Ausstellung

Normal unnormal

Er sei es leid, Zahlen über Antisemitismus bekannt zu geben, sagte Andreas Zick einleitend zur Eröffnung der Ausstellung »Be‐
wachter Alltag« in den Räumen der Amadeu‐Antonio‐Stiftung in Berlin‐Mitte, denn bei jedem Vortrag würden seine durch repräsentative Umfragen gewonnenen Zahlen infrage gestellt. Jedesmal.
Seit 2002 erforscht der Sozialpsychologe der Universität Bielefeld die sogenannte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Im Ergebnis stellt er fest, dass klas‐
sischen antisemitischen Aussagen wie et‐
wa »Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss« zwar noch von 21,5 Prozent der Befragten zugestimmt wird, die Zustimmung jedoch abnimmt. Der sekundäre Antisemitismus hingegen ist auf dem Vormarsch. Dieser drückt sich zum Beispiel in einer Gleichsetzung der Politik Israels mit derjenigen der Nazis aus oder in Zweifeln an der Loyalität deutscher Juden gegenüber Deutschland. Und, so der Befund, antisemitische Einstellungen hängen eng mit einer Gewaltbilligung und -bereitschaft in der breiten Bevölkerung zusammen.
Die ausgeübte und angedrohte Gewalt macht die Bewachung jüdischer Einrichtungen notwendig. Christian Hanke, Be‐
zirksbürgermeister von Berlin‐Mitte, spricht in diesem Zusammenhang von »einer Form der Desintegration«. Gleichzeitig schaffe sie aber auch Sicherheit und es sei wichtig, sich mit dieser »Ambivalenz« zu beschäftigen.
Diese Ambivalenz ist Thema der Ausstellung: Die nüchternen Umfrageergebnisse werden durch Fotos ergänzt, die die Sicherheitsvorkehrungen jüdischer Einrichtungen sichtbar machen: Betonpoller, Videokameras, Sicherheitsschleusen. Daher der et‐
was sperrige Titel der Ausstellung »Bewachter Alltag – Antisemitische Mentalitäten – Ausschnitte einer verschobenen Normalität«. Die Bilder der Fotografin Nele Heitmeyer im Zusammenhang mit Interviews, die die Journalistin Nora Hertel mit Vertretern jüdischer Gemeinden durchgeführt hat, vermitteln einen Eindruck dieser »verschobenen Normalität«, des Alltags unter Bewachung. Und die Interviews untermauern die Notwendigkeit dieses Zustands. So sagt Esra Cohn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf: »Als normal würde ich es nicht empfinden – aber es scheint die Normalität zu sein.«
Die Umfragen von Andreas Zick bestätigen diese pessimistische Prognose. Es sind nicht nur – wie oft angenommen – ein paar Jugendliche, betonte Andreas Zick, die die Gewalt billigen. Die Zustimmung sei bei den 20‐Jährigen relativ hoch, gehe dann zurück, steige aber wieder mit zunehmendem Alter steil an. Wer über 50 ist, billigt in hohem Maße die Anwendung von Gewalt unter bestimmten Umständen und erklärt sich auch gewaltbereit. Wichtiger noch: Es gibt eine signifikante Korrelation zwischen der Gewaltbilligung und
-bereitschaft und dem Antisemitismus. Mit anderen Worten: Wer sich antisemitisch äußert, tendiert auch dazu, Gewalt zu entschuldigen und auszuüben.
Am Tag der Ausstellungseröffnung holte die Realität die Äußerungen des Forschers ein, als Schüler der Jüdischen Oberschule in direkter Nachbarschaft zur Antonio‐Amadeu‐Stiftung antisemitisch beschimpft und angegriffen wurden. Sophie Neuberg

Amadeu‐Antonio‐Stiftung, Linienstraße 139, Berlin‐Mitte. Besichtigung der Ausstellung bis zum 27. Februar nach telefonischer Vereinbarung: 030/240 886 25

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