Sukka

Partylichter und Girlanden

von Heide Sobotka

Sukka‐Bauen ist anstrengend! Lilli Ulbrich, Tamar Aulich und Annett Adam von der Jüdischen Gemeinde Dresden kommen schon morgens um 11 Uhr ins Schwitzen. Aus dem Keller unter der Synagoge hieven sie die schweren Biertische und Bänke ans Tageslicht. Wie nun mit dieser Last über den geschotterten Hof kommen? Tamar Aulich schlägt vor, sich einen Servierwagen aus dem Café Schoschana zu leihen. Doch die breiten Tische passen so recht nicht darauf, die Sitzbänke lassen sich längs hineinschieben. Mit diesem windschiefen, schwer beladenen Gefährt rattert Tamar über den grauen Schotter zwischen Synagoge und Gemeindehaus.
„Um zwölf Uhr müssen wir wenigstens alle Bänke aus der Synagoge herausgeschafft haben, dann beginnt schon die erste Führung“, treibt sie etwas zur Eile an. Einige Besucher sind schon da und setzen sich auf die Bistrostühle des Cafés. Dabei beobachten sie, wie Ingo Wobst versucht, einen Tisch auf dem Kopf zu balancieren. Um 16 Uhr wird er eine Besuchergruppe durch die Synagoge führen, bis dahin hilft er den Frauen beim Aufbauen und Ausschmücken der Sukka auf der Dachterrasse des Gemeindehauses.
Es ist Sonntag, Spaziergänger schlendern an diesem wunderschönen Herbsttag vorüber und riskieren einen Blick über die niedrige Mauer. An der gegenüberliegenden Längsseite des Hofes fährt die Straßenbahn vorbei. Die Ausflügler streben den Brühlschen Terrassen entgegen, der Frauenkirche oder an das Ufer der Elbe. Mittendrin – eingebunden in das weltbekannte barocke Ensemble des Elbflorenz – stehen die beiden modernen Kuben des 2001 eingeweihten jüdischen Gemeindezentrums.
Unterdessen blockiert Lilli Ulbrich den Fahrstuhl, damit die Bänke und Tische hineingestapelt werden können. Inzwischen ist auch Falk Adam hinzugekommen. Er fährt mit einer Ladung nach oben und räumt den Fahrstuhl für die nächste Fuhre leer. Wieder werden Bänke und Tische an die Wand gelehnt und einen Stock darüber von Sivan Schewitza, und Gabi Lombardo zur Sukka auf der Dachterrasse getragen. Angelehnt an die West‐ und Südwand steht sie noch schmucklos da. Ge‐
flochtene Windschutzwände aus Holz aus dem Baumarkt, zusammengesteckt zu ei‐
nem etwa 30 Quadratmeter großen Raum ohne Dach. Einige Pfeiler stützen einen Rost aus Holzlatten, auf denen Matthias Wagner Äste und Zweige verteilt. Mühsam hat er die Zweige von Linden und Rotbuchen mit Frank Hofmann nach oben auf die Terrasse geschleppt. „Die sollten doch für dreie reichen“, meint er und ist erstaunt, wie viel Material er für das Dach benötigt. Die Zweige reichen gerade mal so aus. Aber schließlich heißt es in der An‐
leitung zum Sukka‐Bau: „Man muss die Sterne durch das Geflecht sehen können.“ Das kann man.
Das Dach ist gedeckt. Jetzt müssen die Tische und Bänke richtig verteilt werden, damit möglichst viele Gemeindemitglieder sitzen können, aber auch noch Wege offen bleiben. Lieber längs oder quer? Annett Adam ist dafür, eine Reihe entlang der Längsseite zu stellen und die übrigen Tische quer dazu. Tische werden rein‐ und wieder rausgewuchtet. „Passt da nicht noch eine Sitzbank vor dem Stützpfeiler rein, den Tisch stellen wir dann daneben“, sagt Annett. Also tragen Sivan und Gabriela die Bank wieder ein Stückchen raus, damit sie um den Pfeiler herumkommen. Immer neue Bänke und Tische werden nachgeliefert. Annett Adam hat den Überblick. Doch zwei Sitzbänke bleiben übrig. „Die stellen wir an die andere Wand für die Leute, die zu spät kommen“, schlägt Tamar vor.
Falk Adam und Matthias Wagner kramen inzwischen in dem baunen Pappkarton mit der Aufschrift Sukka: Fein säuberlich gestapelt finden sich darin 25‐Watt‐ Birnen in Rot, Blau und Gelb und eine rote Partylichterkette. Die wird einmal ringsum unter dem Blätterdach herumgeführt. Die bunten Glühbirnen sollen wie Früchte von der Ästedecke herunterhängen. Falk Adam prüft schon einmal, ob denn auch alle noch in Ordnung und nicht während der Lagerung in einem Jahr kaputt gegangen sind. Kaum lässt sich im gleißenden Sonnenlicht, das durch Zweige und Blätter fällt, erkennen, ob Lämpchen und Partyschlange leuchten. „Alles in Ordnung“, meint Falk Adam.
Geschafft. Die Sukkabauer sind reichlich ins Schwitzen gekommen. Für angemessenen Lohn hat Annett Adam gesorgt. Sie stellt eine duftende, leuchtend orangegelbe Kürbissuppe auf den Biertisch vor der Sukka, Räucherforellen und Matjes‐hering, Salat und selbst gebackene Challe. Einige Speisen sind noch vom Anbeißen nach Jom Kippur übriggeblieben. Der Kürbis für die Suppe ist selbstgezogen und frisch im Garten der Adams geerntet. Mit Blick auf den Turm der Frauenkirche in der Ferne und der Laubhütte vor ihnen lassen es sich die Sukkabauer schmecken. „Das erste Mal ohne Simcha.“ „Stimmt“, sagt Tamar, „Simcha ben Abraham war doch sonst auch immer dabei.“ Vor einem halben Jahr hat er Alija gemacht und lebt jetzt in Jerusalem. Er gehörte viele Jahre zu der eingeschworenen Truppe, die jedes Jahr beim Aufbau der Sukka halfen. Doch auch ohne ihn sind sie stolz auf ihre Ar‐
beit und fotografieren sich gegenseitig in und vor der Laubhütte, ihrem Werk.
Rund 80 bis 100 Personen werden ab Mittwochabend hierin Platz finden. Für die bunte Innendekoration sorgte der Jugendclub am nächsten Tag. Religionslehrerin Ruth Röcher bereitete Kinder und Jugendliche im Religionsunterricht auf das bevorstehende Laubhüttenfest vor und malte mit ihnen Willkommensposter, die anschließend in der Sukka aufgehängt wurden.
Nur der Wetterbericht scheint dem ge‐
mütlichen Kiddusch in der Sukka einen Strich durch die Rechnung zu machen. Der sagt ab Mittwoch Kälte und Regen voraus. Aber schließlich soll Sukkot ja an die Wüstenwanderung der Israeliten erinnern. Auch das Volk Israel musste bei Wind und Wetter unter freiem Himmel campieren. Ob es dennoch in diesem Jahr auch wieder einige aushalten, über Nacht in der Sukka zu bleiben? „Ich bin gespannt“, sagt Annett Adam. „Angenehm wird das nicht.“

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