Zuwanderer

Medizin für die Seele

von Dagmar Gehm‐Koppel

„Die Treffen sind meine Medizin“, sagt Bella Gurfinkel. „Hier werde ich ge‐ braucht, hier lebe ich auf.“ Unermüdlich eilt die Ärztin aus der Ukraine von einem Tisch zum anderen, schenkt Kaffee ein, legt Kuchen oder Obst nach, hilft, Formulare auszufüllen. Auch die anderen Ehrenamtlichen sind pausenlos im Einsatz – ein Netzwerk aus gut gelaunten Helfern. Fe‐ derführend für das Mittwochs‐Café in der Aula der ehemaligen Talmud‐Tora‐Realschule ist Bernhard Effertz, stellvertretender Vorsitzender des Sozialausschusses der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Als Forum für Geselligkeit und Gedankenaustausch ist es gedacht, gleichzeitig bietet es die Möglichkeit, dem Sozialausschuss Wünsche und alltägliche Sorgen mitzuteilen. Zur gleichen Zeit findet Deutschunterricht für Senioren statt und spielt der Schachclub. Auch seine Teilnehmer besuchen häufig das Café. Die russische Bibliothek unter der Leitung von Minna und David Heiken ist am Mittwoch ebenfalls geöffnet. Fast 5.000 Bücher und Videos stehen dort zum Verleih. Als kundige Bibliothekarin lässt sich Karin Feingold, stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, gern in literarische Gespräche verwickeln.
Seit dem 28. Mai gibt es das Mittwochs‐Café im Zentrum der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Mitglieder können hier kostenlos Kaffee, Tee, Saft und Wasser trinken, Kuchen und Obst essen. Auch ihre Angehörigen und Freunde sind herzlich willkommen. Man möchte die Nachbarschaft und Inhaber umliegender Geschäfte integrieren und Berührungsängste nehmen.
Ins Leben gerufen wurde die Einrichtung von den Vorstandsmitgliedern Ga‐ briela Fenyes und Anatoli Levit, zuständig für Soziales und Integration, sowie dem Sozialausschuss. Unterstützt wird die Einrichtung aus Geldern der Gemeindekasse und Integrationsmitteln des Zentralrats. „Mitten ins Herz getroffen haben wir mit dieser Idee“, sagt Gabriela Fenyes.
„An schlechten Tagen kommen 65 Mitglieder, an guten Tagen 110“, bestätigt Bernhard Effertz. „Mit einem solchen Ansturm hatten wir anfangs überhaupt nicht gerechnet. Doch schon bei der Eröffnung konnten wir rund 90 Personen be‐ grüßen – zum großen Teil Zuwanderer aus den Ländern der GUS.“ Auch einige Juden aus dem Iran und Israelis sind darunter – die meisten im Rentenalter.
Einige sind Ghetto‐Überlebende, ihre Seele hat Schaden genommen. Heute leben viele von ihnen in der Erinnerung und flüchten in der neuen, für sie so fremden Welt in eine selbst gewählte Isolation. Seit vielen Jahren wohnen sie hier, doch nur mühsam beherrschen sie die deutsche Sprache. Für Gespräche, die über den normalen Austausch von Höflichkeiten hinausgehen, brauchen sie einen Übersetzer.
Im Mittwochs‐Café fühlen sie sich in der geschlossenen Einheit geborgen. Nicht abweisend, ein freundliches Shalom wird allemal ausgetauscht. Und trotzdem ist es für die ehrenamtlichen Mitarbeiter ein langer Weg, ihnen Brücken zu bauen, um sie in die Gemeinde zu integrieren. Sieht man von Besuchen in der Synagoge und verschiedenen kulturellen Angeboten einmal ab, bleiben sie für sich. Zu einem der wichtigsten Pfeiler scheint sich nun das Mittwochs‐Café zu entwickeln.
Jossef Izhakov ist einer der jüngsten Besucher des Cafés. Trotzdem umgibt den 37‐Jährigen eine Aura von Wehmut. In Russland war er als Arzt tätig – Geburtshilfe und Gynäkologie. Ein paar Jahre lang hat er in Hamburger Kliniken gearbeitet. Inzwischen wohnt er in einer „Unterkunft“, wie er sagt. Es fehlt ihm das Geld, um Bewerbungen zu verschicken, sagt er. Die Tora ist jetzt sein ausschließlicher Le‐ bensinhalt. Er liest die Tora, er spricht über sie, er lebt die Tora. Nach seiner Scheidung hofft er auf eine neue Ehefrau, wie es die Schrift empfiehlt. Zum Mittwochs‐Café kommt der schlanke Mann, weil ihm der koschere Kuchen – gebacken von Hausmeister Vladimir Gurevich – so gut schmeckt, und weil er Gleichgesinnte trifft und um sich über die Tora auszutauschen – in der Talmud‐Tora‐Schule.
Zwischen 50 und 60 Personen kommen in der Zeit zwischen 11 und 16 Uhr. Ein halbes Hundert nur, aber mit ihnen so viel geballtes Schicksal, dass man ganze Bibliotheken damit füllen könnte. Schicksale wie das der ukrainischen Ärztin Bella Gurfinkel, die als Kind mit der gesamten Familie im Ghetto leben musste. Ihr verstorbener Vater würde ihr wohl nie verzeihen können, dass sie jetzt in Deutschland lebt, glaubt sie. Aber sie hatte keine Wahl und machte das Beste daraus: Sie wurde deutsche Staatsbürgerin, lernte so gut Deutsch, dass sie für andere Zuwanderer übersetzt oder sie zu Behörden begleitet. Für Lev Gruber füllt sie heute Anträge aus. Doch auch ohne aktuelle Probleme kommt er mit seiner nichtjüdischen Frau ins Mittwochs‐Café, „immer dann, wenn ich Heimweh verspüre“, sagt der Moldawier.
Schicksale wie das von Shahnaz Kohen aus dem Iran. Vor ein paar Jahren erlitt sie einen Schlaganfall, jetzt ist sie darauf angewiesen, dass ihre Tochter sie im Rollstuhl ins Gemeindezentrum bringt. Sie sei zufrieden, sagt sie, weil sie hier gute Freunde trifft und sich wohl fühlt.
An einem Tisch sitzt eng gedrängt ein großer Kreis von Senioren. Sie spielen Domino und unterhalten sich angeregt. Man hat sie aus dem Altenheim abgeholt. Jeden Mittwoch kommen sie hierher. „Wir versuchen, ihnen einen Platz zu geben, wo sie ‚menscheln‘ können“, sagt Larissa Gitina. Die kleine Powerfrau arbeitete in St. Petersburg als Röntgeningenieurin und machte in Deutschland eine Umschulung zur Krankenschwester. Mit ihren guten Deutschkenntnissen macht sie sich bei den Gemeindemitgliedern nützlich.
Ohne Pathos erzählen sie ihre Geschichte. Manche seltsam distanziert, als ob eine andere Person als sie selber die Hauptrolle spielt. Doch alle Geschichten beginnen mit „früher“ und enden mit einem Seufzer. Und manchmal singen sie auch, wie Faina Likhovetska. In der Ukraine war sie Lehrerin, jetzt arbeitet sie als Küchenhilfe, und wenn sie in Rente geht, möchte sie zu ihren Kindern nach Israel auswandern. Ein Lied auf Hebräisch trägt sie vor, ganz zart, ganz schlicht, das ausdrückt, was sie auf Deutsch nicht sagen kann.

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