Bar- oder Bat Mizwa

Parascha und Party

Vorsichtig lächelnd steht Mark auf der Bima. Hat er es tatsächlich geschafft? Bonbons fliegen durch die Luft, „Masal tov“-Rufe schallen wild durcheinander, dann wird gesungen und geklatscht. Alle, die in die Düsseldorfer Synagoge gekommen sind, freuen sich mit Mark, der heute seine Bar Mizwa feiert. Gerade mal 13 Jahre alt, zählt er ab sofort zu den erwachsenen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft. Dass er dessen würdig ist, hat er mit seinem Aufruf zur Tora und dem Vortragen der Haftara eindrucksvoll bewiesen.
Ein Jahr lang hat er sich auf den großen Tag vorbereitet, mit der Unterstützung von Kantor Yitzhak Hönig sowie Rabbiner Julian Chaim Soussan und dessen Frau Sarah. Mark hat den Wochenabschnitt und die Haftara vorbereitet, Gebete und Gesetze studiert und eine Rede geschrieben. „Es hat viel Spaß gemacht“, erzählt er im Nachhinein stolz, „und es war eigentlich nicht so schwierig. Trotzdem war ich sehr aufgeregt und hatte Angst, etwas falsch zu machen.“
Für Mark ist dieser Tag sehr wichtig: „Jetzt bin ich ein Teil des jüdischen Volkes“, freut sich der 13‐Jährige. „Damit kann ich besonders meiner Familie eine große Freude bereiten.“ Auch Kantor Hönig ist stolz: „Das hat er ganz wunderbar gemacht.“ Der Kantor führt jedes Jahr knapp zehn Kinder zu ihrer Bar‐ beziehungsweise Bat Mizwa. Die längste Vorbereitungszeit ist ein Jahr – „wenn das Kind aus einer Familie mit traditionell religiösem Hintergrund kommt und bereits Hebräischkenntnisse besitzt, kann sie schon mal kürzer sein.“
Nur die Jungen studieren die Segenssprüche für den Toraaufruf und das Vortragen der Haftara ein – Mädchen ist diese Form der Teilnahme am Gottesdienst in der orthodoxen Tradition verwehrt. Bei ihnen beschränkt sich die Vorbereitung auf den Religionsunterricht und das Schreiben der Rede. Einmal in der Woche treffen sich die Jungen und Mädchen im Bar‐ oder Bat‐Mizwa‐Club und lernen gemeinsam: Dann steht Singen, jüdische Religion oder der Gottesdienst auf dem Programm. Hönig will den Kindern die Bedeutung ihres religiösen Erwachsenwerdens nahe bringen, „und da sind oft ein paar zusätzliche Stunden nötig“, verrät der Kantor.
In der Hamburger Gemeindezeitung appelliert Rabbiner Dov‐Levy Barsilay an die Eltern, ihre Kinder zur Bar‐ oder Bat Mizwa anzumelden, und zwar zwölf Monate vor dem 12. Geburtstag bei den Mädchen und dem 13. Geburtstag bei den Jungen, „damit das Notwendigste geplant werden kann“. Das Notwendigste – gemeint ist allein die „Performance“, das Vortragen der Haftara, erklärt der Rabbiner. Vorbereitungsklassen gibt es nicht, sachliche Inhalte werden nicht vermittelt. Allerdings müssen die Kinder am Religionsunterricht teilnehmen. Doch viele sind es nicht, die dem Aufruf folgen: gerade mal ein Kind bereitet sich momentan auf die Bar Mizwa vor. „Viele der russischen Zuwanderer legen keinen Wert auf die Zeremonie“, sagt der Rabbiner.
Oder sie werden nicht zur Bar Mizwa zugelassen, so wie in den ostdeutschen Gemeinden Chemnitz, Leipzig und Dresden. Dort gibt es viele Jungen, die zwar eine jüdische Mutter haben, aber (noch) nicht beschnitten sind – „das ist ein großes Problem“, sagt Ruth Röcher, Religionslehrerin und Vorsitzende der Gemeinde Chemnitz. „Manchmal werden solche Kinder doch zur Tora aufgerufen und erleben dann so eine Art Bar Mizwa.“
Unproblematisch sind dagegen die Bat‐Mizwa‐Feiern: „Die Mädchen werden zwar nicht zur Tora aufgerufen, nehmen aber am Schabbatgottesdienst aktiv teil, indem sie beispielsweise das Schma Israel sagen oder am Freitagabend das Lecha Dodi vorsingen“, erklärt Röcher. Gefeiert wird aus finanziellen Gründen meist im kleinen Kreis – manche Familien tun sich aber auch zusammen und richten eine gemeinsame Feier für ihre Töchter aus, zu der die Kinder ihre jüdischen und nichtjüdischen Freunde einladen. Auch die Lehrer aus der Schule sind willkommen.
Nicht immer wird am „richtigen“ Datum gefeiert – oft sind die Mädchen schon 14 oder 15, wenn sie gemeinsam „ihren“ Tag erleben dürfen. „Die Mädchen freuen sich und bekommen Geschenke, aber es ist auch ein Höhepunkt in ihrem Jugendalter, mit dem sie an das Judentum gebunden werden“, sagt Röcher.
Naomi hatte sich zu ihrer Bat Mizwa vor drei Jahren Hähnchen, Nudeln und ein großes Dessertbuffet gewünscht. „Hauptsache kein Erwachsenenessen“, sagt die 15‐jährige Berlinerin. Sie begann im Sommer 2003 mit den Bat‐Mizwa‐Stunden in der Synagoge Pestalozzistraße. Spaß gemacht hat ihr der Unterricht, doch je näher der Tag der Bat Mizwa rückte, desto aufgeregter wurde Naomi. Nicht nur, weil sie vor allen Leuten in der Synagoge den Wochenabschnitt Re’eh vortragen musste, sondern auch wegen der Vorbereitung zu ihrer Party. Nicht so groß wie die einer Mitschülerin, die im Ritz Carlton feierte. Einhundert Gäste kamen aber auch zu Naomis Feier, einer sogar aus Los Angeles. Dort ist sie geboren. Somit war das Motto der Feier klar: USA. Auf den Tischen lagen kleine USA‐Fähnchen mit Davidstern und es gab eine Brownie‐Torte. Für Naomi eine gelungene Feier und auch ein schöner Einstieg ins religiöse Erwachsenenleben, denn „Plötzlich wurde ich auch in der Synagoge nicht mehr als Kind wahrgenommen, sondern zählte zu den Großen.«
In dieser Woche sind die Freundinnen Mara und Maya an der Reihe. Sie werden gemeinsam eingesegnet – ein Novum in der Synagoge Pestalozzistraße. Sie dürfen zwar nicht an die Tora heran, werden aber „ihren“ Wochenabschnitt Beschalach vortragen. Sechs Monate lang hat sich Mara darauf vorbereitet – neben Ganztagsschule, Hausaufgaben und Sport. Obwohl es ihr, wie sie sagt, „nicht so wichtig“ war, hat sie sich durchgekämpft – ihrer Mutter zuliebe. „Das war nicht immer einfach“, sagt ihre Mutter, „aber ich freue mich auf den Moment, wenn sie in der Synagoge steht und das Gelernte präsentiert.“ Sie bedauert es, selbst keine Bat Mizwa gehabt zu haben und ist sich sicher, dass Mara später froh darüber sein wird, „auch wenn sie sich jetzt mehr damit beschäftigt, wer am Samstag zur Party kommt und was sie anziehen wird.“

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