essay

Oh du mein Österreich

Vor einigen Jahren hatte ich eine Lesung in einem kleinen Ort in der Nähe von Salzburg. Beim Signieren der Bücher erklärte mir eine Dame Mitte 60, sie habe in ihrem Leben noch nie einen Juden gesehen. Dies sei der Grund, weshalb sie zu meiner Lesung gekommen sei. Sie wollte sich einen Juden anschauen. Einige Leute aus dem Publikum waren entsetzt. Die Äußerung der älteren Dame hatte mich aber keineswegs unangenehm berührt. Sie war einfach neugierig. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, wie präsent Juden im österreichischen Bewusstsein sind: Vorstellungen, die vom tradierten Klischee bis zur positiven Projektionsfläche reichen. Wer außerhalb von Wien zu Hause ist, kennt jüdische Menschen jedoch meist nur aus Kinofilmen, Büchern oder Fernsehberichten. »Kontingentflüchtlinge« wie in Deutschland gibt es in Österreich keine. Die Israelitischen Kultusgemeinden haben insgesamt etwa 8.000 Mitglieder, die Gesamtzahl aller Juden in Österreich wird auf etwa 15.000 geschätzt. Davon leben mehr als neunzig Prozent in Wien.
Ich selbst lebe in Salzburg. Als Jude, der außerdem noch Zuwanderer aus Russland ist, bin ich hier ein Exot. Es gibt viel mehr Menschen, die meiner Herkunft mit Neu‐gierde begegnen als mit Ressentiments, es gibt jedoch kaum jemanden, dem diese Herkunft gleichgültig wäre.

stereotype Ich vermute, dass auch Dieter Egger, der FPÖ‐Chef von Vorarlberg, bis jetzt nur wenige Juden persönlich kennen‐ gelernt hat. Mit dem aus Frankfurt am Main stammenden Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, den Egger vor Kurzem als »Exiljuden aus Amerika« bezeichnet hat, hat der Provinzpoli‐ tiker aber schon das eine oder andere Mal »ein Bier getrunken«, wie Loewy in einem Interview mit der Tageszeitung Die Presse versicherte. Die Bezeichnung »Exiljude« sei, so Hanno Loewy, eine »Vertreibungsfantasie«. Gemeint seien nicht die wenigen Juden im Land, sondern eigentlich die »mehrheitlich türkischen Arbeitsmigranten«. Bezeichnend ist allerdings, dass Egger dabei trotzdem auf eine antisemitische Rhetorik zurückgegriffen hat, um vor seinen Anhän‐ gern eine gute Figur zu machen, und dass er dabei den Deutschen Loewy als Amerikaner bezeichnet und damit bewusst das Klischee vom angeblich mächtigen amerikanischen Judentum bedient hat – etwas, das schon vor zwanzig Jahren im Zuge der sogenannten Waldheim‐Affäre eine gängige Methode gewesen war.
Ist Österreich ein antisemitischeres Land als Deutschland? Wohl kaum. Sind die österreichischen Juden ernsthaft bedroht, ist ihr Alltag schwieriger als in anderen mitteleuropäischen Ländern? Sicherlich nicht. Antisemitische Stereotype und die Angst vor Juden als kulturell tradiertes, über Jahrhunderte entstandenes Phänomen in christlichen Gesellschaften sind in Tirol nicht stärker ausgeprägt als in Bayern und in Vorarlberg nicht viel anders als in Baden‐Württemberg. Allerdings wird sich mancher Österreicher einen »antisemitischen Sager«, der ihm auf der Zunge liegt, in der Öffentlichkeit nicht verkneifen, während ein Deutscher, der ähnlich denkt und fühlt, in einer vergleichbaren Situation eher den Mund halten wird.

