschub ab und legte damit das Fundament für den Militärsieg, mit dem Israel den schweren Waffengang doch noch krönen konnte. Von da an war „Arik“ endgültig ein Nationalheld.
Anschließend erstürmte er, nicht ohne Rückschläge, die politische Bühne. Nach der Machtübernahme durch den von ihm mitbegründeten, rechtsnationalen Likud wurde Scharon Landwirtschaftsminister. 1981 stieg er zum Verteidigungsminister auf. In dieser Position bereitete er Israels Einmarsch in den Libanon vor.
Über Scharons Rolle bei der „Operation Frieden für Galiläa“, so der offizielle Name, wird bis heute heftig gestritten. Kritiker hielten ihm vor, die Regierung betrogen zu haben. Während er im Kabinett von der Schaffung einer 40 Kilometer tiefen Anti‐Terror‐Zone im Libanon gesprochen hatte, habe der Ressortchef in Wirklichkeit von Anfang an die Eroberung Beiruts geplant. Noch 1996 warf ihm sein Likud‐Kollege Benny Begin vor, den damaligen Premier und Bennys Vater, Menachem Begin, angelogen zu haben. Scharon bestritt die Vorwürfe und gab an, die Einnahme Beiruts habe sich aus der Kriegslage ergeben. Wie auch immer: Israels Versuch, die politische Landkarte mit Militär‐ gewalt zu verändern und im Libanon eine israelfreundliche Regierung einzusetzen, scheiterte. Der politische Schaden, den der jüdische Staat durch den Libanonkrieg erlitt, war enorm. Scharon selbst mußte sein Amt abgeben. Eine israelische Untersuchungskommission befand, er habe seine Aufsichtspflicht als Minister verletzt, als libanesische Falange‐Milizen unweit der im Hintergrund positionierten israelischen Armeestellungen ein Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila anrichteten.
Doch Scharon gab nicht auf. Er blieb Regierungsmitglied und konzentrierte sich auf sein Lieblingsprojekt: den Bau jüdischer Siedlungen im Westjordanland und Gasa. Bereits die Regierungsprotokolle der ersten Regierungsjahre des Likud belegen, daß sich der damalige Landwirtschaftsminister beherzt für die Besiedlung der im Sechstagekrieg eingenommenen Landstriche einsetzte. Auch als Industrie‐, als Bau‐ oder als Infrastrukturminister wußte er seinen Freunden von der Siedlerbewegung unter die Arme zu greifen. So kämpfte der säkulare Sproß einer Pionierfamilie Schulter an Schulter mit der von messianischem Eifer beseelten, nationalreligiösen Siedlerbewegung Gusch Emunim für ein Groß‐Israel. Das Vorhaben Jitzchak Rabins, mit der PLO Frieden zu schließen, lehnte Scharon 1993 ab. Vor den Wahlen von 1996 forderte er vom Likud, sich wenigstens von Teilen des Osloer Abkommens loszusagen. Als der neue Likud‐Regierungschef, Benjamin Netanjahu, mit Jassir Arafat weiterverhandelte, blieb Scharon Außenminister und wartete auf seine Chance.
Die kam 2001. Als neuer Likud‐Chef fegte Scharon bei vorgezogenen Knessetwahlen den glücklosen Ehud Barak und dessen Arbeitspartei aus dem Amt und bezog das Ministerpräsidentenbüro im Jerusalemer Regierungsviertel. Er stürzte sich in die Arbeit. Sie half ihm auch über sein Witwer‐dasein hinweg, seine zweite Ehefrau Lily war im Jahr zuvor gestorben. Seine Zwanzigstundentage waren legendär und bei seinen oft um die Hälfte jüngeren Beratern gefürchtet. Zu den Geschichten, die ihn beim Volk beliebt machten, gehört ein Vorfall aus dem Jom‐Kippur‐Krieg: Scharon hält in Frontnähe einen Lkw an und befiehlt, die Kommandostruktur mißachtend, einen Schwerverwundeten ins Lazarett zu bringen. Auch als Regierungsmitglied bewahrte er sich das Verantwortungsgefühl des Kommandeurs. Seine Leibwächter wußten: Bevor der Minister selbst ißt, stellt er sicher, daß sie versorgt sind.
Die ersten beiden Jahre seiner Amtszeit als Premier widmete Scharon dem Krieg gegen den Terror. Er beschloß, die Liquidierung von Attentätern und deren Kommandeuren zur strategischen Waffe der Terrorismusbekämpfung zu machen. Bereits kur‐ ze Zeit später waren Drahtzieher von Anschlägen nicht nur Jäger, sondern auch Gejagte. 2002 ordnete der Regierungschef eine breitangelegte Bodenoffensive in der West Bank an. Die Welt schrie empört, doch der Erfolg gab Scharon recht. Die Zahl der israelischen Opfer ging zurück.
Nach seiner Wiederwahl 2003 vollzog der Groß‐Israel‐Ideologe eine für Freund wie Feind immer noch unbegreifliche Wende: Er beschloß den einseitigen Rückzug aus Gasa. Aus den anschließenden parteiinternen Kämpfen im Likud ging er als Sieger hervor, war aber angeschlagen. Vor nicht anderthalb Monaten kam deshalb der Beschluß, aus dem Likud auszubrechen und eine neue Partei, Kadima, zu gründen.
In seiner dritten Amtszeit wollte Scharon versuchen, Frieden mit den Palästinensern zu schließen. Gebietskompromissen und einem Palästinenserstaat verschloß sich der einstmalige Oslo‐Gegner längst nicht mehr. Die Erklärung für den Sinneswandel findet sich wohl in der politischen Plattform der neuen Partei. Um den jüdischen Charakter des Staates Israel zu wahren, sei ein Verzicht auf Teile des Landes Israel erforderlich. Endlich, so glaubte Scharon, werde Israel feste Grenzen bekommen. Dem Wahlvolk war nach Jahren der Ideologie Pragmatismus recht. Es traute Scharon wie keinem anderen zu, dem Land Ruhe zu schenken. Kadima errang in Umfragen Traumwerte. Diese ungewohnte Popularität genoß Scharon.
Jetzt werden Fragen gestellt. Wurde der Premier falsch therapiert? Wie jetzt bekannt wurde, litt Scharon an einer Erkrankung der Blutgefäße im Gehirn, die das Blutungsrisiko stark erhöhten. Unter diesen Umständen waren die nach dem ersten Schlaganfall verabreichten blutverdünnenden Medikamente nicht ungefähr‐ lich. Oder war er dem Streß erneut auftauchender Bestechlichkeitsvorwürfe nicht mehr gewachsen? Hat ihn die möglicherweise bevorstehende Haftstrafe seines Sohnes Omri wegen der Annahme illegaler Wahlspenden belastet?
Vielleicht war alles zusammen für den letzten Vertreter der Kämpfergeneration von 1948 einfach zuviel. Am Dienstag war offen, ob er die Schlacht um seine Gesundheit siegreich überstehen wird.

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