sozialforschung

Ökonomie des Terrors

Terror steht für Tränen und Trauer. Zahlen haben nur selten Platz, wenn es um den Schmerz der Opfer geht. Tatsächlich fließt seit Jahrzehnten bei Anschlägen palästinensischer Terroristen immer wieder das Blut unschuldiger Israelis. Esteban Klor und Eric Gould von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem aber haben statt Emotionen ausschließlich harte Fakten untersucht. In ihrer Studie »Funktioniert Terrorismus?« wollten die Ökonomen herausfinden, ob Gewalt ein effektives Mittel ist, um politische Ziele durchzusetzen.
Mit Terrorismus müssen sich heute viele Länder auseinandersetzen. Allen voran Israel. Mittlerweile existieren diverse Analysen zu den Ursachen und Konsequenzen. Kaum jemals ist jedoch darüber geforscht worden, ob Terrorismus überhaupt wirksam ist. Warum nicht? Autor Esteban Klor erläutert: »Es ist ein umstrittenes Thema, das mein Kollege und ich behandelt haben. Schon der Titel ist kontrovers. Nach einem Anschlag kochen die Emotionen hoch, da ist erst einmal kein Platz für Zahlen und umfassende Erklärungen.«
Klor ist dennoch der Meinung, dass die Frage gestellt werden muss, ob Terror funktioniert und inwieweit Staaten, die ihm ausgesetzt sind, politische und/oder territoriale Konzessionen machen. »Die Wirksamkeit von Terrorismus muss schon deshalb erforscht werden, damit wir geeignete Gegenmaßnahmen finden können.« Klors und Goulds Studie ist die erste weltweit, in der die Wirksamkeit von Terrorismus per Auswertung großer Mengen von Mikrodaten untersucht wird.

linksruck »Die unglaubliche Zahlenmenge ist der große Vorteil des israelisch‐palästinensischen Konflikts«, meint Klor. Durch die Vielzahl der Organisationen und Institutionen, die vor Ort sind und Daten sammeln, stünde mehr Material zur Verfügung, als je benutzt werden könne. Die beiden Ökonomen haben hauptsächlich Zahlen der israelischen Menschenrechtsgruppe Betselem verwendet, die nach Auskunft Klors das umfangreichste Archiv besitzt. Zudem haben, da Israel eine Demokratie ist, alle Bürger Zugang zu offiziellen Akten. Beide Datenmengen sind für die Studie zusammengefasst und in Bezug gesetzt worden. »Dadurch haben wir ein sehr umfassendes Bild bekommen.« Die Daten von Terroranschlägen in allen Teilen des Landes innerhalb von mehr als zwei Jahrzehnten – von 1984 bis 2006 – sind in die Studie eingeflossen.
Die Auswertung zeigt überraschenderweise, dass Terrorattacken bei den Israelis im Laufe der Zeit die Bereitschaft erzeugt haben, Land an die Palästinenser abzugeben sowie einen Palästinenserstaat zu akzeptieren. Ferner sind sie politisch nach links gerückt und haben eine bessere Meinung von Arabern entwickelt. Das scheint absurd? »Ist aber eindeutig belegt«, sagt Klor. Vor allem treffe das oben Beschriebene auf Menschen zu, die sich in ihrer politischen Einstellung zu den Rechtswählern zählen. Es werde zwar nach wie vor für Parteien des rechten Spektrums gestimmt, wie die Wahlen vom Februar dieses Jahres gezeigt haben. »Allerdings verändern sich die Parteien selbst«, so der Wissenschaftler. »Die rechten Parteien sind im Laufe der Jahre immer weiter nach links gerückt. Der Likud etwa steht heute links davon, wo vor 20 Jahren die Arbeitspartei angesiedelt war.« Die Studie kommt zu dem Schluss, dass der Terrorismus dafür verantwortlich ist, dass das gesamte politische Spektrum in Israel nach links gerutscht ist.

zahlen »Ich sehe einen großen Vorteil in der Statistik, auch wenn die im Zusammenhang mit Terrorismus zunächst etwas nüchtern anmuten mag«, so Klor. »Normalerweise sind die Reaktionen bei dieser Gewalt oft überschattet von Emotionen und Impulsen, selbst Zeitungsartikel oder Fernsehberichte geben das wieder, was die Reporter sehen oder gesehen haben. Das aber ist oft nicht korrekt, zeigt ein subjektives Szenario.« Die Zahlen hingegen würden ein flächendeckendes Bild ergeben, das die Wirklichkeit eher widerspiegelt. »Und so kann verstanden werden, warum Terrorismus überhaupt existiert und vor allem, wie an dessen Bekämpfung gearbeitet werden kann.«
Die Studie eröffnet mit einer Frage und bleibt die Antwort nicht schuldig: Ja, Terrorismus funktioniert! Klor ist überzeugt, dass er eine effektive Maßnahme zur Erreichung politischer Ziele ist. Zwar könne der Schuss in Ausnahmefällen nach hinten losgehen und ins Gegenteil umkippen, in der Regel aber erziele er das, was die Terroristen wollen. Klor glaubt fest daran, dass die meisten Terroristen rational denken und klare Anliegen haben. Das sei heute übrigens die Meinung von 95 Prozent der akademischen Welt, meint der Experte. Das Missverständnis der meisten Menschen liege darin, zu glauben, Terroristen übten Gewalt um der Gewalt willen aus. »Doch das ist falsch. Terrororganisationen haben strukturierte Gedanken und eindeutige politische Anliegen, die sie durchsetzen wollen. Auch wenn wir diese Anliegen vielleicht nicht immer ganz verstehen.«

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