Dan Bar-On

Pionier des Dialogs

von Alexandra Senfft

Als Baby habe ihn seine Mutter mit zwei Löffeln zugleich füttern müssen, damit er zwischen den einzelnen Löffeln nicht schrie, sagte Dan Bar‐On. Der israelische Psychologe beschrieb so seine lebenslange Rastlosigkeit, die man ihm allerdings nur anmerken konnte, wenn man ihn gut kannte. Er erklärte diese Unruhe als „Reaktion auf das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Wirbelstürmen …, die ich nicht verursachte, mit denen ich mich aber stets auseinandersetzen … musste“. Damit meinte Bar‐On die Lebensumstände, in die er hineingeboren worden war: Seine Eltern lebten in Hamburg, bis sie 1933 vor den Nazis nach Palästina flohen. Fünf Jahre später kam Dan in Haifa zur Welt.
Erst das Studium der Landwirtschaft, dann der Psychologie, 25 Jahre Arbeit und Leben mit seiner Familie im Kibbuz Revivim nahe Beer Schewa, dazu die Nahostkriege – Bar‐On durchlebte turbulente Phasen. Während viele andere sich vor den persönlichen und politischen Wirbelstürmen versteckten, ließ er sich auf die Auseinandersetzung ein. Es gelang ihm, seine Zerrissenheit zu überwinden und seine deutschen und israelischen Wurzeln miteinander in Einklang zu bringen. Er war ein politischer Mensch und engagierte sich schon sehr früh für einen palästinensischen Staat an der Seite Israels.
In den 70er‐Jahren interviewte er die Kinder von Schoa‐Überlebenden. Damals begann er eine Pionierarbeit, die er mutig verfolgte, obwohl er in Israel dafür wenig Rückendeckung bekam – mit diesen unerträglich schmerzhaften Erfahrungen wollte man sich nicht belasten. Als Bar‐On 1985 nach Deutschland reiste, wo er sich mit seinen eigenen Ängsten und Ressentiments konfrontiert sah, stellte er ähnliche Verdrängungsprozesse fest: Über die Vergangenheit sprach man im Land der Täter 40 Jahre nach dem Krieg noch immer nicht. Die Gespräche mit den Kindern von Nazi‐Verbrechern, die er dann ausfindig machte, veröffentlichte er 1993 unter dem Titel Die Last des Schweigens. Das waren Dokumente peinigender Auseinandersetzungen mit der Schuld der Eltern. Für den israelischen Psychologen, der perfekt Deutsch sprach, war es die Last des Zuhörens.
1992 wagte er den Schritt, die interviewten Nachkommen der Opfer und Täter in einer Gruppe zusammenzubringen. Trotz aller Traumata gelang es den Teilnehmern (unter ihnen der Sohn des NS‐Reichsministers Martin Bormann), sich durch das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte näherzukommen und die Schutzwälle einzureißen, die jeder um sich gebaut hatte. Bei diesen Begegnungen ging es nicht um die Aufrechnung von Fakten, sondern um biografisches Erzählen. Dieser von Bar‐On entwickelte Ansatz ermöglicht es, selbst mit einem Feind noch Berührungspunkte zu entdecken, weil persönliche Lebenserfahrungen, unabhängig von historischen, politischen, religiösen oder ethnischen Grenzen, oft ähnlich sind. Dass Leid nicht gegen‐ einander aufgewogen werden kann und Kategorien wie Opfer oder Täter nicht statisch sind, weil sie sich je nach Kontext verschieben und mitunter in derselben Person vereinigen können, waren einige der Themen, die er bearbeitete.
Einem Dialog, so Bar‐On, muss ein Monolog vorausgehen, ein Selbstgespräch mit den verschiedenen Fragmenten der eigenen Identität. Ihm ging es therapeutisch weniger darum, diese Mosaikstücke im Menschen zu integrieren als sie in ihrer Vielschichtigkeit und Ambivalenz zu akzeptieren. Zu den vielen Büchern, die dieser unbeirrbare Friedensarbeiter schrieb, gehört Die Anderen in uns – weil Anteile eines jeden spiegelbildlich auch im „Anderen“ zu finden sind. Der scheinbar Fremde wird dadurch vertrauter und Verständigung einfacher. Über die Jahre entwickelte Bar‐On vor allem in Bezug auf Deutsche und Israelis ein fast untrügliches Gespür für die versteckten und verdrängten Spuren des Holocaust, die die Menschen, ihr Fühlen und Handeln bis heute unbewusst prägen.
