Michael Schell

»Mein Leben hat sich verändert«

Ganz jüdisch beginnt meine Woche am Sonntag. Da erlaube ich mir auszuschlafen. Anschließend frühstücke ich in Ruhe mit meiner Frau, und so gegen zehn Uhr sitze ich dann am Computer, um E‐Mails und Artikel zu lesen. Der Sonntag ist ein »fauler« Tag. Ein Tag für all das, wozu ich während der Woche nicht komme. Ich habe zum Beispiel einen Blog im Internet und da schreibe ich sonntags längere Sachen. Erst langsam bereite ich mich auf die Woche vor – eine Woche voller Unterricht.
Ich bin Rabbinatsstudent am Berliner Abraham‐Geiger‐Kolleg. Dort liegt der Schwerpunkt meiner praktischen Ausbildung. Die akademischen Grundlagen bekomme ich an der Uni Potsdam vermittelt, wo ich gleichzeitig Jüdische Studien und Religionswissenschaft studiere. Beide Einrichtungen, das Kolleg und die Uni, bestimmen meinen gesamten Wochenablauf.
Von Montag bis Mittwoch gehe ich zur Uni. Um 9 Uhr muss ich in Potsdam sein. Das bedeutet, dass ich gegen 8 Uhr unsere Wohnung in Berlin‐Charlottenburg verlasse. An der Uni erwarten mich ein Kurs in Modernem Hebräisch, Vorlesungen zur Halacha sowie Kurse zu jüdischer Geschichte, Literatur und Philosophie. Daneben beschäftige ich mich viel mit anderen Religionen. Diese Kurse sind zum Teil sehr voll. Es gibt einige mit bis zu 70, 80 Hörern. Doch die schönsten und spannendsten sind für mich die wenig besuchten Vorlesungen – mit manchmal nur fünf bis zehn Leuten. Da herrscht eine ganz andere Atmosphäre, und man lernt die Mitstudierenden kennen.
Ich habe inzwischen viele Kontakte zu Kommilitonen und pflege diese auch. Das heißt, ich gehe gemeinsam mit ihnen in die Mensa, oder wir sitzen zusammen in der Bibliothek. Für mich ist das sehr wichtig, weil ich mich am Abraham‐Geiger‐Kolleg doch in einem starken jüdischen Dunstkreis bewege. Nur an der Uni komme ich da heraus, erlebe andere Eindrücke und bin nicht der »Berufsjude«, um es überspitzt zu sagen. Ich stamme ja ursprünglich aus einer ganz anderen Welt. Geboren wurde ich 1973 in Frankfurt am Main. Aufgewachsen bin ich im ländlichen Umland und in einem völlig säkularen jüdischen Elternhaus. Später habe ich zwölf Jahre als Buchhändler in München gearbeitet. Dieser Beruf war bei uns Familientradition. Mein Vater hatte eine eigene Buchhandlung.
Die Entscheidung, etwas anderes zu machen, wuchs bei mir mit den Jahren. Schon seit der Kindheit hatte ich mich mit Religion beschäftigt, doch das Judentum war für mich eine fast tote, in alten Traditionen verhaftete Religion, die sich in Deutschland nur durch die Schoa definierte. Ich konnte damit nichts anfangen. Erst ein längerer Aufenthalt bei Verwandten in den USA hat mir einen entspannteren Umgang mit dem Judentum ermöglicht. Bei mir setzte ein Umdenken ein. Das war 1999 oder 2000. Danach habe ich mich zunehmend in der Münchner liberalen Gemeinde Beth Shalom eingebracht, und mein Interesse für das Judentum wuchs dabei weiter. Ich wollte mehr Zeit damit verbringen, mehr lernen, mehr verstehen – ja, vielleicht sogar einen Beruf daraus machen. Freunde erzählten mir dann von diesem Studium in Potsdam am Abraham‐Geiger‐Kolleg. Also habe ich mich beworben und bin gleich angenommen worden. Das war 2005. Seitdem habe ich einen sehr starken Fokus aufs Judentum, der mein Leben doch sehr verändert hat.
