Artur Brauner

Old Shatterhand

von Uta von Schrenk

Es dürfte schon einige Jährchen her sein, da war die Familie Cooper zu Gast bei der Familie Brauner. Wohlgemerkt, die Familie Gary Cooper. Man unterhielt sich über dieses und jenes aus dem Filmgeschäft. Und: Artur Brauner sprach darüber, wie er als junger Mann in dem Gebiet, in dem Oder und Neiße sich trennen, den Judenjägern der SS entging. Gary Cooper durfte sich geehrt fühlen. Über diese Jahre zwischen 1939 und 1945 spricht Brauner sonst nicht. Zumindest nicht öffentlich. Nicht, weil er dazu emotional nicht imstande wäre. Nein, Artur Brauner ist Geschäftsmann, er hat einen Vertrag mit einem Verlag unterschrieben, der seine Me‐ moiren veröffentlichen will. Und exklusiv heißt nun einmal exklusiv.
Doch Artur Brauners Überleben hing in großem Maße von Gary Cooper ab, zumindest von einem seiner Dreißiger‐Jahre‐Western, an den Titel kann er sich nicht mehr erinnern, aber Artur hatte als Jugendlicher schließlich die Cooper‐Filme im Dutzend konsumiert. Brauner jedenfalls sprach von jener Szene, in der Cooper, unbewaffnet, vier oder fünf Verbrechern gegenübersteht, am Rande eines Sees. Es ging um Gold. Einer der Schurken zieht den Revolver und will Cooper umlegen. Doch der wehrt sich und überlebt. Bei Artur Brauner ging es ums KZ, und anstelle von vier verruchten Cowboys stand ihm am Rande eines Gewässers ein SS‐Mann mit Maschinengewehr gegenüber. Brauner rammt dem Nazi seinen Kopf in den Bauch, der fällt ins Wasser und mit ihm das Gewehr. „Ich begann zu rennen. Rennen, rennen, rennen“, sagt Artur Brauner heute. Ins Kino gehen, heißt, fürs Leben lernen.
Artur Brauner geht, seit er sechs ist, in jeden Western, der in seiner Geburtsstadt Lodz gezeigt wird. „Diese Filme haben mich gelehrt: Du gibst nicht nach, auch wenn du einer bist und die anderen zehn. Du gibst nicht auf, du kämpfst. Deswegen habe ich überlebt.“ Artur Brauner gibt zu, dass für einen pragmatisch denkenden Menschen es zumindest irritierend ist, wenn jemand darauf besteht, dass seine Filmhelden ihm das Leben gerettet haben. Den Holocaust zu überleben, als 20‐jähriger jüdischer Pole, war vielleicht ohnehin viel mehr eine Frage des Idealismus, der absurden Hoffnung. Jedenfalls übersteht Artur Brauner mehr als fünf Jahre irgendwo in den Wäldern Polens, und mit ihm seine Eltern und die vier Geschwister. „Als ich erfahren habe, dass ich den Davidstern tragen soll, als diffamierendes Zeichen, dass ich nicht zur ‚arischen Rasse‘ gehöre, habe ich mich entschlossen zu kämpfen.“ Das war Ende 1939.
Heute ist es schwer, in dem alten Mann den Westernhelden, der sich gegen die Nazis auflehnt, zu sehen. Artur Brauner wird nächstes Jahr neunzig Jahre alt, die Ohren sausen, der Meniskus schmerzt, nachts kommt er nicht zur Ruhe. Doch sperrig ist Artur Brauner geblieben. Als Helmut Kohl, längst durch die Spendenaffähre der CDU bloßgestellt, Geld sammelt für seine Rehabilitation, ist Brauner mit 50.000 Mark dabei. Als Michel Friedmans Inanspruchnahme von Prostituierten öffentlich und seine Nutzung von Kokain strafverfolgt wird, spricht Brauner von „braun gefärbten Juristen“. Und: Eine gewisse Portion Zähigkeit muss sich Artur Brauner bewahrt haben. Mehr als 200 Filme, vor allem Unterhaltungsfilme, hat er mit seiner Firma CCC‐Filmkunst produziert, schätzt das „Manager Magazin“, hat hunderte Millionen verdient, Immobilien am Berliner Kurfürstendamm rauf und runter gekauft und wieder verkauft, als die Verluste zu hoch wurden. Erst Ende Februar gingen Häuser und Grundstücke im Wert von 115 Millionen Euro an eine österreichische Bank, um seine Gläubiger zufriedenzustellen. Heute, sagt Brauner mit einem wolkigen Lächeln, sei er „reich an Schulden“. Wie auch immer: In einem Alter, in dem die meisten schon seit dreißig Jahren in Rente sind, verzichtet Brauner auf Urlaub, um mit seinem Anwalt über Rechtsstreitigkeiten, mit dem Manager seines Hotels über Kontoauszüge oder mit seiner jüngsten Tochter über neue Filmprojekte zu konferieren.
