Museum

Ort des Lebens

von Eva Krafczyk

Bis zum Zweiten Weltkrieg lebte in Polen die größte Diaspora der Welt. Doch heute weiß die Bevölkerung so gut wie gar nichts mehr über die Minderheit. In Polen haben die Deutschen die meisten der sechs Millionen Opfer des Holocaust ermordet, die Juden machten davor ein Zehntel der Bevölkerung aus. Die Welt der Schtetl, die Geschichte, Religion und Alltagskultur der Juden sollen nun vor dem Vergessen bewahrt werden – mit Hilfe eines Museums in Warschau. Am Montag war Grundsteinlegung für den 25 Millionen Euro teuren Bau, der bis 2009 fertiggestellt sein soll. An der Zeremonie nahmen Polens Staatspräsident Lech Kaczynski und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker teil.
Das Museum entsteht an einem Ort mit doppelter historischer Bedeutung. Es befindet sich im Herzen des einstigen jüdischen Warschaus. Und gleich gegenüber steht das Denkmal der Ghettokämpfer, die mit ihrem Aufstand der deutschen Besatzung heldenhaften, doch aussichtslosen Widerstand leisteten. Das von dem finnischen Architekten Rainer Mahlamäki entworfene Gebäude soll ab 2010 ein Ort des
Lernen, des Dialogs und der Neu‐ und Wiederentdeckung von mehr als 700 Jahren polnisch‐jüdischen Lebens sein. Die Exponate stammen aus aller Welt.
Das neue Museum soll keines über den Holocaust sein, betont Museumsdirektor Jerzy Halberstadt. „Es gibt Yad Vashem, es gibt das Holocaust Museum in Washington. Wir müssen nicht noch ein Holocaust‐Museum bauen.“ Schon gar nicht in Polen, wo es noch immer authentische Orte gibt, die an den Massenmord vor mehr als 60 Jahren erinnern. „Das soll ein Ort des Lebens sein“, versichert auch Marian Turski, Auschwitz‐Überlebender und Vorsitzender der Gesellschaft des Jüdischen Historischen Instituts.
Turski und andere polnische Juden irritiert es, dass Besucher aus den USA und Israel in Polen ausschließlich die Spuren der Todeslager und Ghettos suchen. „Der Holocaust, das waren fünf Jahre. Natürlich
spielt er im Museum eine wichtige Rolle, aber wir wollen zeigen, dass das nicht alles war“, sagt Ewa Wierzynska, die stellvertretende Museumsleiterin. In dem Haus sollen nach den Vorstellungen der Wissenschaftler das Warschau der Vorkriegszeit, die Welt der Schtetl und die Vielfalt des polnischen Judentums von den streng orthodoxen Chassidim über Zionisten bis zum sozialistischen Bund erlebbar sein.
Mindestens ebenso wichtig wie das Museum selbst ist den Verantwortlichen das Erziehungsprogramm, das schon bald beginnen soll. Seminare und Begegnungen junger Polen und Juden sollen mit Vorurteilen aufräumen und Toleranz fördern. „Viele Leute glauben, hier wird ein Museum für die Juden gebaut“, beschreibt Wierzynska die Begegnungen und Gespräche mit Anwohnern. „Dabei ist dieses Museum mindestens ebenso wichtig und nötig für uns Polen.“

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