Jerusalem

Nur auf den hinteren Plätzen

von Sabine Brandes

Normalerweise herrscht Gedrängel an den meisten Haltestellen der strengreligiösen Gegenden Jerusalems. Sobald die Busse vorfahren, streben Männer in schwarzen Mänteln und Hüten sowie züchtig gekleidete Frauen zur Tür, um einen guten Platz zu ergattern. Vergangene Woche aber bot sich ein ganz anderes Bild: Die Haltestellen waren leer. Religiöse Fanatiker bewarfen stattdessen die Busse im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim mit Steinen, zerstachen Reifen und bedrohten Angestellte. Auch im benachbarten Geula kam es zu Demonstrationen. Die Betreiberfirma Egged sah sich gezwungen, den Busverkehr kurzzeitig auszusetzen.
Eine neue Qualität im Kampf um die im Volksmund als koscher bezeichneten Busse, der bereits seit Jahren schwelt, ist erreicht. Wobei das Wort »koscher« in diesem Zusammenhang blanker Euphmismus ist. Tatsächlich handelt es sich um öffentliche Verkehrsmittel des landesweit operierenden Unternehmens Egged, die ihren Service nach Geschlechtern getrennt anbieten. Frauen dürfen ausschließlich hinten einsteigen und sitzen, Männer vorn. Wer keinen langen Rock und hochgeschlossene Bluse trägt, darf gar nicht erst mit. Blicke und Berührungen sind strengstens untersagt. Männliche religiöse Autoritäten diktieren Frauen – in Übereinstimmung mit einem öffentlichen Unternehmen – ob ihre Kleidung züchtig genug ist, wo sie einzusteigen und zu sitzen haben.
In der Vergangenheit ist es bereits einige Male zu gewalttätigen Übergriffen von männlichen auf weibliche Passagiere ge‐
kommen, die sich geweigert hatten, auf ei‐
nem der hinteren Sitze Platz zu nehmen. Eine Betroffene, die Beschimpfungen und Bedrohungen nicht stillschweigend hinnehmen will, ist die amerikanische Buchautorin Naomi Ragen, selbst strengreligiöse Jüdin. Auf einer Fahrt innerhalb Jeru‐
salems wurde sie beleidigt und körperlich bedroht. Sie machte ihrem Unmut über die Diskriminierung öffentlich Luft. »Heute ist es nur ein Platz im Bus, doch wer weiß, was es schon morgen sein wird?«
Die Befürworter der sogenannten Charedi‐Linien – Charedim steht für ultraorthodoxe Juden – kümmert das wenig. Lautstark und neuerdings auch mit geballter Faust wollen sie Egged zwingen, weitere Busse den Bedürfnissen ihrer Gemeinschaft anzupassen. Dazu gehört eine Vor‐
richtung zum Bezahlen an der hinteren Tür, damit Frauen nicht einmal in Versuchung geraten, den vorderen Einstieg zu benutzen. Allen voran pochen sie auf ihr selbst deklariertes Recht, die Nummer 2 von Mea Schearim zur Klagemauer koscher zu machen. Hadassah Friedman, ultraorthodoxe Passagierin, die gerade auf den nächsten Bus in Jerusalems Geula wartet, findet dieses Ansinnen legitim. »Oft ist es so eng, dass es unvermeidlich ist, sich zu berühren. Für uns ist das ein großes Problem, denn es passt nicht zu unserer Lebenseinstellung. Wir sind eine große Kundengruppe, zahlen unsere Fahrkarte, Egged lebt von uns. Da könnten sie uns ruhig entgegenkommen.« Gewalt gegen Andersdenkende, meint Friedman, sei indes durch nichts zu rechtfertigen.
In verschiedenen Teilen der Stadt tauchten zur Zeit der Unruhen Plakate auf: »Egged trampelt systematisch auf den Seelen der Charedi‐Bevölkerung herum und zerstört ihre Heiligkeit, indem sie ihr tagtäglich gemischte, verwerfliche Busfahrten aufzwingt«.
In der Vergangenheit hatte sich Egged stets verhalten geäußert, versucht, einen Kompromiss zu erreichen. Charedim stellen einen großen Anteil der Fahrgäste, die auf keinen Fall verprellt werden sollen. Nun aber sagte Sprecher Ron Ratner, dass die Linie 2 zwar zum Großteil von Charedim, jedoch auch von Touristen und säkularen Israelis genutzt werde. »Und nur, wenn die Zahl der ultraorthodoxen Passagiere gegen 100 Prozent tendiert, sind wir bereit, in den Bussen eine Geschlechtertrennung zuzulassen.« Also ein Nein seitens der Firma. Wahrscheinlich wartet Egged mit der Einrichtung weiterer Linien auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofes, der sich seit geraumer Zeit mit dem Thema beschäftigt.
Auf den Vorwurf, dass die speziellen Linien in keiner Weise markiert und kaum für nichtreligiöse Fahrgäste – schon gar nicht für Touristen aus dem Ausland – als solche zu erkennen sind, meinte Ratner lediglich, dass diese Linien nur auf Stre‐cken verkehren, die ohnehin fast ausschließlich von Leuten benutzt werden, die zu dieser Gemeinschaft gehörten.
32 Charedim‐Linien gibt es landesweit, acht verkehren innerhalb Jerusalems, der Rest zwischen Städten mit einem großen Anteil strengreligiöser Juden, wie Bnei Brak, Beit Schemesch, Kiriat Gat und Sa‐
fed. Für viele ist das nicht genug. Vor allem das Mehadrin‐Komitee, eine Einrichtung, die sich um die Belange der ultraorthodoxen Gemeinde kümmert, besteht auf mehr Bussen dieser Art. Vor einer Weile hatte es private Fahrzeuge ohne die nötige Lizenz gechartert, die Männer und Frauen getrennt voneinander auf der Strecke der Linie 2 hin und herkutschierten. Egged und dem Verkehrsministerium, das das letzte Wort in Sachen öffentliche Verkehrsmittel hat, waren diese Piratenlinien lange ein Dorn im Auge. In der vergangenen Woche verwarnte das Ministerium das Komitee, worauf dieses den Betrieb vorerst einstellte, jedoch gleichzeitig verkündete, es wolle Geld sammeln, um weitere koschere Linien auf die Straßen zu bringen.
Für den Obersten Gerichtshof geht es nicht darum, ob es weitere Charedi‐Linien geben darf, sondern um die Frage, ob ge‐
schlechtergetrennte Busse generell zulässig oder schlicht Diskriminierung seien. Frauenrechtsgruppen hatten sich vermehrt beklagt und die getrennten Busse als Zeichen eindeutiger Benachteiligung von Frauen deklariert. Auch das religiöse Aktionszentrum des reformierten Judentums hatte eine Petition eingereicht. Sie fordert, dass die Rechte und Wünsche aller Fahrgäste auch in den Charedi‐Linien so‐
wie in regulären Bussen auf den betreffenden Strecken geachtet werden. Zu einem Ergebnis ist der Oberste Gerichtshof noch nicht gekommen, hat aber ein Komitee eingesetzt, das alle Seiten anhören will. Der Egged‐Sprecher machte deutlich, dass sich sein Unternehmen, wie auch immer das Gericht entscheiden mag, in jedem Fall an das Urteil halten werde.

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