Das Hollywood Media Hotel am Berliner Kurfürstendamm. Wer das Foyer von Artur Brauners Hotel betritt, wähnt sich in der Vorhalle eines Filmmuseums. Dicht an dicht hängen hier Filmplakate, gerahmt und häufig signiert, von Artur Brauners Produktionen aus sieben Jahrzehnten. Ein Laufsteg, keine Lobby. Trotz aller Erfolge, von dem Wunsch nach Anerkennung ist hier jemand nicht frei. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass Artur Brauner fast fünfzig Verwandte in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten verloren hat. Seine Eltern und Geschwister wandern nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nach Israel aus. Doch Artur, damals 27 Jahre alt, geht ausgerechnet nach Berlin. „Ich wollte das, was passiert ist, dokumentieren“, sagt er.
Artur Brauners erstes Dokument wird Morituri, ein Film über eine Gruppe flüchtiger KZ‐Häftlinge, die in einem polnischen Wald, eingeklemmt zwischen Roter Armee und deutscher Wehrmacht, ausharren. „Diesen Film konnte ich nur hier drehen, weil nur hier die Wälder so aussehen wie in Polen“, sagt er. Die Währungsreform 1948 sorgte dafür, dass Artur Brauner sich hoch verschuldete. „Ich blieb, weil ich nicht als Schuldner fliehen wollte.“ Doch Morituri wird ein Flop. Die Deutschen wollen sein Denkmal nicht sehen. Im Gegenteil, Kinoschaufenster werden zerschlagen, Plakate abgerissen. Der Film, auf der Biennale in Venedig hoch gelobt, wird von den Kinobetreibern aus dem Programm genommen. „Ich musste einen zweiten, einen dritten Film machen, um die 150.000 Mark aufzubringen.“ Der Erfolg stellt sich ein, warum also soll Artur Brauner, seit kurzem mit der Tochter des einstigen Direktors am jüdischen Theater Lemberg glücklich verheiratet, nun gehen?
Der Erfolg. Artur Brauner spricht auffallend wenig über die Filmproduktionen, die ihn zum Millionär machten. Wenn überhaupt, erwähnt er in diesem Zusammenhang Old Shatterhand. Wenn Artur Brauner das Wort „meine Filme“ fallen lässt, dann meint er jene zwei Dutzend Filme, die er über den Holocaust gedreht hat. Filme wie Der letzte Zug, der im Winter kurz in den Kinos zu sehen war, oder Hitlerjunge Salomon, für den er den Golden Globe bekam. „Echte Freude kommt auf, wenn man ein gutes Drehbuch liest, und nicht, wenn man Gewinn macht“, sagt er. Von Letzterem hat Artur Brauner in seinem Leben reichlich gehabt, zumindest davon ist er frei.
Als seinem Film Hitlerjunge Salomon 1992 die besten Aussichten auf den Auslands‐Oscar eingeräumt werden, rennt Artur Brauner von „hier nach dort“, damit der Film nominiert wird. Doch die deutsche Jury reicht ihn nicht ein. „Der Film war denen wohl zu polnisch – ein polnischer Produzent, eine polnische Regisseurin, polnische Schauspieler“, sagt Artur Brauner heute, und ihm ist anzumerken, dass auch fünfzehn Jahre später diese Zurückweisung in ihm wütet. „Wo hat es das gegeben, dass ein Land auf einen Oscar verzichtet?“ Ja, sein Hitlerjunge Salomon wurde von den Deutschen verstoßen, und das zu ihrem eigenen Nachteil. Artur Brauner ist laut geworden, er versucht sich zu bremsen, schüttelt den Kopf, neues Thema bitte. Der Wirbel um Babij Jar war nichts dagegen, zumindest nicht für ihn. Als im Sommer 2003 der Film über die Ermordung von 33.771 Jüdinnen und Juden in der „Großmütterchenschlucht“ bei Kiew in den Kinos läuft, rufen Unbekannte bei Artur Brauner an und drohen, ihn zu ermorden. Aber Angst? Das Bedürfnis, das Land zu verlassen? Artur Brauner versteht nicht. „Man kann nach Hitler keine Angst mehr haben“, sagt er.