geschichtsvergessen Dieser bedeutende Unterschied hat historische Gründe, wobei der gängige Erklärungsansatz, dass sich Österreich nach 1945 offiziell als »erstes Opfer Hitlerdeutschlands« gesehen und sich somit aus der Verantwortung für die Verbrechen der NS‐Diktatur lange Zeit davongeschlichen habe, nur einen Teilaspekt wiedergibt. An diese »Opfertheorie« hat auch vor fünfzig Jahren niemand so recht glauben wollen. Was Österreich wesentlich von Deutschland unterscheidet, ist der bereits 1955 erfolgte Abzug aller Besatzungstruppen, die Neutralität und die vollständige Souveränität des Landes zu diesem frühen Zeitpunkt. Dies gab vielen Menschen und den meisten Politikern die Illusion, die Abgründe der Geschichte glück‐lich überstanden zu haben. Als Insel der Seligen zwischen den Machtblöcken und ohne übergeordnete Kontrollinstanz hatte Österreich mehr Möglichkeiten als die beiden deutschen Staaten, sich selbst zu definieren und im eigenen Land nach Gutdünken zu schalten und zu walten. Das Ergeb‐ nis ist bekannt: Die Vergangenheit wurde verdrängt, die Schuld geleugnet, der Antisemitismus galt wieder als lässliche Sünde, Kriegsverbrecher wurden vor Gericht freigesprochen; Minderheitenrechte – wie jene der Slowenen in Kärnten – wurden eingeschränkt, NS‐Opfer kaum jemals entschädigt und die Demokratie einem Proporzsystem der beiden Großparteien geop‐ fert, was einen Diskurs über heikle Themen lange Zeit unmöglich machte. Erst in den 80er‐Jahren begannen die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Die drei Jahrzehnte trotziger Provinzialität zwischen dem Staatsvertrag und der Waldheim‐Affäre bleiben aber bis heute ein Teil des österreichischen Kollektivbewusstseins.
ungehemmt Vor ein paar Jahren wurde ich in einem Salzburger Kaffeehaus ungewollter Ohrenzeuge einer Unterhaltung zweier Männer an der Bar. Der eine war Anfang dreißig, der andere vielleicht ein paar Jahre älter. »Ständig dieser Lärm in der Wohnung über mir«, sagte der eine. »Die Kinder schreien und laufen herum bis tief in die Nacht, und die Eltern tun nichts dagegen. Man sollte sie alle vergasen.« Der andere lachte. »Ja«, meinte er, »für solche Fälle habe ich meine Zyklon‐B‐Schachtel immer griffbereit im Küchenkasten stehen …«
Heute bereue ich, dass ich in diesem Augenblick geschwiegen habe. Manchmal ist Widerspruch eine Frage des Prinzips. Ich aber war müde an jenem Nachmittag. Ich war so fassungslos, dass ich kein Wort herausbrachte, ich hatte zu oft Streitgespräche führen müssen und ging diesmal dem Konflikt aus dem Weg. Ich ahnte, welche Antwort ich bekäme, würde ich die beiden Männer zur Rede stellen: »Das war doch nur ein Scherz. Überhaupt nicht ernst gemeint. Nur eine blöde Rederei.« In vergleichbaren Fällen habe ich das immer wieder zu hören bekommen. Die meisten ver‐ standen nicht, was an ihrem Verhalten beleidigend sein sollte. Nichts als eine »blöde Rederei«. Launig. Geschichtslos. Apolitisch.
Dieser oft unreflektierte und lockere Umgang mit der Sprache bezieht sich nicht nur auf den Antisemitismus und die österreichische NS‐Vergangenheit, sondern auch auf alle Formen der Minderheiten‐ oder Fremdenfeindlichkeit. In manchen Fällen mag man das als eine Trotzreaktion auf die Allgegenwart der zur Norm erhobenen Political Correctness deuten. Es ist aber wohl auch eine Konsequenz aus der Tatsache, dass heute die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit nicht bewusst erlebt hat.

