»Erneuerungsbewegung

Mit der Kraft der Batikhemden

von Sue Fishkoff

Bis zum Horizont nur Wüste, aus der ein einziger steiler Berg in den Himmel ragt. Das »Land der Verzauberung« (Land of Enchantment, wie sich New Mexico nennt) ist die perfekte Kulisse für die Trommelkreise, die Batikhemden und die Niggunim, chassidische Lieder, die für Zusammenkünfte der Erneuerungsbewe- gung so typisch sind – auch für diese.
Doch weniger als die Hälfte der 700 Menschen, die Anfang Juli in Albuquerque zur Aleph Kallah zusammenkamen – einer einwöchigen neo-chassidischen New-Age-Variante des Judentums, die in den späten 60er-Jahren entwickelt wurde –, gehört einer der 40 Gemeinden an, die der Erneuerungsbewegung angeschlossen sind. Die Übrigen, darunter zahlreiche Rabbiner und Kantoren, kommen aus der Reformbewegung, von den Rekonstruktionisten, den Konservativen, ja sogar den Orthodoxen. Nicht, um die Seiten zu wechseln. Sie waren gekommen, sagten sie, um ihre Spiritualität zu vertiefen und eine Woche lang zu erleben, wie eine bewusste jüdische Gemeinschaft funktioniert, um etwas davon in ihre eigenen Gemeinden mitzunehmen.
Es scheint, als entwickle sich die Jüdische Erneuerungsbewegung (Jewish Renewal), oft als Randphänomen abgetan, zu einem populären Vehikel – nicht nur für die individuelle Selbstverwirklichung, sondern auch für eine Wiederbelebung der Synagogen. Und das beinahe über das gesamte konfessionelle Spektrum hinweg. »Ich versuche, eine spirituelle Verbindung zu den Traditionen aufzubauen und diese Quellen allen in meiner Gemeinde zugänglich zu machen, die sich der traditionellen religiösen Praxis entfremdet haben«, sagt Greg Raskin, Programmleiter der B’nai-Emunah-Gemeinde, einer konservativen Synagoge in Tulsa, Oklahoma.
Viele der Teilnehmer nehmen nicht alles wörtlich, was Renewal vertritt. Genau wie Raskin picken sie sich das heraus, was ihnen zusagt. Raskin entscheidet sich für einen Vormittagskurs über jüdische Meditation. Die Nachmittage verbringt er mit dem Studium der Grundlagen der Erneuerungsbewegung, wie sie ihr Gründer, der 83-jährige ehemalige Chabad-Lubawitsch-Emissär Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, niedergelegt hat. »Ich kann mir gut vorstellen, mehr Niggunim in die Liturgie einzubringen«, meint Raskin auf die Frage, was er mit nach Hause nehmen könnte. »Auch Meditationskurse oder die Möglichkeit zu dawenen sind denkbar.«
Solche Inspiration ist genau das, was die Leiter der Renewal-Bewegung anstreben. Zwar gibt es Gemeinden, die sich »Renewal« nennen und sich Aleph (Allianz für Jüdische Erneuerung) – der weltweiten Dachorganisation – angeschlossen haben. Doch beharren Renewal-Vertreter darauf, dass es sich nicht um eine Konfession, sondern um einen Denkansatz handelt, sich dem Judentum, insbesondere dem jüdischen Gebet, zu nähern. Sie betonen, dass jeder Jude und jede jüdische Gemeinde sich diesen Ansatz aneignen könne.
»Sie sehen den Einfluss darin, wie Synagogen und Sommerferienlager die Lieder von Renewal übernommen haben«, sagt Rabbi Marcia Prager, Dekanin des rabbinischen Programms von Aleph und spirituelle Führerin der P’nai-Or-Gemeinde in Philadelphia. »Sie sehen ihn auch in der Spontaneität – wenn Menschen aufgefordert werden, im Gottesdienst ihre eigenen Gebete zu sprechen«, fügt Rabbi Shawn Zevit, Lehrer und Direktor der Jewish Reconstructionist Federation, hinzu.
Die Kallah, Hebräisch für »Gemeinschaft«, wird alle zwei Jahre von Aleph veranstaltet. »Wir versammeln uns, um zu beten, zu lernen und um eine Gemeinschaft zu bilden, damit wir uns daran erinnern, was ein spirituelles Leben bedeutet«, sagt Deb Kolodny, verantwortliche Leiterin von Aleph, bei der Eröffnungszeremonie.
Es herrscht eine Atmosphäre von Verspieltheit, Herzlichkeit und Intensität – das alles erinnert an die 60er-Jahre, in denen die Bewegung entstanden ist. Spontane Umarmungen gibt es zuhauf – sowie eine merkliche Abwesenheit von Ironie. Viele Teilnehmer nutzen die versöhnliche Stimmung, um über Gefühle und Überzeugungen zu sprechen, die sie normalerweise verbergen. »Sie haben die Erlaubnis, verlegen zu sein«, sagt Zevit in seinem Gebetskurs, den er zusammen mit Prager leitet.
Ein Teilnehmer dieses überfüllten Kurses, Marc Garvin, klassischer Gitarrist aus Houston, Texas, meint, er könne vom Schabbatgottesdienst in seiner konservativen Synagoge, der gewöhnlich dreieinhalb Stunden dauert, »allerhöchstens zwei Stunden aushalten«. Er betrachtet die Erneuerungsbewegung aber als Mittel, den Gottesdienst zu verbessern, nicht, ihn zu erset- zen. »Es geht darum, etwas zu ergänzen«, sagt er, »ein bewussteres Beten, das Gebet zum Leben zu erwecken.« Marian Bell, die ebenfalls aus Houston stammt und in verschiedenen Synagogen betet, ergänzt: »Manchmal handelt es sich nur um Kleinigkeiten, etwa während des Gottesdienstes umherzulaufen, statt zu sitzen.«
Viele Teilnehmer sagen, ihre Synagogen seien von Renewal beeinflusst. Terry Gips, Mitglied von Temple Israel, einer Reformsynagoge in Minneapolis, nimmt an einer Havurah, einem Gebetskreis, teil. Er sagt, fast alle Teilnehmer der Havurah seien Mitglieder einer konfessionellen Gemeinde. »Alle vier konservativen Synagogen halten jetzt einmal pro Monat einen Carlebach-Gottesdienst ab, der immer rappelvoll ist«, sagt Gips. Der verstorbene Shlomo Carlebach hatte eng mit Renewal-Gründer Schachter-Shalomi zusammengearbeitet und den überschwänglichen Stil populär gemacht. »Und eine der orthodoxen Synagogen lud Sami Barth«, einen Renewal-Rabbiner, »zu einem Schabbaton ein«, so Gips. »Überall erleben wir, wie die Ideen von Renewal lebendig werden«, begeistert er sich. »Zalmans Traum, die jüdische Welt zu durchdringen, ist dabei, wahr zu werden.«

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