zuwanderer

„Ohne diese Arbeit wäre ich längst gestorben“

von Holger Biermann

Semjon Barkan ist ein alter Mann. Gerade feierte er seinen 90. Geburtstag, doch die 20 Stufen zur Wohnung seiner Freunde in der Bremer Neustadt steigt er noch immer sicher und ohne fremde Hilfe hinauf. Oben angekommen, streicht er den Kindern übers Haar. Er begrüßt die Erwachsenen mit einer leichten Umarmung und mit Schulterklopfen und fragt dann freudig‐laut nach Tee und Kuchen – ganz wie der Wanderer, der das Ausflugslokal erreicht. Semjon Barkan ist Theaterregisseur. Seine Bühne ist an diesem Tag ein kleines Wohnzimmer in der Möckernstraße, und erzählen möchte er hier aus seinem Leben.
Geboren wurde Semjon Barkan am 14. April 1916 in Polozk, einer Kleinstadt in Weißrußland. Er wächst in St. Petersburg auf, wohin die Eltern 1917, nach der Oktoberrevolution, ziehen. Der Vater ist Kunsttischler, die Mutter Hausfrau. Sie kümmert sich um die vier Kinder. Semjon, ihr jüngstes, ist oft krank. Er hat Asthma. Mit sieben Jahren werden die Beschwerden so schlimm, daß die Barkans beschließen, komplett und für immer nach Palästina auszuwandern. Semjon Barkan sagt: „Mein Vater war sehr religiös. Er glaubte an die Idee, einen Staat Israel zu gründen, und ich war der Liebling der Familie. Deshalb hieß es, wenn wir ans Mittelmeer gehen, wird alles gut.“
Für die Fahrt wird bei den Verwandten Geld gesammelt und beim Staat die nötige Reiseerlaubnis beantragt. Dann geht es über Odessa, Istanbul und Saloniki in das gerade entstehende Tel Aviv. Viele Eindrücke, besonders jene von der Ankunft 1925 „in dieser wunderbar warmen Welt“, wie Barkan sagt, hat er noch vor Augen. Er erzählt von reizenden weißen Häusern mit Arkaden, vom bleibenden Erlebnis der Orangenernte und von der Überraschung, als die Leute im neuen Land nur Hebräisch und nicht Jiddisch sprechen. Er berichtet auch vom Heimweh. „Mein Vater“, sagt Barkan, „hat mehr und mehr die Unterschiede gespürt – nicht nur gegenüber den Arabern, auch gegenüber anderen Einwanderern, russischen und polnischen Juden. Er vermißte sein Schwarzbrot.“
An dieser Stelle macht der Mann mit den weißen Haaren und den wachen Augen eine erste Pause. Er greift zum frischen Pflaumenkuchen, der auf dem gedeckten Eßzimmertisch steht, und nippt an seinem Tee. Es dauert eine Weile, bis er sich wieder gesammelt hat. Stille erfüllt den Raum. Dann beginnt Barkan aufs Neue – diesmal mit einem Donner in der Stimme, denn es passiert das Unglaubliche.
Als die Mutter an Malaria erkrankt, verkauft die Familie alles und verläßt Palästina nach nur einem Jahr mit dem Dampfer „Lenin“. Es geht zurück nach St. Petersburg, wo erneut die Verwandten helfen – diesmal bei der Wiedereingliederung. Barkan: „Der Vater hatte bald wieder Arbeit, ich schnell wieder Asthma.“ Vor dem Ende der achten Klasse werden Semjons Anfälle erneut so schlimm, daß ihn die Mutter zur Genesung ans Schwarze Meer bringt auf die Halbinsel Krim. Vier Jahre lebt der Junge dort, macht seinen Schulabschluß und arbeitet zunächst als Erzieher in einem Kinderheim. „Aber geträumt“, sagt Barkan, „habe ich seit dem elften Lebensjahr von der Bühne. Seit dem Besuch im Petersburger Kindertheater gehörte mein Leben dieser Einrichtung.“
1938 bewirbt er sich an der Schauspiel‐Akademie in Moskau und wird aufgenommen. Daß er dabei seine jüdische Herkunft verschweigt, hilft ihm ebenso wie die kleinen Theatererfahrungen, die er als Erzieher sammelt. Barkan studiert bald bei Alexej Popov, einem der anerkanntesten Regis‐ seure des Landes, und wird im dritten Semester für eine Regie‐Hospitanz ausgewählt. Eine große Auszeichnung, denn es ist ein Theaterstück über Lenin, bei dem er zuschauen darf. „Plötzlich war ich täglich mit bekannten Schauspielern wie Leonid Leonidow zusammen“, sagt Barkan. „Es war ein großes Glück, von diesen Leuten zu lernen.“
