Präsidentschaftskandidat

McCain gewinnt

von Wladimir Struminski

Es ist vollbracht. Der amerikanische Wähler hat gesprochen. Und zwar überaus deutlich: Eine überwältigende Mehrheit des Stimmvolks votierte für John McCain. Jedenfalls in Israel. Die genauen Ergebnisse der Stimmabgabe von in Israel lebenden Amerikanern sind zwar nicht bekannt: Die im Ausland abgegebenen Stim-
men werden nicht separat gezählt, sondern den Wahlergebnissen am letzten amerikanischen Wohnort des jeweiligen Wählers zugeschlagen. Allerdings, so Kory Bardash, Vorsitzender der Israelsektion der republikanischen Auslandsorganisation, Republicans Abroad, lassen die Ergebnisse einer Befragung an Wahlurnen trotz des statistischen Fehlervorbehalts keinen Zweifel an den Mehrheitsverhältnissen zu: Danach gingen sage und schreibe 76 Prozent der in Israel abgegebenen Stimmen an McCain, nur 24 Prozent an Obama. »Damit«, so Bardash gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, »haben die Republikaner ihr Ergebnis der letzten Wahl noch überboten.« 2004 kam George W. Bush im Judenstaat »nur« auf 70 Prozent der Wahlzettel.
Mit ihrem Abstimmungsmuster unterscheiden sich die amerikanischen Olim diametral von ihren jenseits des Großen Teiches verbleibenden 5,3 Millionen Glaubensbrüdern: In den USA selbst haben gut zwei Drittel der jüdischen Wähler den flotten Senator aus Illinois gewählt. Interessanterweise bevorzugten die US-Einwanderer in Israel McCain weitaus stärker als die jüdischen Israelis insgesamt. Umfragen zufolge sehnten knapp 40 Prozent der israelischen Juden den Einzug McCains ins Weiße Haus herbei, während rund 30 Prozent Obama die Daumen drückten.
Zu der republikanischen Wahlmehrheit der Olim gehört auch Abraham Katsman. Der Anwalt, der vor einem halben Jahr aus Seattle im Bundesstaat Washington nach Israel übergesiedelt ist, hat seine Stimme eine Woche vor der Wahl bei einer amerikanischen Briefwahlveranstaltung in Jerusalem abgegeben. Wie die meisten in Israel lebenden McCain-Wähler gibt Katsman seine Sorge um das amerikanisch-israelische Verhältnis als einen entscheidenden Grund für sein Wahlverhalten an. »McCain ist er-
wiesenermaßen ein Freund Israels, der das Land seit dreißig Jahren besucht«, erläutert Katsman. »Er kennt den Nahen Osten und würde Israel nicht zu einem illusionären Frieden mit den Palästinensern drängen«, glaubt der heute in Jerusalem lebende Jurist. Dagegen unterstellten viele Olim Obama die Absicht, Israel zu überzogenen Kompromissen zwingen zu wollen. Deshalb haben nicht nur eingefleischte Republikaner McCain gewählt. Schließlich stellen ideologische Anhänger der republika-
nischen Partei nur ein Viertel aller in Israel lebenden US-Bürger dar – genauso viel wie in der Wolle gefärbte Demokraten. Der Wählerbefragung zufolge hat auch eine überwältigende Mehrheit der ideologisch unabhängigen Wähler und fast die Hälfte der Demokraten den republikanischen Präsidentschaftskanidaten gewählt.
In jedem Fall, so Michael Mashbaum, Jerusalemer Programmkoordinator der Organisation nordamerikanischer Immigranten, AACI, war das Wahlinteresse in diesem Jahr besonders hoch. Schätzungen zufolge machten 35.000 bis 45.000 Amerikaner von ihrem Wahlrecht Gebrauch – deutlich mehr als 2004. Bei rund 125.000 Wahlberechtigten entsprach dies einer Wahlbeteiligung von rund einem Drittel – auf den ersten Blick nicht viel, aber ein Vielfaches der in anderen amerikanischen Auslandsgemeinden erzielten Quote. »Leute, die seit 30 Jahren nicht mehr an einer US-Wahl teilgenommen haben«, berichtet Mashbaum, »fanden sich diesmal zur Stimmabgabe ein.«
Bei der Ausrichtung der Wahlveranstaltungen spielte die überparteilich-gemeinnützige Organisation »Vote from Israel« eine entscheidende Rolle. Ihre Aktivisten hatten sich als Ziel gesetzt, möglichst viele Wahlberechtigte an die Brief-Wahlurne zu bringen – auch dies mit dem Hinweis auf die Bedeutung der US-Wahl für ihre neue Heimat. »Als Einwohner Israels«, so eine Erklärung der Organisation, »sind wir in besonderem Maße von der Politik des amerikanischen Präsidenten und seiner Regierung betroffen.«
Die republikanische Wahlmehrheit spiegelt aber nicht nur den Israel-Faktor, sondern auch eine an der Gesamtheit der amerikanischen Juden gemessen konservativere Einstellung der Auswanderer wider. Das ist nicht zuletzt eine Folge der religiösen Zusammensetzung der Einwanderer. Während sich in den Vereinigten Staaten rund ein Fünftel aller Juden als orthodox definieren, sind rund sechs von US-Olim modern- und weitere zehn Prozent ultraorthodox. Weitere zehn Prozent bezeichnen sich als traditionell und nur 15 Prozent als säkular. Bei den restlichen fünf Prozent der Einwanderer handelt es sich um im Rahmen des Rückkehrgesetzes immigrationsberechtigte Nichtjuden. Da bleiben die Demokratenfreunde in der
biblischen Heimat allein schon aus strukturellen Gründen in der Minderheit. Sie halten die Antiisraelismus-Vorwürfe an Obamas Adresse für einen Teil der »republikanischen Schmutzkampagne« gegen ihren Favoriten. »Ich hoffe wenigstens«, sagt eine demokratisch gesinnte Immigrantin aus New York, die wegen beruflicher Verbindungen zu überparteilichen Einrichtungen nicht namentlich genannt werden möchte, »dass die Stimmen aus Israel keine Bedeutung für das Gesamtergebnis hatten.«

Anita Lasker-Wallfisch

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