Jüdische Sozialarbeit

Nächstenliebe von Profis

von Tobias Kühn

Der Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenslagen kann sehr lustig sein. Eine Sozialarbeiterin in blauem Sommerkleid sitzt an ihrem Schreibtisch im Büro eines jüdischen Gemeindehauses und sortiert Unterlagen, als ohne anzuklopfen ein Liebespaar, beide Ende 40, eng umschlungen in ihr Büro tritt. Der Mann setzt sich auf den einzigen Stuhl im Raum, packt die Frau in den Hüften und schwingt sie auf seinen Schoß. »Mein Verlobter: Pjotr aus Dnjepropetrowsk«, kichert die Frau und tätschelt die Wange ihres Freundes. »Er braucht Arbeit, es ist dringend, der Gemeindevorsitzende soll ihm eine Empfehlung schreiben.« Die Sozialarbeiterin nickt und notiert die Bitte – schließlich ist Helfen ihr Beruf.
»Professionelle Sozialarbeit sollte so nicht aussehen«, sagt Susanne Zeller und lacht über den gelungenen Sketch. Die Professorin für Theorien und Ethik der Sozialwissenschaft an der Fachhochschule Erfurt hatte ihre Studenten gebeten, in kleinen Gruppen zu spielen, wie professionelle und wie unprofessionelle Sozialarbeit aussieht. Vor der Professorin sitzen 26 Männer und Frauen, manche haben das übliche Studentenalter weit überschritten, der Älteste ist 52 Jahre. Fast alle sind seit 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert und haben jahrelang in der Sozialabteilung einer jüdischen Gemeinde gearbeitet. Etliche verfügen über einen reichen Schatz an praktischen Erfahrungen. Was allen jedoch bislang fehlt, ist eine profunde Ausbildung. Die holen sie jetzt nach an der Fachhochschule Erfurt.
Dort hat in der vergangenen Woche ein in Europa einzigartiger Studiengang begonnen: Jüdische Sozialarbeit. Er dauert sieben Semester und ist ein Kooperationsprojekt mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Wer alle Prüfungen besteht und eine Abschlussarbeit schreibt, erhält am Ende einen Bachelor-Abschluss.
Still sitzen die reifen Studenten auf ihren Stühlen im Seminarraum und lauschen den Worten der Professorin. Heute am vierten Tag der Einführungswoche geht es um Berufsbild und -ethik des professionellen Sozialarbeiters. »Liebe deinen Nächsten!«, zitiert Susanne Zeller einen Vers aus der Tora, den sie als Credo des Sozialarbeiters versteht. »Doch Vorsicht!«, warnt sie, »fangen Sie nicht an, Ihre Klienten zu lieben. Sie kommen in Teufels Küche.« Zeller empfiehlt den Studenten, den bekannten Vers aus dem dritten Buch Moses, Kapitel 19 so zu verstehen wie seinerzeit die Religionsphilosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig: »Tue etwas zum Wohl deines Nächsten«, sagt Zeller, »diene ihm!« Der professionelle Sozialarbeiter, betont die Professorin, tue dies aber nicht nur mit gutem Herzen und Lebenserfahrung, sondern mit profunder Fachkenntnis. Wie zur Bestätigung des Gesagten schaukelt an Zellers rechtem Ohr bei jeder Kopfbewegung ein dreieckiges Perlmuttgehänge.
Klientenzentrierte Gesprächsführung, Kriseninterventionskonzept, Case Management, Community Work, systemische Betrachtung – wenn Susanne Zeller anfängt, mit sozialpädagogischen Fachbegriffen zu jonglieren, schwindelt es manchen der neuen Studenten, und ein vielfaches »Schto eto?« (Deutsch: »Was ist das?«) geht durch die Reihen. Doch die Professorin – sie war früher selbst Sozialarbeiterin – versteht, ihre Schüler an die Hand zu nehmen: Sie erklärt die fremden Wörter und bringt Beispiele aus der Praxis. Dann erhellen sich die Gesichter und die Studenten nicken, denn in der Praxis, ja da kennen sie sich aus.
»Es ist das erste Mal für mich«, sagt Susanne Zeller, »dass ich vor einer Gruppe von Studenten spreche, deren Muttersprache fast ausnahmslos nicht Deutsch ist.« Daran zu denken und Rücksicht zu nehmen, wolle sie sich bemühen, versichert die Professorin,
Die Frauen und Männer aus den jüdischen Gemeinden werden nicht das ganze Semester über auf dem Campus lernen, denn ihr Studiengang ist berufsbegleitend. Neben Präsenzzeiten in Erfurt und Blockseminaren am Max-Willner-Heim, einer ZWSt-Bildungsstätte in Bad Sobernheim, enthält ihr Studium verschiedene Module des E-Learnings und Selbststudiums. »Diese Methode erfordert wesentlich mehr Selbstdisziplin und Konzentration als die Stunden im Hörsaal«, sagt Kursleiterin Esther Weitzel-Polzer, Professorin für Sozialmanagement an der Erfurter Fachhochschule.
Doch eben das könnte eines Tages zum Problem werden, befürchten manche Studenten. »Ich habe Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, wie ich das Pensum bewältigen soll«, klagt Boris Bujanov, der in der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig eine volle Stelle als Sozialberater hat. Gelassener sieht es seine Kommilitonin Svetlana Klimnik aus Bamberg. »Ich denke, es wird gut zu schaffen sein«, sagt sie. Doch Klimnik arbeitet in ihrer Gemeinde nur 20 Stunden pro Woche, sie hat einen sogenannten 1-Euro-Job.
Wieder zur Schule zu gehen, bedeutet für viele der Frauen und Männer eine Umstellung. Jetzt am Anfang des neuen Studiengangs haben die Dozenten dies manchmal noch nicht im Blick. Susanne Zeller steht am Overheadprojektor, legt Folie um Folie auf, zeigt Modelle, Listen und Tabellen, erklärt, gestikuliert – und merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Einige Studenten rutschen auf ihren Stühlen hin und her, es drückt die Schulbank unter ihnen. Als Zeller dann erläutert, warum auch Menschenrechtsarbeit zur Sozialarbeit gehört, meldet sich ein Student um die 40 und fragt höflich: »Entschuldigen Sie, ich weiß, es ist weitaus anstrengender für Sie als für uns, denn Sie müssen sprechen und wir nur zuhören. Aber wo es gerade um Menschenrechte geht: Können wir vielleicht fünf Minuten Pause machen?« Alle lachen, auch die Professorin. Das Nachdenken über Menschen in schwierigen Lebenslagen kann eben manchmal auch sehr lustig sein.

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