Detektivin

Miss Marple in der Pfalz

von Fabian Wallmeier

Zielstrebig blättert Miriam Ettisch‐Enchelmaier in einem gedruckten Exemplar ihrer Masterarbeit. Die grauhaarige Dame sitzt in einem leicht unterkühlten Kellerraum. Um sie herum türmen sich Aktenablagefächer und Bücher. Schnell hat sie gefunden, was sie sucht: Ihr Zeigefinger fährt über eine Grafik, die in knapper Form die Essenz der detektivischen Arbeit vom Anliegen des Klienten bis zum abgeschlossenen Fall zeigt. Darin ist zusammengefasst, was das Berufsleben von Ettisch‐Enchelmaier seit den frühen 70er Jahren ausmacht: „How to Be a Highly Successful Private Investigator“ ist die Arbeit betitelt – „Wie man ein höchst erfolgreicher Privatdetektiv wird“.
Ettisch‐Enchelmaier selbst hat es geschafft – seit mehr als 35 Jahren betreibt sie ihre eigene Detektei und Wirtschaftsauskunftei, zunächst in Berlin und seit 1979 im rheinland‐pfälzischen Dirmstein. Familiäre Gründe zogen sie damals in den Ort mit rund 3.000 Einwohnern in der Nähe von Worms. Sie besitzt dort ein großes Haus, das zum größten Teil als Büro dient. Die Federn auf ihrem pinkfarbenen Jackett verraten, dass sie dort nicht allein lebt: Vier Vögel und zwei Katzen sind ihre Mitbewohner. „Zoohandlung Ettisch‐Enchelmaier“ benutzte sie daher lange Zeit als Decknamen für ihre Auskunftei.
Ettisch‐Enchelmaiers Kunden wollen von ihr hauptsächlich Wirtschaftsauskünfte. „Zum Beispiel wollen sie wissen, ob ein Unternehmen, mit dem sie beabsichtigen, ein Geschäft zu machen, auch verlässlich und zahlungsfähig ist, oder ob sie für das Geschäft zusätzliche Sicherheiten benötigen“, erklärt sie. Ettisch‐Enchelmaier zapft dann systematisch ihre Quellen an: Sie recherchiert in Internet‐Datenbanken, im Handelsregister, befragt Unternehmen und unter Umständen auch Banken.
Ettisch‐Enchelmaier führt ihr Unternehmen eher versteckt. „Viele in Dirmstein wissen gar nicht, dass es hier eine Auskunftei gibt“, sagt sie. Ohnehin ist ihre Kundschaft nicht auf die unmittelbare Umgebung beschränkt. „Nur mit Auftraggebern aus der Gegend oder auch aus ganz Rheinland‐Pfalz hätte ich die Firma über all die Jahre nicht halten können“, sagt sie. Ihre Kunden kommen vielmehr aus aller Welt. Fragt man sie nach genauen Zahlen, hält sie sich bedeckt – Berufsgeheimnis. Nur so viel verrät sie: „Ein großer Teil meiner Kunden kommt aus dem Ausland.“
Ihre guten Verbindungen ins Ausland sind einer der Hauptgründe dafür, dass Ettisch‐Enchelmaier sich schon so lange auf dem Markt halten kann. „Meine Spezialität ist das internationale Geschäft“, sagt sie. Ihr Schlüssel zum Erfolg sind dabei die Sprachkenntnisse. Sie spricht neben Deutsch auch fließend Englisch, weil sie im englischen Durham studiert hat. Außerdem spricht sie Hebräisch, da sie ihre ersten Lebensjahre im heutigen Israel verbracht hat. (Ihr Alter verrät sie jedoch nicht.) Mit Lateinkenntnissen als Grundstock traut sie sich zudem ans Italienische und das Spanische heran. Keine der beiden Sprachen hat sie je gelernt, aber sie hat sich ihren eigenen Mix angeeignet. „Man versteht mich – das ist die Hauptsache“, sagt sie und schmunzelt. Auch mit anderen Sprachen geht sie ohne Scheu um. So wird ein Kunde aus dem Mittleren Osten mit einigen Brocken Arabisch begrüßt, obwohl Ettisch‐Enchelmaier die Sprache nicht beherrscht. „Diese erweiterten Sprachkenntnisse sind das Öl in der Maschinerie.“
Die Sprachen waren es auch, die sie überhaupt zu ihrem Beruf führten – durch einen Zufall. Nach dem Studium schlug sie sich in den frühen 70er Jahren in Berlin mit verschiedenen Jobs durch – und geriet an eine Auskunftei, die eine Mitarbeiterin mit Sprachkenntnissen suchte.
Ettisch‐Enchelmaiers Eltern waren Berliner Juden. „Mein Vater hat schon früh Hitlers Mein Kampf gelesen. Da hat er gewusst, was passieren würde, und ist 1933 nach Palästina ausgewandert“, erzählt sie. Die Mutter folgte ihm kurze Zeit später und sie gründeten eine Familie. Dass Miriam Ettisch‐Enchelmaier überhaupt nach Deutschland kam, lag am Gesundheitszustand des Vaters: Mitte der 50er Jahre vertrug er das Klima im Nahen Osten nicht mehr. Die Familie zog nach Berlin, wo nach dem Tod der Eltern heute noch der Bruder lebt.
Ettisch‐Enchelmaier hält den Schabbat. Und sie erneuert regelmäßig ihren festen Platz in der Mannheimer Synagoge, wo sie an den Hohen Feiertagen den Gottesdienst besucht. Aus ihrem Beruf hält sie die Religion allerdings heraus. Sie vermutet zwar, dass sie die einzige jüdische Detektivin in Deutschland ist. Ihre Besonderheit sieht sie allerdings nicht darin begründet, dass sie Jüdin, sondern dass sie eine Frau ist. „In meinem Métier gibt es immer noch viele Machos, die im Zweifelsfall eher einen Mann beauftragen“, sagt sie und schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.
Auf ihrer Homepage steht deshalb statt ihres Vornamens Miriam nur ein schlichtes M., das nicht verrät, dass sich dahinter eine Frau verbirgt. Trotz vieler Vorurteile ist sie aber überzeugt, dass sie als Frau über besondere detektivische Qualitäten verfügt. „Als Frau kann man auf eine andere Art Auskünfte bekommen, da man bei Männern andere Saiten anschlägt“, sagt sie lächelnd und nimmt einen Schluck Dirmsteiner Apfelsaft. Ihre Detektei wird auch in Zukunft fest in weiblicher Hand bleiben: In einer langjährigen Mitarbeiterin hat sie ihre voraussichtliche Nachfolgerin gefunden. Noch denkt sie aber nicht ans Aufhören: „Ich mache zwar etwas längere Pausen als früher, aber ich bin immer noch die Seele der Firma. Däumchen drehen liegt mir nicht.“

Bundeswehr

Hitlergruß in Kaserne

Rechtsextremismus ist in der Truppe verbreitet

von Stefan Laurin  07.02.2019

Reinhard Schramm

Kirchenglocken mit Hakenkreuzen

In Thüringen stellen sich evangelische Gemeinden nicht ihrer Verantwortung

von Reinhard Schramm  07.02.2019

Mini-Machane

»Das war wirklich unglaublich«

1300 Kinder und Jugendliche erlebten einen ganz besonderen Schabbat

von Eugen El  07.02.2019