Teddy Kollek

Mister Jerusalem

von Wladimir Struminski

Eigentlich sollte der Tod eines 95‐Jährigen keine Überraschung auslösen. Dennoch reagierten die Israelis, zumal die Jerusalemer, am Dienstag mit Bestürzung auf die Nachricht vom Ableben Teddy Kolleks. Ein Jerusalem ohne Teddy, anders nannte ihn niemand, scheint unvorstellbar oder doch zumindest unvollständig. Auch wenn seine Amtszeit als Bürgermeister der israelischen Hauptstadt bereits vor 13 Jahren zu Ende gegangen war, so blieb der alte Stadtvater nach wie vor das Wahrzeichen einer Stadt, deren Geschicke er 28 Jahre lang prägte. Damit regierte Kollek zwar nicht so lang wie einst die Könige David und Salomo, doch gab es seit biblischen Zeiten wohl niemanden, der Jerusalem so sehr personifizierte wie er. »Teddy war Jerusalem, und Jerusalem war Teddy«, fasst der heutige Bürgermeister Uri Lupolianski Kolleks Wirken für die Stadt zusammen.
Kollek hatte einen langen Weg zurückgelegt, bevor er im Jahre 1965 die Stadtschlüssel übernahm. 1911 als Bürger des Habsburgerreiches in der Nähe von Budapest geboren, wuchs er in Wien auf. 1934, vier Jahre, bevor die Nazis auch dort die Macht übernahmen, wanderte der junge Kollek nach Israel aus. Die wienerische Prägung aber konnte er nie ablegen.
Im britischen Mandatsgebiet Palästina wurde Kollek zu einem der Mitbegründer des Kibbutz Ein Gew. Dort aber hielt es ihn nicht. Mitten im Krieg reiste er in geheimer Mission nach Europa, um Juden vor der Vernichtung zu retten. Während des Unabhängigkeitskrieges 1948 war er als Waffenbeschaffer für die Untergrundarmee Hagana unterwegs. Nach der Gründung Israels hätte er als Gesandter in Washington gewiss ein beschaulicheres Leben führen können. Aber Ministerpräsident David Ben Gurion rief ihn 1950 zurück nach Jerusalem. Dort leitete Kollek als enger Vertrauter Ben Gurions das Amt das Premiers.
1965 schickte ihn sein Förderer bei der Jerusalemer Stadtratswahl ins Rennen. Nach dem Urnengang bildete der Pragmatiker eine Koalition mit der Rechten und religiösen Fraktionen und wurde Bürgermeister. Es war alles andere als ein glamouröses Amt: In Westjerusalem lebten gerade einmal 180.000 Menschen, die Stadt galt als klein, vernachlässigt und hinterwäldlerisch. Nicht zu Unrecht: Nur einige Kilometer östlich der Stadteinfahrt verliefen stark befestigte Grenzmauern. Allein das Mandelbaumtor verband das israelische West‐ mit dem jordanischen Ostjerusalem. Dennoch stürzte er sich mit Élan in die Arbeit und begann das Gesicht Jerusalems zu verändern. Seine große Stunde aber schlug zwei Jahre später. Im Sommer 1967 wurde Jerusalem wieder vereinigt und durch die Annexion neuer, jenseits der Vorkriegsgrenze liegender Gebiete auf das Dreifache seiner früheren Größe erweitert. Um den Ausbau der Stadt voranzutreiben, betätigte sich Kollek als ebenso unermüdlicher wie begnadeter Schnorrer. Mit Hilfe von Spenden jüdischer und nichtjüdischer Freunde aus dem Ausland ließ er bauen, renovieren und Naherholungsgebiete anlegen. Seit Suleiman dem Großen, behaupteten die Bewunderer, habe es in Jerusalem keinen solchen Baumeister gegeben. Von Kolleks Schnorrertalent profitierte auch das arabische Ostjerusalem. Die Koexistenz von Juden und Arabern war für den Bürgermeister ein wichtiges Anliegen – allerdings unter israelischer Souveränität. »Wir haben bewiesen, dass ein vereintes Jerusalem besser als ein geteiltes ist«, beschreibt Kollek seine Philosophie. Deshalb trieb er nicht nur die Erneuerung der arabischen Stadtteile voran, sondern auch den Bau neuer jüdischer Wohnviertel auf ehemals jordanischem Stadtgebiet.
Bei alledem blieb Kollek noch auf dem Höhepunkt seiner Popularität unkonventionell. Sein Redestil war direkt, wenn nicht unverblümt. Im Gespräch konnte er schneidend sein. Bei offiziellen Anlässen döste er schon mal ein, ohne anschließend allzu viel Reue zu zeigen. Den Kontakt zum Bürger suchte der Stadtvater immer wieder – auch hier gleichermaßen im Ost – und Westteil der Stadt. Selbst während der ersten, 1987 begonnenen Intifada schlenderte er durch arabische Viertel. Ohne Leibwächter, versteht sich. Seine Menschlichkeit und seine Erfolge dankten ihm die Wähler immer wieder. Sechsmal brachten sie ihn ins Amt. Den richtigen Zeitpunkt für den freiwilligen Abschied aber hat er verpasst. 1993 trat er, bereits 82‐jährig, gegen den Likudpolitiker Ehud Olmert an. Bedenken, er könne die fünfjährige Amtszeit nicht durchstehen, wischte er weg: »Was ist schlimmer: Mein Alter oder Olmerts Charakter?« Der Spruch half nicht viel: Kollek unterlag haushoch. Für ein Rentnerdasein ungeeignet, widmete er sich seiner »Jerusalem‐Stiftung«, die die Verständigung zwischen den Völkern fördern will.
Aber sein Jerusalem wird immer mehr zur Problemstadt, deren Bevölkerungsgruppen einander nicht allzu gewogen sind. Neben säkularen Israelis sind ein Drittel der Jerusalemer Ultraorthodoxe, ein weiteres Drittel Araber. Die viel beschworene »ewige Einheit« zerfällt, falls sie je wirklich existierte: Immer mehr säkulare Bewohner verlassen die Stadt, immer mehr Israelis sind bereit, den arabischen Teil Jerusalems zurück zu geben. Dass es in dieser Stadt leidlich ruhig zugeht, ist keinem friedlichen Miteinander, sondern einem distanzierten Nebeneinander seiner Einwohner geschuldet. So hat sich Kollek die Zukunft Jerusalems nicht vorgestellt.
Am 2. Januar ist der Altbürgermeister gestorben. Seine letzte Ruhestätte hat er auf dem Herzl‐Berg gefunden.

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