Zuwanderer

Mit wenig leben

von Heide Sobotka

Zum Beispiel Irina. Das Mädchen kommt immer als Letzte zum Chemnitzer Religionsunterricht. Sie muss erst warten, bis ihre Mutter vom Deutschkurs wieder zu Hause ist, damit sie mit deren Fahrkarte in die Gemeinde kommen kann. Für zwei Monatskarten haben Irina und ihre Mutter kein Geld. Oder Leonid. Er läuft durch die Gänge des Gelsenkirchener Gemeindezentrums und spricht jeden an, den er trifft. Leonid bittet um Geld, weil er Lebensmittel für eine warme Mahlzeit kaufen will. Oder Zynayda. Sie lebt in Hamburg, ist 83 Jahre alt und krank. Ihr Mann ist vor fünf Jahren gestorben, die älteste Tochter lebt in den Vereinigten Staaten, der Sohn in Israel. Zynayda müsste dringend ins Krankenhaus, doch für ein Taxi fehlt ihr das Geld. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann sie ohne Begleitung nicht mehr fahren.
Irina, Leonid und Zynayda heißen eigentlich anders. Doch sie möchten ihre richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen, denn sie sprechen nicht gerne über ihre Bedürftigkeit. Wie ihnen ergeht es vielen Juden in Deutschland. Von Armut bedroht sind vor allem jüdische Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ihr Mitgliederanteil liegt gerade in den nach der Wende meist neu gegründeten ostdeutschen Gemeinden bei mehr als 90 Prozent. 75 Prozent von ihnen sind älter als 50 Jahre. Mangelnde Sprachkenntnisse und Alter verhindern ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt.
Doch sie sind nicht auf sich alleingestellt. Jüdische Gemeinden, jüdische Sozialeinrichtungen sowie Sozialleistungen vom Staat und Kommunen helfen ihnen, finanziell über die Runden zu kommen. Viele Menschen haben schon in der ehemaligen Sowjetunion gelernt, ihre materiellen Bedürfnisse zu minimieren. Sie versuchen sich zu arrangieren, fragen in der Gemeinde nach, ob sie sich nützlich machen und etwas hinzuverdienen können. Kleinere Arbeiten sind etwa auf dem jüdischen Friedhof zu vergeben. Einige Frauen erledigen Putzarbeiten in der Gemeinde, erzählt Judith Neuwald‐Tasbach, Gemeindevorsitzende in Gelsenkirchen. In Hannover erhalten die Minjan‐Beter eine Aufwandsentschädigung, ebenso die Mitglieder der Chewra Kaddischa, der Beerdigungsbruderschaft.
Um ihren bedürftigen Mitgliedern entgegenzukommen, verringern die Gemeinden ihre Mitglieder‐ oder Kultusbeiträge auf ein absolutes Minimum. Zwei bis fünf Euro pro Monat werden in der Regel für Menschen erhoben, die keinen Job haben. Eine vollständige Befreiung gibt es jedoch nicht. Auch die Eintrittspreise für den Seder oder für Gemeindeveranstaltungen werden so gering wie möglich angesetzt, aber nicht gänzlich erlassen. „Das ist auch eine Frage der Würde“, sagt die Gemeindevorsitzende von Mannheim, Orna Marhöfer. Doch trotz aller Armut habe sie noch nicht erlebt, dass ein Gemeindemitglied darin gescheitert sei, sein Leben zu organisieren.
Mit ihren kulturellen Angeboten versuchen die Gemeinden, vor allem der Vereinsamung von Bedürftigen entgegenzuwirken. So bietet etwa das Leipziger Begeg‐ nungszentrum mit seinen Vorträgen in russischer Sprache, Konzerten, Ausstellungen Abwechslung und beugt der gesellschaftlichen Isolation ihrer Mitglieder vor.
Neben den Angeboten der jüdischen Gemeinden erhalten Bedürftige auch Unterstützung von privaten Helfern oder von der Kommune. Das Staatstheater Mannheim zum Beispiel bietet für Gemeindemitglieder Vorstellungen zu verbilligten Eintrittspreisen an. Der Münsteraner Zoo verteilt immer wieder Freikarten. Buchverlage, die bei der Leipziger Buchmesse vertreten waren, stellen ihre Ausstellungsware für die Gemeindebibliothek zur Verfügung. In Braunschweig verkaufen verschiedene Einrichtungen Lebensmittel zu günstigeren Preisen. Und wenn Äpfel oder Milch im Sonderangebot nur palettenweise zu haben sind, teilen sich diese mehrere Zuwandererfamilien untereinander auf. „Die Russen“, sagt Küf Kaufmann aus Leipzig, „haben es gelernt, jeden Cent dreimal umzudrehen.“ Sie kaufen sich eher ein Hemd oder eine Bluse weniger und geben das Geld lieber für Bildung aus.
