Bio-Landwirtschaft

Organisches Wachstum

von Ralf Balke

»Ich weiß gerne, woher das Essen stammt, das bei mir zuhause auf dem Teller landet«, sagt Micki Prinz. Die Mutter zweier Söhne aus Tel Aviv ist passionierte Hobbyköchin und hat als Grafikerin an der Gestaltung einiger Kochbücher mitgearbeitet. Seit einem Jahr bezieht Familie Prinz alle zwei Wochen eine Kiste mit frischem Obst und Gemüse von Hubeisa (zu Deutsch: Malvenblüte), einem landwirtschaftlichen Betrieb aus der Nähe von Latrun, der sich auf biologisch angebaute Produkte spezialisiert hat. 240 Schekel kostet das gesunde Vergnügen im Monat, das sind rund 43 Euro. »Der Preis für das Obst‐ und Gemüse‐Abo entspricht ungefähr dem, was wir im Supermarkt zahlen würden«, erklärt Mickis Gatte Ziv. »Aber geschmacklich sind die Tomaten und Gurken von Hubeisa schwer zu toppen. Bloß halten sie sich im Kühlschrank leider nicht so lange wie konventionelle Produkte.« Zudem ist die Lieferung abhängig davon, was in der jeweiligen Jahreszeit angebaut wird. Im Winter liegt mehr Gemüse in der Kiste, im Sommer mehr Obst.
Hubeisa ist mit 10 Dunam (10.000 m2) Anbaufläche einer der kleineren landwirtschaftlichen Betriebe, die Ackerbau ohne den Einsatz von Pestiziden oder Kunstdünger betreiben. »Dafür waren wir die Ersten, die auf das Abo‐Prinzip gesetzt haben«, berichtet Hubeisa‐Betreiber Alon Efrati stolz. Ungefähr 200 Kisten gehen jede Woche nach Tel Aviv oder Jerusalem. Unter israelischen Yuppies gilt es mittlerweile als schick, sich Bio‐Avocados oder -Möhren nach Hause schicken zu lassen. »Außerdem arbeiten wir strikt nach halachischen Grundsätzen«, so Efrati. »Damit sichern wir uns auch die religiöse Kundschaft.«
Alle paar Monate erscheinen die Inspektoren von AgriOr Ltd., einer Firma, die eigens 1999 vom der Israel Bio‐organic Agriculture Association (IBOAA) gegründet wurde, um aufzupassen, dass auch alle Bio‐Standards eingehalten werden. Diese orientieren sich weitgehend an dem EU‐Regelwerk für die Zertifizierung von Bioproduk‐ ten, sodass Bio‐Ware »Made in Israel« auch als solche in Europa verkauft werden kann. Fast 400 Mitglieder zählt die IBOAA, die zu Beginn der 80er‐Jahre ins Leben gerufen wurde. Die IBOAA wiederum gehört zur International Federation of Organic Agriculture Movements, kurz IFOAM.
Bio‐Landwirtschaft hat in Israel bereits eine über 30‐jährige Tradition. 1974 beschloss der Farmer Mario Levy im Kibbuz Sde Eliyahu bei Beit Shean, auf den in Israel sehr großzügig betriebenen Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger zu verzichten und nur noch auf ökologisch korrekt angebaute Produkte von hoher Qualität zu setzen. Genmanipulierte Pflanzen sind ebenfalls tabu. Dennoch ist der Anteil des Bio‐ Ackerbaus an der Gesamtproduktion auch nach über drei Jahrzehnten noch relativ gering. Auf gerade einmal 1,2 Prozent der Anbaufläche in Israel werden die Felder nach den grünen Prinzipien bestellt. Aber dafür verzeichnen Bio‐Produkte mit jährlich 25 Prozent die fettesten Zuwachsraten in der israelischen Landwirtschaft und machen mittlerweile zehn Prozent der Agrarausfuhren aus. Für über 32 Millionen Dollar gingen Bio‐Tomaten, -Kräuter oder -Datteln ins Ausland. Überhaupt ist der Export das Standbein aller Betriebe, die sich auf den Anbau biologischer Produkte spezialisiert haben, denn 85 Prozent des so angebauten Obsts und Gemüses werden in Europa oder den USA verspeist. »Israels Bio‐Bauern haben sich weltweit einen guten Ruf für Qualität und Verlässlichkeit aufgebaut«, freut sich deshalb auch Ilan Eschel, Chef der IBOAA. Der Grund, warum immer mehr landwirtschaftliche Betriebe in Israel auf Öko umstellen, ist ein ganz profaner und hat nichts mit grüner Ideologie zu tun: Für Bio‐Produkte lassen sich einfach höhere Preise verlangen, und man kann sich gegenüber der Konkurrenz etwa aus Spanien oder Marokko besser positionieren.
In Israel selbst ist der Markt für Bio‐Produkte mit einem Volumen von rund sieben Millionen Dollar noch relativ klein, verspricht aber ein ordentliches Potenzial. Zum Vergleich: In Deutschland werden Bio‐Waren für 4,5 Milliarden Euro abgesetzt. Doch mittlerweile gibt es zahlreiche Anbieter wie Hubeisa oder auch Sal Organi (Organischer Einkaufskorb), die sich einen festen Kundenstamm erobert haben. Weil sie ihre Produkte direkt ohne Zwischenhändler anbieten, können sie ihre Produkte auch zu halbwegs bezahlbaren Preisen verkaufen. Und zwischen den Schawarmabuden auf der Ben‐Jehuda‐Straße öffnete vor einem Jahr das erste zertifizierte Bio‐Restaurant seine Pforten. Statt einer Koscher‐Urkunde hängt bei »Humanature« das Siegel von AgriOr an der Wand. »Israelis brauchen noch eine Weile, bis sie erkennen werden, dass Bio‐Produkte häufig einfach besser schmecken als die konventionell hergestellten«, sagt Micki Prinz. Und so wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis Obst und Gemüse aus Bio‐Anbau auch in israelischen Supermärkten ihren festen Platz haben.

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