Er habe Deutschland ein enormes Alibi geliefert, indem er diese Filme über die Opfer der Nazityrannei drehe, sagt Artur Brauner. Nur, dass Deutschland dieses Alibi nicht annehmen will. Mehr als 15 Millionen habe er mit seinen Holocaust‐Produktionen verloren. „Man kann mit diesen Filmen kein Geld verdienen“, sagt er. Nicht gerade zimperlich sei Brauner in der Wahl der künstlerischen Mittel, wenn es um die Darstellung der Schoa gehe, ist ein häufiger Vorwurf von Filmkritikern. In Zeiten, in denen das deutsche Publikum den Schuld‐Stoff nur noch als Komödie à la Das Leben ist schön oder als Parodie wie in Mein Führer ertragen will, ist Moralinsaures reichlich passé. Doch auf eine ästhetische Debatte hat sich Artur Brauner nie eingelassen. „Diese Filme sind tabu im negativen Sinne. Man wollte sie damals nicht sehen, man will sie heute nicht sehen.“ Keine Frage, die Deutschen sind ihm etwas schuldig.
Was passiert stattdessen? Die Deutschen wenden sich dem eigenen Leid zu. „Die Flucht, die Vertreibung wollen Tausende sehen.“ Im Mai 1995, fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, reicht es Artur Brauner. Als er die Frankfurter Allgemeine aufschlägt, leuchtet ihm eine halbe Seite Anzeige „Gegen das Vergessen“ der Vertriebenen entgegen. Brauner kontert halbseitig, in sieben der größten Zeitungen, im gleichen Stil, mit dem Leid der vergasten Juden. „Das werden Sie bereuen“, habe ihm damals ein hochrangiger Politiker vorausgesagt. Und tatsächlich, sagt Brauner. Plötzlich soll seine Tochter ihr Kind entführt haben, um den eigenen Vater zu erpressen. Plötzlich hatte man im Hause Brauner einen Immobilienskandal – wegen falscher Heizkostenabrechnungen. Plötzlich soll seine Frau Kunst geschmuggelt und Kontakte zum KGB sowie zur Stasi gehabt haben. Noch heute fühlt sich Artur Brauner von Justiz, Banken, Finanzamt und anderen behördlichen Institutionen gemobbt. „Ich überlebe auch die Drangsalierungen dieses braunen Kreises“, sagt er. „Der endgültige Sieg wird jedoch auf unserer Seite sein.“
Was macht einer, der sich umzingelt sieht? Er sucht sich einen Freiraum. Das waren für Artur Brauner wohl immer seine Filme. Zwar hat er bereits 1989 sein gesamtes Archiv dem Filmmuseum vermacht, zwar hat er seine jüngste Tochter längst in die Geschäfte der CCC‐Filmkunst eingeführt. Doch ans Aufhören muss Artur Brauner immer nur sporadisch gedacht haben, wenn überhaupt. Der letzte Zug, verkündete Brauner, sei sein letzter Film. Ein paar Wochen später kündigte er, den nun aber wirklich letzten Film, Wenn Steine weinen könnten über eine Kinderfreundschaft in Zeiten des Holocaust an. Nun liegt wieder mal ein neues, letztes Drehbuch auf seinem Tisch: Der Chinese. Eines ist sicher, hier kann jemand nicht aufhören. „Ich bin so absorbiert mit meiner Arbeit, meinen Problemen, meiner Familie. Der Tag geht vorbei, ohne dass ich in die Zukunft schaue, die ja keine mehr ist.“ Der Film ist das Leben.
Vielleicht ist es der Fluch des Alters, die Perfidie des Langzeitgedächtnisses, die Artur Brauner drehen, drehen, drehen lässt. Diese schlaflosen Nächte, in denen die Erinnerungen an die NS‐Zeit herankriechen. „Ich lebe damit, dass ich die Toten zum Leben erwecke.“ Und natürlich die eigenen Erlebnisse, die gebändigt werden wollen.
Vielleicht hat Artur Brauner auch deswegen einen solchen Hang zum autobio‐ grafischen Material. Kaum erinnert ihn ein Drehbuch an Situationen aus dem eigenen Leben, klemmt er sich dahinter, will den Stoff unbedingt realisieren. Morituri, realisiert, weil auch Brauner als Jude in den polnischen Wäldern überlebte. Der letzte Zug, realisiert, weil auch Brauner diese Angst als Jude beim Zugfahren durchlitt. Der Chinese, realisiert, weil auch Brauner, wie der Filmheld, ein Jude aus Lodz ist. Artur Brauners persönlicher Western muss erst noch gedreht werden.

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