Er weitete sein Konzept bald auf andere internationale Konflikte aus, wobei die deutsch‐jüdische Verständigung und der palästinensisch‐israelische Konflikt stets sein Hauptinteresse blieben. 1998 gründete er mit dem palästinensischen Soziologen Sami Adwan das Peace Research Institute PRIME. Zwischen Adwan und Bar‐On entwickelte sich eine fast brüderliche Freundschaft, die viele Belastungsproben überstand – „Dialog unter Beschuss“, so Bar‐On.
Mit hoher Sensibilität behielt er stets die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen Palästinensern und Israelis im Auge, weshalb er darauf bestand, jede Entscheidung mit seinem Kollegen gemeinsam zu treffen. Auf dieser paritätischen Ebene entwickelten die beiden mit palästinensischen und israelischen Lehrern ein Geschichtsbuch, das die verschiedenen historischen Narrative der verfeindeten Bevölkerungen nebeneinander stellt – ein weiteres innovatives Projekt, das mehrfach übersetzt wurde und auch in anderen Konflikten pädagogisch genutzt wird.
Bar‐On, der bis zum vergangenen Jahr an der Ben‐Gurion‐Universität in Beer Schewa lehrte, wurde mit Preisen wie dem deutschen Bundesverdienstkreuz oder dem Erich‐Maria‐Remarque‐Friedenspreis geehrt. Zu den letzten Werken des Theoretikers und Praktikers gehört das dreijährige Dialog‐Training, das er mit Teilnehmern aus verschiedenen Kontinenten in der Hamburger Körber‐Stiftung leitete.
Anfang 2007 erfuhr er von seiner Krebserkrankung, die ihn jedoch nicht davon abhielt, seine Projekte weiterzuführen. Obwohl bereits vom Tod gezeichnet, bestand er darauf, das Seminar diesen Juni zum Abschluss zu bringen. Seine Frau Tammy begleitete ihn, um ihm diese letzte Reise zu ermöglichen. Er war ein disziplinierter, zäher Arbeiter, der sich und anderen viel abverlangte. Sein hoher Anspruch war indes gepaart mit Herzlichkeit und Empathie für die Befindlichkeiten seines Gegenübers. Zuzuhören gehörte zu seinen größten Fähigkeiten. So unnahbar er manchmal wirken konnte, so empfindsam und charmant war er.
Während dieses letzten Besuchs in der Stadt seiner Eltern erlebte er die Enthüllung von Stolpersteinen für seine in der Schoa ermordeten Familienmitglieder. Seine letzte Dialoggruppe sollte bei diesem bewegenden Moment dabei sein. Denn zwischenmenschliche Beziehungen standen für ihn an oberster Stelle, und sein Netzwerk war entsprechend beeindruckend. Mit seiner stillen Zuwendung und seinen präzisen Analysen ermutigte er weltweit unzählige Kinder und Enkel, die eigene Familiengeschichte in der Zeit des Holocaust zu erforschen. Kaum ein anderer hat so viel für die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und für einen konstruktiven, zukunftsgerichteten Dialog getan wie er.
Dan Bar‐On starb knapp 70‐jährig am 4. September zu Hause in Tel Aviv im Kreis seiner Familie. Sein intellektuelles und emotionales Erbe aber lebt weiter in seinen Nächsten und in denen, die mit ihm zusammengearbeitet haben.

Alexandra Senfft ist freie Publizistin und Autorin von „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ (Claassen Verlag 2007). Sie kannte Dan Bar‐On seit 1991 und hat in den vergangenen drei Jahren eng mit ihm im Hamburger Dialogprogramm „Storytelling in Conflicts“ zusammengearbeitet.

www.koerber-stiftung.de/english/international_dialog/dan_bar-on_training/index.html

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