Solidarität

Mit Herz, Hirn und Händen

von Miryam Gümbel

Seit Mitte August herrscht Waffenruhe. Doch damit sind die Sorgen auch der Münchner Bevölkerung um Israel nicht verschwunden. Viele Mitglieder der Kultusgemeinde haben Angehörige im Land. Das akute Zittern um deren Leben hat zwar aufgehört, doch es bleiben genug Probleme, die die Menschen dreieinhalb Flugstunden vom Ben-Gurion-Airport entfernt beschäftigen.
Es sind nicht nur Fragen nach der weiteren politischen Entwicklung im Nahen Osten und in Israel selbst. Es sind die Alltagsprobleme, die ihnen durch den Kopf gehen. Nicht alle, die im Freundeskreis offen sprechen, wollen das auch vor Tonband oder Stift und Notizbuch tun. Was wird passieren, wenn Angehörige jetzt nach Israel fahren – werden sie als Reservisten eingezogen? Da gab es schon ein erstes Aufatmen, als die Waffen ruhten.
Eine junge Münchnerin, die 19jährige Keren, trägt seit genau dieser Zeit, seit dem 15. August, die israelische Uniform. Sie will in Israel studieren und ist noch während des Krieges dorthin gefahren. Dabei war ihr durchaus bewußt, daß sie wohl sofort nach ihrer Einreise zum Wehrdienst eingezogen würde. Für ihre Eltern ist es ein wenig beruhigend, daß die Waffenruhe in Kraft ist. Doch daß sie die Tochter in den vergangenen Tagen telefonisch nicht erreichen konnte, war zwar einerseits verständlich, anderseits für die Mutter nicht gerade beruhigend. Sie weiß, daß Keren, wie die anderen neuen Rekruten während der Grundausbildung im Norden Israels Dienst tut und bei den Aufräum-
arbeiten in den von den Hisbollah-Raketen zerstörten Gebieten hilft.
Wie ihre Tochter mit der ungewohnten Situation umgehe? Sie ist ruhig und gelassen, erzählt die Mutter. Daß sie jetzt mit den anderen Mädchen auf dem Boden schlafen muß, das habe ihr schon etwas Probleme gemacht, »aber das schadet ihr auch nicht«. Und ganz allein ist Keren in Israel schließlich auch nicht. Geschwister der Mutter leben dort mit ihren Familien.
Kerens Begeisterung für Israel ist auch auf ihre Freundin Tamara übergesprungen. Die 17jährige hat sich nach dem Abschluß an der Helen-Keller-Realschule in Unterföhring entschlossen, nicht in München aufs Gymnasium zu wechseln, sondern in Israel eine Oberschule zu besuchen.
Während der Kriegstage in Israel war sie in München – doch nicht auf der Flucht vor den Raketen, sondern um die Ferien hier bei ihrer Mutter zu verbringen.
Mit dem Schulbeginn Anfang dieser Woche ist sie wieder nach Israel gefahren. Sie freute sich auf ihre neue Heimat, auf die Freunde. »Angst habe ich keine«, sagt sie. »Man gewöhnt sich an die Situation.« Die Mutter hatte schon etwas Sorgen, als sie wieder abreiste. Aber, so meint Tamara, »die Schule ist eigentlich ziemlich sicher. Und die Sicherheitsleute passen schon auf.« Tamara ist glücklich.
Vom Krieg hatte sie in Deutschland während ihrer Ferien nur einiges durch Telefonate mit Freunden mitbekommen, abgesehen von den Nachrichten in den Medien. Sicherlich hatten die Menschen dort Angst, erzählt sie. »Aber man kann sich nicht verstecken. Und die Israelis können mit der Situation anders umgehen als die Leute aus dem Ausland.«
Ein wenig enttäuscht ist Leo Sucharewicz aus München von mancher Reaktion in der Galut, der Diaspora. Kurz nach der Solidaritätskundgebung für Israel im Juli auf dem Münchner Marienplatz war er nach Israel aufgebrochen. Als erfahrener Medienmann engagiert er sich in Israel in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Bei einer Aktion, mit der er zum Briefeschreiben an anonyme israelische Soldaten aufrief, antworteten auch viele Menschen aus Deutschland. Militärangehörige waren darunter, Christen und auch Juden. Nur die jungen jüdischen Männer hätten nicht geantwortet – für ihn ein Zeichen von Phlegma und Gleichgültigkeit.
Die Situation in Israel selbst sieht Sucharewicz eher pessimistisch. Er befürchtet, daß es zu einem Krieg mit Syrien und dem Iran kommen werde.
Einstweilen beschäftigen die Israelis die Probleme beim Wiederaufbau. Hier sind sie auch auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Auf Menschen, die mithelfen, und auf Geld.
Aktiv helfen wollen auch die Zuwanderer aus der GUS. Der 64jährige Efim zum Beispiel, der vor rund 14 Jahren aus Rußland nach München kam, wollte sofort bei Kriegsausbruch wieder nach Israel fahren. Kurze Zeit zuvor war er erst von einem Hilfseinsatz bei der israelischen Armee nach Deutschland zurückgekehrt. Allerdings bekam er diesmal von seinem Arbeitgeber keinen weiteren Urlaub.
Andere russischsprachige Münchner Juden spenden Geld. Manchmal nur kleinere Beträge zwischen fünf und 50 Euro. Doch das findet bei den Organisationen, die sich um das Fundraising für Israel kümmern, große Anerkennung. Gabi Naveh von Keren Hayesod spricht davon mit voller Hochachtung. Auch sonst ist man bei Magbit mit der Spendenbereitschaft nicht unzufrieden. Mancher langjährige Spender habe seinen Beitrag, den er sonst zu Jahresende leiste, vorgezogen. Auch die Telefonaktionen seien auf großes Verständnis gestoßen, und es gebe viele neue Spender.
Ein wichtiges Anliegen von Keren Hayesod war es während der Kriegswochen, Kinder aus dem von der Hisbollah beschossenen Norden Israels nach Zentralisrael zu bringen, damit sie einige Zeit sicher und ohne Angst und den psychischen Druck des Bunkeraufenthalts leben konnten. Insgesamt 39.000 Kinder konnten in dieser Zeit die Sommercamps der Organisation besuchen.
Einen guten Erfolg konnte auch der Jüdische Nationalfonds KKL in München verzeichnen. Dessen Münchner Vertreter Shraga Greisman erzählt, daß das Engagement diesmal nicht nur den Bäumen galt. Auch KKL richtete Feriencamps für die Kinder aus dem Norden ein.
Die traditionelle Aufgabe der Aufforstung stellt die Organisation diesmal allerdings noch vor besondere Probleme. Die Katjuschas verletzten und töteten nicht nur Menschen und zerstörten Häuser, sie entzündeten auch Wälder. Die Löscharbeiten erforderten viel Arbeit – und auch die Neuanpflanzung kostet Geld.
Aktive Hilfe für Kinder aus Israel wurde aber auch in Deutschland geleistet. So haben zum Beispiel rund 120 Menschen aus Nordisrael in Wuppertal vorübergehend eine Unterkunft gefunden (Jüdische Allgemeine vom 24. August). Sie kamen fast ohne Gepäck, nur mit dem bekleidet, was sie bei ihrer Flucht aus den zerstörten Wohnungen und Häusern gerade trugen. Hilfe bei dieser Aktion leisteten viele, darunter auch zwei Münchner: Die Moderatorin Olivera Lukas und Asaf Greisman begleiteten die Gruppe.

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