Mein Freundeskreis ist ein Beispiel dafür. Früher stand ich im engen Kontakt mit Buchhändlern und war im Literaturkreis sehr engagiert. Meine Wohnung war voller Bücher. Das ist nicht mehr so. Natürlich spielt dabei der Umzug nach Berlin eine Rolle, doch es geht darüber hinaus. Sich als religiös zu bezeichnen, kommt in Deutschland nicht gut an. Es herrscht die altertümliche Vorstellung des religiösen Spinners. Religiöse Menschen sind Außenseiter – ja, gerade unter Buchhändlern gilt das nicht als aufgeklärt. Hinzu kommt, dass sich mein persönlicher Zeitplan verschoben hat. Ich gehe am Freitagabend in die Synagoge, meine ehemaligen Freunde ins Kino. Wir haben uns zunehmend auseinandergelebt.
Dabei sind beide Berufe, der des Buchhändlers und der des Rabbiners, miteinander verwandt. Beide haben stark mit dem Wort zu tun. Beide gebrauchen das Buch als eine Art Brücke. Und das ist es auch, was mir den Wechsel von dem einen zum anderen Beruf so leicht gemacht hat. In Bücher schauen, verschiedene Ansichten erleben, über die ich mich ärgern oder freuen kann, das finde ich hier wie dort. Als Buchhändler musste ich meinen Kunden vermitteln, worum es in einem Buch geht, als Rabbiner‐Schüler spreche ich vor allem davon, worum es in dem Buch schlechthin geht – der Bibel.
Mir hilft es heute, dass ich schon mal anders im Leben stand. Vielleicht bin ich deshalb in vielem so gelassen. Ich hätte im Alter von 22 Jahren keine Ausbildung zum Rabbiner machen können. Obwohl die späte Entscheidung finanziell eine große Umstellung für mich bedeutete. Mein Einkommen hat sich mehr als halbiert. Jetzt lebe ich vor allem von Stipendien, und ein wenig unterstützen mich meine Eltern. Es ist schon ungewohnt, wieder so auf der Schulbank zu sitzen und beurteilt zu werden, wenn man mit 21 Jahren ein fertiger Buchhändler war. Doch ich weiß, ich tue das Richtige.
Der Unterricht am Abraham‐Geiger‐Kolleg beginnt am Mittwochnachmittag. Auch am Donnerstag und Freitag findet er ab 8 Uhr statt. Wir, ein halbes Dutzend Studenten, beten zunächst gemeinsam, dann bekommen wir Tora‐Unterricht, behandeln Probleme aus dem Rabbineralltag und lernen, wie man einen Gottesdienst leitet. Das heißt, wir üben verschiedene Melodien für die Gebete und Zeremonien und so weiter, aber auch, wie man richtig atmet und vor einer Gemeinde steht. Wir lernen viel über Körperhaltung, das richtige Auftreten und den Umgang mit einer Gruppe. Wir lernen, wie man unterrichtet und wie man mit den unterschiedlichen Gemeinden, die es in Deutschland gibt, arbeiten kann. Wir bekommen lauter praktische Hilfestellungen und können diese auch anwenden, denn jeder Student am Kolleg betreut während seiner Ausbildung schon eine Gemeinde.
Ich begleite die jüdische Gemeinde Hameln in Niedersachsen. Einmal im Monat fahre ich dorthin, gebe Barmizwa‐Unterricht, führe Gespräche mit Gemeindemitgliedern und leite den Gottesdienst. Es kommen in der Regel 50, 60 Leute, und die bleiben auch anschließend zum Kiddusch. Wenn ich freitags in Berlin bleibe, gehe ich zum Schabbat‐Gottesdienst im Kolleg oder in eine der Berliner Synagogen, oft in die in der Herbartstraße im jüdischen Altenheim.
Am Samstag tue ich dann bewusst Dinge, die mir Spaß machen. Zusammen mit meiner Frau treffe ich Freunde, gehe in den Zoo oder besuche Ausstellungen. Manchmal bleibe ich auch einfach nur zu Hause. Ich bemühe mich, an solchen Tagen nicht an die Uni zu denken, und der Computer bleibt aus. Der Schabbat steht außerhalb der Zeit, das versuche ich zu vermitteln und zu leben. Und so klingt die Woche bei mir ganz jüdisch aus – ruhig und ohne Hektik. Ein Tag, an dem es kein Müssen gibt.

Aufgezeichnet von Holger Biermann

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