twilight‐generation Die jüngeren Menschen gehören heute meist schon der dritten Generation nach dem Krieg an. Jene, die etwa vierzig sind oder noch jünger, waren weder mit dem beredten Schweigen und der Verdrängung der Nachkriegsjahrzehnte konfrontiert, noch muss‐ten sie sich wie die zehn oder zwanzig Jahre Älteren mit den Kriegstraumata ihrer Eltern auseinandersetzen. Demzufolge fühlt sich die »dritte Generation« nicht mehr unmittelbar von den Auswirkungen der NS‐Zeit betroffen. Allerdings ist die Vergangenheit für die jüngeren Menschen von heute noch keineswegs »historisch«. Der Kontakt mit Zeitzeugen (vor allem mit den Großeltern und anderen Verwandten), der seit gut zwanzig Jahren geführte Diskurs über die österreichische Verantwortung und Identität und das von der Vorgängergeneration geerbte, vielfach durch Symbole, Metaphern und Andeutungen vermittelte historische Gedächtnis führen dazu, dass die Jüngeren zwar einerseits ungezwungener mit der Vergangenheit umgehen als ihre Eltern, diese aber andererseits als Teil ihrer Prägung und Identität dennoch so stark internalisiert haben, dass sie – öfter unbewusst als gewollt – auf diesen Bereich des kollektiven Gedächtnisses zurückgreifen. Es scheint, als bewegten sich die Jüngeren in einem prekären Zwischenbereich, in einer emotionellen Twilight‐Zone, in der alles möglich ist und die Grenzen verschwimmen. Zu den positiven Effekten dieser Entwicklung gehört, dass sich viele von ihnen, insbesondere Jugendliche, bedenkenloser als früher und ohne innere Hemmungen überwinden zu müssen, der Vergangenheit des eigenen Landes stellen. Sie interviewen Schoa‐Überlebende, engagieren sich in Gedenkinitiativen oder beschäftigen sich intensiv mit den eigenen Familiengeschichten. Andere, die der Twilight‐Generation zugerechnet werden können, sind hingegen besonders anfällig für faschistoides Gedankengut, weil im Zwielicht ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit das destruktive Potenzial dessen versteckt ist, was die vorangegangenen Generationen unaufgearbeitet an sie weitergereicht haben.

rechtsruck? Ich persönlich glaube nicht, dass Österreich heute rechtsradikaler, antisemitischer oder ausländerfeindlicher ist als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Der von vielen als schockierend empfundene »Rechtsruck« spiegelt nur etwas wider, was immer schon österreichische Realität gewesen ist. Die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sind in unserer Zeit nur klarer erkennbar. Demzufolge ist es heute, wie ich glaube, leichter, als Jude in Österreich zu leben als in der langen Nachkriegszeit, die mehr als eine Generation gedauert hat.
Es gibt eine Zivilgesellschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat und – trotz allem – auf eine positive Veränderung hoffen lässt. Die »dunkle Seite des Landes« präsentiert sich ebenfalls selbstbewusster, macht sich dadurch aber auch angreifbarer oder zumindest greifbarer. Das Leben eines Zuwanderers oder Asylsuchenden ist heutzutage hingegen ungleich prekärer als in jenen Jahren, als meine Eltern und ich in den 70er‐Jahren nach Österreich eingewandert sind. Dies ist allerdings ein allgemeines europäisches Phänomen und lässt sich nur zum Teil auf lokale Gegebenheiten zurückführen.
Was bedeutet dies für die Juden in Österreich? In erster Linie wohl, dass sie in einer immer offener werdenden Gesellschaft den rechtsradikalen Tendenzen mit der entsprechenden Konsequenz und Offenheit entgegentreten sollten. Sich, wie es manche insgeheim tun, darüber zu freuen, dass diesmal nicht mehr (oder noch nicht) die Juden das primäre Ziel der Anfeindungen von rechts sind, sondern Muslime, ist genauso absurd wie zu glauben, dass ein scharfer Hund nicht nur den verschont, der die Befehle kennt, auf die er hört, sondern auch jenen, der ihm zulächelt oder sein Bellen zu imitieren versucht. Dieter Eggers Ausspruch zeigt, dass alte Feindbilder rasch wieder hervorgeholt werden, wenn man sie braucht.
Der Hohenemser Gemeinderat hat inzwischen mit den Stimmen aller Parteien mit Ausnahme der FPÖ eine Resolution gegen Antisemitismus und Rassismus beschlossen. Wenigstens dies ist eine positive Entwicklung, denn so etwas hätte es »früher« mit Sicherheit nicht gegeben.

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