Grabungen

Nichts zu verstecken

von Sabine Brandes

Man muss vorsichtig sein in Jerusalem. Besonders wenn es regnet. Die dicken Pflastersteine haben Epochen überdauert und sind mit der Zeit so glatt geworden wie eine Eisbahn. Ein unbedachter Schritt, und es gibt kein Halten mehr. So ist das oft in der Stadt der drei Weltreligionen. Doch die Jerusalemer sind daran gewöhnt – an den Regen und das Unüberlegte. Auf rutschfesten Sohlen eilen orthodoxe Juden über die Plaza unterhalb des Tempelberges, die teuren Hüte mit Plastikfolien geschützt, während der Muezzin mit durchdringender Stimme zum Gebet ruft und hinter ihnen Archäologen nach jahrtausendealten Artefakten suchen.
Neben dem Zelt aus schwarzer Plastikfolie graben Männer und Frauen in dunkelblauen Sweatshirts der israelischen An‐tiquitätenbehörde geschäftig in der Erde. Links von ihnen steht die Klagemauer, rechts hinter der dicken Mauer die Al‐Aksa‐Moschee. Die sogenannten „Ret‐
tungsausgrabungen“ werden vor Bauarbeiten durchgeführt, um historische Schätze aus der Erde zu bergen. Eine gängige Praxis und gesetzlich zugelassen an historisch bedeutenden Orten in ganz Israel. Geplant ist hier der Bau einer neuen Brücke zum Tempelberg, denn nach dem Einsturz der alten in 2004 steht noch immer ein Provisorium. Aus Sicherheitsgründen dringend nötig, sagen viele Experten. Dennoch beschwören die Grabungen neben dem Mughrabi‐Pfad seit Wochen arabische Proteste und Drohungen herauf. „Die Israelis wollen die Moschee unterhöhlen und zum Einsturz bringen“, ließen einige Gruppen verlauten.
Doch sollte dies ein Staatsgeheimnis sein, es wäre ein schlecht gehütetes. Natürlich kann nicht jeder durch das Zelt laufen, schließlich werden dort historische Artefakte unschätzbaren Wertes vermutet. Dennoch soll jetzt jedermann an den Ausgrabungen teilhaben können. Rund um die Uhr. Auf direkte Anordnung des Premierministers hat die Antiquitätenbehörde vergangene Woche drei Webcams (www.antiquities.org.il) installieren lassen. Zwei der Kameras zeigen die Ausgrabungen jeweils vor und hinter dem Zelt, eine schwenkbare ist unter der Zeltdecke angebracht.
Der New Yorker Tourist Jeff Shneider wagt einen Blick über den Zaun. „Unspektakulär“, findet er. „Liest man die Zeitungen, könnte man meinen, die Arbeiter hätten schon mit dem Spaten an der gol‐
denen Kuppel des Felsendoms gekratzt. Aber tatsächlich ist die Ausgrabung ja weit entfernt von allen moslemischen Bauten.“ Bevor er nach Jerusalem gekommen ist, habe er gedacht, dass sich die Israelis eine ungünstige Zeit für Archäologie ausgesucht haben, jetzt aber ist er anderer Meinung. „Nachdem ich das hier mit eigenen Augen gesehen habe, weiß ich, dass die Moslems wirklich viel Lärm um nichts machen.“
In der Sicherheitsschleuse am Eingang zur Klagemauer herrscht Gedränge. Wachablösung. Eine Gruppe Soldaten in dicken Anoraks schiebt sich in das Gebäude. Einer zeigt auf das Zelt der Archäologen und ruft seinem Kameraden zu: „Das da ist der Grund, weshalb ich schon einen Monat lang nicht nach Hause darf. Ich habe wirklich die Nase voll von dem ständigen Geschrei der Araber.“
Mohammad Saidi schreit nicht. Der Friseur erzählt völlig ruhig, während er seinem einzigen Kunden mit geschickter Hand den Bart stutzt. „Sie machen das extra, wollen uns provozieren. Die Bauarbeiten müssten nicht sein, der alte Weg reicht doch völlig aus. Die Israelis können nicht einfach etwas verändern, nur weil sie es wollen.“ Dann tritt der Mann aus seinem kargen Laden, der versteckt in einer Seitenstraße des Basars liegt, und hebt seinen Zeigefinger drohend in Richtung Tempelberg: „Wir müssen unsere Heiligtümer beschützen, um Gottes willen darf ihnen nichts geschehen.“
Die Gassen des Altstadtbasars liegen verlassen. Die meisten Verkäufer sitzen gelangweilt vor ihren Läden und trinken Tee oder starren vor sich hin. Als eine kleine Reisegruppe aus Spanien um die Ecke biegt, wachen die Männer aus ihren Tagträumen auf: Sie rufen und locken: „Edle Teppiche, makelloser Schmuck, heiliges Wasser!“
Nafez Schwaiki steht am Eingang seines Geschäft und schaut niedergeschlagen drein. Vor dem Krieg mit dem Libanon sei es gut gelaufen, die Touristen kehrten zurück, sagt er. „Doch jetzt ist es wieder vorbei. Die Auseinandersetzung um die Grabungen verschärfen die ohnehin schlechte Stimmung noch.“ Wer schuld ist? „Beide Seiten tragen dazu bei, dass die Stadt nicht zur Ruhe kommt, es ist immer einer gegen den anderen, anstatt die Dinge gemeinsam zu klären.“ Die Moslems dürften sich nicht so schnell aufbringen lassen, und die Israelis sollten mit ihren Grabungen warten, bis Frieden ist, meint Schwaiki. „In Jerusalem muss man eben vorsichtig sein.“

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