Wilhelm-Hoegner-Preis

Moralische Instanzen

von Miryam Gümbel

In einer Feierstunde im Bayerischen Landtag sind Max Mannheimer und Barbara Distel mit dem Wilhelm-Hoegner-Preis ausgezeichnet worden. Beide, so der Fraktionsvorsitzende der bayerischen Landtags-SPD, Franz Maget, bei der Überreichung »haben in der Erziehung zur Demo- kratie Maßstäbe gesetzt und sich um unsere Demokratie verdient gemacht«.
Max Mannheimer, geboren 1920, ist auch heute noch als Zeitzeuge aktiv. In seinem prall gefüllten Kalender sind Vortragstermine in Schulen wie auch in anderen Einrichtungen vermerkt. Bei ihnen gehe es Mannheimer »nicht darum, den Zuhörern mein Leid zu schildern, sondern sie auf die Gefahren einer Diktatur hinzuweisen, verbunden mit der Aufforderung, die Demokratie zu verteidigen«, zitierte Maget den Zeitzeugen.
Das entspricht der Zielsetzung des 1987 ins Leben gerufenen Wilhelm-Hoegner-Preises: Er wird an Persönlichkeiten verliehen, »die sich in besonderer Weise um die Sicherung der Freiheits- und Bürgerrechte im Sinne Wilhelm Hoegners, des Vaters unserer Bayerischen Verfassung aus dem Jahr 1946 und ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten, verdient gemacht haben.« Die Auszeichnung erhielt Max Mannheimer zusammen mit Barbara Distel, »der Freundin«, wie er betonte, »und Weggenossin, die mich und meine Arbeit immer unterstützt hat«.
Barbara Distel hat als Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau das gemeinsame Ziel verfolgt: Nicht nur die Erinnerung wachzu- halten, sondern immer wieder die Frage zu stellen, welche Möglichkeiten es gibt, heute Jugendliche davon zu überzeugen, »dass es für sie und ihr Leben wichtig und notwendig ist, sich die Gewaltgeschichte des vergangenen 20. Jahrhunderts anzueignen«, sagte Distel in ihrer Rede. Dabei gelte es, nicht nur historische Fakten, sondern auch das Denken und Handeln der damals Agierenden kennenzulernen und sich damit auseinanderzusetzen.
Die Laudatio auf die Preisträger hielt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, selbst Überlebende der Schoa. »Beide«, so Knobloch, »haben ihr gesamtes Leben in den Dienst eines moralischen Imperativs gestellt. Beide haben sich die Last der Vergangenheit aufgeladen, wo andere verdrängt, ignoriert oder vergessen haben.« Das Engagement von Max Mannheimer würdigte sie ganz besonders im Hinblick auch darauf, dass er die Kraft gefunden habe, sich als Zeitzeuge zu engagieren. Andere schweigen, »weil sie nicht sprechen können. Weil es ihnen wehtut, sich immer wieder aufs Neue mit den Verbrechen der Nazis auseinandersetzen zu müssen. Weil sie nachts davon träumen und deshalb nicht auch noch den Tag an unruhige Gedanken vergeben können«. Max Mannheimer habe »die Bürde der Geschichte ein weiteres Mal auf sich genommen. Freiwillig. Ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Kaum einer kann ermessen, wie viel Mut das erfordert.« Mit Blick auf das Schicksal Mannheimers betonte Knobloch: »Dass er auch weiterhin an den Menschen glaubt, ist außergewöhnlich und bewundernswert.«
Den Blick auf die Menschen habe bei ihrer Gedenkstättenarbeit immer auch Barbara Distel gerichtet: »Mit Sensibilität und großem Einfühlungsvermögen ist es ihr gelungen, Vertrauen aufzubauen. Denn dass wir heute fähig sind, in der Bundesrepublik ein anderes Deutschland zu sehen, als jenes der Nationalsozialisten, liegt nicht zuletzt an Persönlichkeiten wie Barbara Distel.« Dabei sei sie immer auch ansprechbar gewesen für die ehemaligen Häftlinge und deren Angehörigen. Zudem sei es ihr Verdienst, dass Gedenkstättenarbeit Eingang in die Hochschulforschung gefunden hat. Als Mitglied im International Advisory Board des Simon-Wiesenthal-Centers und im Beirat der Stiftung Topographie des Terrors habe sich Barbara Distel dem verantwortungsbewussten Umgang mit dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte verschrieben.
Charlotte Knobloch mahnte in ihrer Laudatio aber auch Wachsamkeit gegenüber aktuellen Entwicklungen an: »Während die Weltgemeinschaft früher wegen Auschwitz solidarisch auf Seiten Israels stand, erdreistet sich heute so mancher, wegen Auschwitz gegen Israel zu sein, wobei die höchste Trumpfkarte dann der direkte Vergleich von Nazis und Israelis ist. Sie alle kennen die beschämende Gleichsetzung der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern mit der Politik der Nationalsozialisten. Dies ist eine beunruhigende Tendenz, die alle gutmeinenden Bürger in die Pflicht nimmt. Die heutige Generation muss sich deshalb Gedanken machen, wie es weitergehen soll mit der Tradition der Erinnerung, wenn die Epoche der Zeitzeugen zu Ende geht.«

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