Musizieren, Kunst oder Tanz gehören außerhalb des regulären Schulunterrichts zur Ausbildung, die Zuwandererfamilien für ihre Kinder einfordern. „Die Familien achten sehr darauf, dass die Kinder in der Schule gut sind, ihr Abitur machen und ihren Weg gehen“, sagt Renate Wagner‐Redding aus Braunschweig. Sie habe noch nie Klagen von Lehrern über jüdische Kinder gehört. Die Eltern suchen bewusst die beste Schule für ihre Kinder aus und bitten in der Gemeinde um Rat und Vermittlung bei der Behörde, wenn ihre Wohnung nicht im Bezirk der Schule liegt, die sie sich ausgesucht haben.
Auch jüdische Schulen in privater Trägerschaft schließen niemanden aus, weil er das Schulgeld nicht bezahlen kann. Ruben Herzberg, Leiter der Joseph‐Carlebach‐Schule der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, sagt, dass das Schulgeld von 40 bis 250 Euro pro Monat die Kosten der Schule nicht deckt. Doch selbst wer die 40 Euro nicht zahlen kann, bleibt nicht vor der Tür der Talmud‐Tora‐Schule am Grindelhof stehen. „Wir werden eine Lösung finden“, sagt Herzberg. Seine Kollegin Sibylle Stoler, Schulleiterin der Carlebach‐Schule in der Altonaer Straße, sammelt Altkleider und Hausschuhe, um ihren Schülern und deren Eltern manchmal unter die Arme zu greifen.
Konkrete Hilfe leisten aber auch gemeindeunabhängige jüdische Einrichtungen, wie etwa die Walter‐Hirsch‐Stiftung in Hamburg. Die jüdische Stiftung, die sich das Hilfsgebot für bedürftige Juden in Hamburg in die Satzung geschrieben hat, war bislang nur per Mund‐zu‐Mund‐Propaganda bekannt. Erst seit Kurzem geht sie an die Öffentlichkeit und weist im Gemeinderundschreiben auf ihre Hilfe hin. Vorstandsmitglied Karin Feingold hat die Erfahrung gemacht, dass viele bedürftige Menschen sich nicht bei der Stiftung melden, weil sie sich schämen. Doch gerade die in den vergangenen Jahren gestiegenen Kosten für die medizinischen Versorgung belasten alte und kranke Gemeindemitglieder. Das schlage sich auch in der steigenen Zahl der Anträge nieder, sagt Karin Feingold. Die Hirsch‐Stiftung unterstützt auch junge Familien, bei denen Mutter oder Vater fehlen sowie Studenten, die nicht auf die Finanzierung durch die Eltern zurückgreifen können.
Auch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) hilft. „Wir werden nicht dulden, dass ein jüdischer Mensch an unseren Reisen nicht teilnehmen kann, weil er kein Geld hat“, sagt die Leiterin des Sozialreferats der ZWSt, Paulette Weber. Kostenlos sind die KinderMachanot und Seniorenfahrten zwar nicht, doch Weber findet immer einen Weg, damit jüdische Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren die Angeboten der ZWSt wahrnehmen können. Webers Sorge, oder genauer ihr Ärger, gilt eher dem deutschen System der Arbeitsvermittlung. „Das Gros unserer Leute ist akademisch gebildet, doch die Wirtschaft macht sich diese Ressourcen viel zu wenig zunutze.“ Es gehe nicht an, dass 5.000 Computerfachleute gesucht würden, aber niemand bei der jüdischen Wohlfahrtseinrichtung nachfrage.
Die finanziellen Hilfen mögen gering sein, mancher Pullover stellenweise dünn und die Anzüge etwas speckig geworden sein, doch die meisten jüdischen Zuwanderer und Bedürftigen organisieren ihr Leben. Dennoch sind viele arm. „Unsere Bücher aus der Bibliothek sind total zerfleddert«, sagt Esther Haß aus Kassel, weil sie immer wieder gelesen werden. Wenn sie dann unansehnlich geworden sind, werden sie aussortiert und auf den Büchertisch gelegt. „Aber auch dort finden sie noch einen Liebhaber.“ Denn diese Art Bildung kostet nichts.

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