Mosche Neumann

Musik verbindet

von Sabine Brandes

Mit zittrigen Fingern werden die Instrumente aus den Koffern geholt, die Bögen gespannt, die ersten Töne gestrichen. Langsam füllt sich der Saal. Kleine Füße trippeln aufgeregt zwischen Eltern und Lehrer hin und her. Nervöse Mütter und Väter rutschen auf den Stühlen, versuchen, ihren Sprösslingen einen letzten er‐
mutigenden Blick mitzugeben. „Viel Glück!“, wird ihnen zugerufen. Mosche Neumann unterrichtet arabische und jüdische Kinder im Geigenspiel – auf Arabisch, Hebräisch und Englisch. Dann die Aufstellung auf der Bühne, die Vorstellung beginnt. Yussuf steht neben Dana, Samantha neben Schachar. Einmal tief durchatmen, dann legen die Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren ihre Geigen ans Kinn und spielen. Das Stakkato von Suzukis „Allegro“ klingt fröhlich durch den Saal.
Im Konservatorium für Musik in Kiriat Tivon am Fuße der Hügel Galiläas steht Musizieren im Zeichen der Verständigung. Die 25 Kinder auf der Bühne sind Araber und Juden. Ihr Lehrer ist Mosche Neumann, jüdischer Israeli, für den das Geigenspiel mit den Kindern Passion ist. „Musik ist eine universelle Sprache, die alle verstehen, in der es keine Nationen, keine Religionen und auch sonst keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt“, sagt er mit fester Überzeugung in der Stimme. Das ist für ihn klar, ganz ohne Pathos.
Er ist Ruhepol und Energiebündel in einer Person. Stimmt sämtliche Geigen in wenigen Minuten, hat für jeden ein nettes Wort, ein Schulterklopfen, ein Lächeln. Die dreijährige Schani will ihr Solo nun doch nicht auf der Bühne spielen, schüchtern versteckt sie sich hinter ihrer Mutter. „Macht gar nichts, dann hören wir Schani eben beim nächsten Konzert“, lässt Neumann das Publikum wissen.
Er ist einer von einer Handvoll Lehrer in Israel, die nach der besonderen Methode unterrichten, die der Japaner Shinichi Suzuki in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte, und ne‐
ben Susan Moinester einziger Ausbilder des Landes. Nach dieser Art von musikalischer Früherziehung sollen Kinder ein Instrument wie die Muttersprache erlernen, durch stetige Nachahmung des Ge‐
hörten. Heute werden weltweit etwa eine halbe Million Kinder nach Suzuki unterrichtet. Neumann selbst lehrt seit drei Jahrzehnten. Er studierte die Technik in den USA und in Japan mit Suzuki höchstpersönlich. Nach einigen Jahren in Amerika, wo er zuletzt das Suzuki‐Programm von Wyoming in Cincinnati leitete, kehrte er 2003 zurück in seine Heimat Israel.
Volkslieder wie „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ können schon nach relativ kurzer Zeit ohne Noten gespielt werden, sogar einfache Stücke etwa von Bach sind möglich. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass die Suzuki‐Methode ohne Notenlesen auskommt. Noten werden in Neumanns Unterricht ebenfalls gelernt, oberste Priorität jedoch haben Hören und Nachahmen. Mit Erfolg: Seine Meisterschülerin, eine achtjährige Amerikanerin, spielte nach zwei Jahren bereits an‐
spruchsvolle Werke von Bach und Schumann.
Der Unterricht findet inmitten von Gleichaltrigen statt, einmal pro Woche in der Gruppe, gemischt aus Fortgeschrittenen und jüngeren Schülern, einmal in einer Einzelstunde. Auf den Bögen kleben bunte Punkte, unter den Saiten weiße Streifen. „Damit wir wissen, wie weit der Bogen streichen und wohin wir unsere Finger legen sollen“, erklärt Dana, eine israelische Schülerin. Die Stunden machen immer Spaß, so das Mädchen, „weil wir lustige Lieder spielen und Mosche so nett ist“. Besonders gut findet die Siebenjährige, dass viele unterschiedliche Kinder in der Gruppe sind. Mittlerweile ist es normal für sie, dass manche ihrer Freunde Englisch sprechen und einige nur Arabisch. Und wie versteht ihr euch? „Na mit den Geigen“, sagt Dana und schüttelt lachend den Kopf, als sei es das Normalste der Welt. Eine Mutter ist ebenfalls angetan vom Konzept: „Meine Tochter lernt seit eineinhalb Jahren bei Mosche, und ich freue mich jede Woche neu, zu sehen, wie er mit den Kindern umgeht, wie natürlich er Musik und das Miteinander der Kulturen vermittelt. Die Schwingungen in seinen Stunden sind wundervoll.“
Mosche Neumann hat ein klares Ziel: „Noch viele Menschen mehr in Israel für die Musik zu gewinnen.“ Mit seinem Projekt „Saiten des Friedens“ versucht er unermüdlich, die jüdisch‐arabische Kooperation zu fördern, in Arab‐El‐Aramsche, einem Beduinendorf an der libanesischen Grenze, war er der erste Musiklehrer, der jemals einen Fuß in die Klassenräume setzte. „Das war wahnsinnig aufregend.“ Für seinen Traum ist der Vater von zwei Kindern ständig unterwegs, spielt mit den Schülern auf Stadtfesten, in Altenheimen und Schulen, oft begleitet ihn Ehefrau Lily am Klavier.
Neben seiner Anstellung am Konservatorium will er so viele Musikprogramme wie möglich an öffentlichen Schulen ins Leben rufen. Im letzten Jahr unterrichtete er an einer arabischen Grundschule, jetzt packt er die Geige an einer Jeschiwa aus, musiziert einmal die Woche mit jüdisch‐orthodoxen Kindern. „Das ist manchmal schwierig, sie haben bislang kaum Zugang zur Musik, also eine echte Aufgabe“, gibt er zu und schmunzelt dann, „aber es wird …“ Sein Enthusiasmus für Musik und Verständigung geben ihm Kraft, doch Spenden werden dringend benötigt.
Noch immer steht Yussuf aus Nazareth neben Dana auf der Bühne, die Amerikanerin Samantha neben Schachar aus Israel. Konzentriert streichen ihre Bögen über die Saiten. Die Töne klingen laut und klar. Zum Abschluss singen sie gemeinsam ein Kinderlied. Ihr Lehrer hat es ihnen beigebracht. Die jüdischen Kinder lernten den arabischen Text, die arabischen die hebräischen Worte. Als die letzte Note verklungen ist, strahlen sie vor Stolz. Das Publikum, vor allem sind es Eltern, Geschwister und Großeltern, belohnt mit begeistertem Applaus. Manche haben feuchte Augen. Die Harmonie der Kinder erweicht jeden. Wer das nicht fühlt, der weiß nicht, was Verständigung ist.

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