Dann macht er erneut eine Pause. Draußen hinter dem Fenster, an dem der alte Mann sitzt, hat es angefangen zu regnen. Sein Blick fällt in das Nachmittagsgrau und hinunter auf den kleinen Reihenhaus‐Garten. Im Hintergrund erkennt man dunkel einen massigen Beton‐Klotz. Es ist ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg – einer Zeit, in der Barkan sein Studium in Rußland unterbrechen und Moskau verlassen mußte. Sein ausgestreckter Zeigefinger ist erhoben, als er weitererzählt.
„Als die Deutschen kamen“, sagt Barkan, „wurde ich wie viele meiner Kommilitonen nach Smolensk gebracht, um Panzergräben auszuheben.“ Allerdings macht sein Asthma regelmäßiges Arbeiten bald unmöglich, und man schickt ihn weiter nach Krasnojarsk in Sibirien. Dort darf Semjon als Regisseur arbeiten, auch ohne Abschluß. Er inszeniert Stücke von Maxim Gorki und ist selig – zumindest für Augenblicke, denn in St. Petersburg leidet seine Familie unter der Kriegsblockade. Einer seiner Brüder kommt im Bombenhagel über der Stadt ums Leben, ein weiterer stirbt an der Front. Auch die Großmutter und der Vater überleben die Flucht aus St. Petersburg nicht.
Für Barkan ist die Welt eine andere, als er 1944 nach Moskau zurückkehrt. Er beendet sein Studium, tritt eine Regie‐Stelle im Theater der Roten Armee an und spürt, wie sich die Stimmung gegenüber Juden verändert. Die Zeit des staatlichen Antisemitismus hat begonnen. Als Stalin in einer Radio‐Ansprache überraschend sein Glas auf das Wohl des russischen statt des sowjetischen Volkes erhebt, wird Barkan ganz schlecht. Kurz darauf verliert er seinen Job. Einige seiner Freunde verlieren alles. „Manche wurden festgenommen, manche verschwanden einfach über Nacht“, sagt Barkan. Auch das jüdische Theater muß schließen. Der junge Mann hat Angst. Eine Weile lebt er von der Hand in den Mund, dann findet er schließlich einen Platz im Moskauer Zigeuner‐Theater.
„Das war ein unpolitisches Haus, aber voller Folklore, Gesang und Tanz“, so Barkan, der eigentlich nur ein, zwei Jahre bleiben will, doch es wird ein Vierteljahrhundert daraus. Er richtet sich ein. Er heiratet. „Eine kleine schlanke Blondine mit dünner Taille.“ Eine liebevolle Frau, die ihn 1952 zum Vater einer Tochter macht. „Auf einmal war auch das Asthma fast weg.“ Das alles gibt ihm Kraft. Außerdem unternimmt er Reisen. Einmal pro Jahr muß er durchs Land fahren, um Nachwuchskräfte für sein Theater zu finden, junge Zigeuner mit großem schauspielerischem Talent.
Sein Leben wird ruhiger. Die politische Lage im Land entspannt sich. Mitte der 60er Jahre steigt Barkan zum Hauptregisseur am Zigeuner‐Theater auf. 1978 beruft man ihn zum Professor für Theaterwissenschaften in Moskau. Er darf jetzt an der Schauspiel‐Akademie lehren, dort, wo er selbst einst studierte. Viele seiner Studenten schaffen den Sprung nach New York oder London, darauf ist Barkan stolz. Er sagt: „Ich habe am Ende die Stücke inszenieren können, die ich wollte.“ Dann – auf dem Höhepunkt – tritt er ab, packt die Koffer und kommt 1994 als jüdischer Zuwanderer nach Bremen. Semjon sagt: „Meine Tochter und ihr Mann sind damals nach Deutschland gegangen. Meine Frau und ich sind ihnen gefolgt.“
So steht der 90jährige Professor aus Moskau heute auf einer Bühne in Bremen, um nach den Regeln des von ihm so verehrten Regiemeisters Konstantin Sergejewitsch Stanislawski Theater und Lebenskunst zu vermitteln. Man findet ihn und sein Seminar „Russische Schauspielschule“ an der Bremer Universität. Semjon Barkan lacht, als er sagt: „Ohne diese Arbeit wäre ich längst gestorben.“ Vielleicht auch, weil das Auswandern eben doch nicht so einfach ist und auch Semjon Barkan manchmal Heimweh hat – so wie sein Vater damals in Tel Aviv.

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