Arbeitspartei

Marsch durch die Instanzen

Meine Autobiografie zu schreiben, ist so einfach nicht. Schon meine Herkunft wirft Fragen auf. Wurde ich in verrauchten Hinterzimmern russischer Kneipen von Idealisten gezeugt, die fest an die Erlösung der Arbeiter vom Joch der Ausbeutung glaubten? Oder in „Eretz Israel“? Begann mein Leben schon mit den „Arbeitern Zions“, also kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert? Oder erst, als mich David Ben Gurion nach heftigen Debatten über den einzig richtigen Weg in eine strahlende Zukunft mit den „Wächtern Zions“ und der „Vereinigten Arbeiterpartei“ zusammengebracht hatte? Um mich dann, man schrieb das stolze Jahr 1948, recht lapidar „Partei der Arbeiter in Israel“ (Mifleget Poalei Eretz Israel) oder, im Akronym, Mapai zu nennen.
Meiner zweifelhaften Herkunft zum Trotz: In unserer wichtigsten Einrichtung, dem Parlament, war ich gleich der Chef. Naja, das ist vielleicht etwas übertrieben. Sagen wir, ich teilte das Chef‐Sein mit einigen Stiefgeschwistern; der Vereinigten Religiösen Front, der progressiven Partei, sefardischen und orientalischen Parteien, und einer arabischen Partei, der Demokratischen Liste von Nazareth. Dass wir viel gemein gehabt hätten, lässt sich nicht behaupten. Aber wer Politik machen will, muss eben Kompromisse schließen. In diesem Punkt konnte ich meinen Übervater Ben Gurion Zeit meines Lebens kaum verleugnen. Ich blieb flexibel für Koalitionen, ohne die es in unserem Staat ohnehin nicht geht. Eigenwillig wie man hierzulande ist, gründet ja jeder gleich seine eigene Partei, und noch der kleinste Hüpfer schafft die Hürde ins Parlament.
Nur in einem Punkt gab ich nicht nach: Meine wirkliche Schwester „Mapam“ (Mifleget HaPaoalim HaMeucheded), die wie ich aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen war, ließ ich nicht mitmachen. Jedenfalls nicht, solange sie für diesen schnauzbärtigen georgischen Diktator Josef Dschugaschwili schwärmte. Erst, als sie ein paar Jahre später eingesehen hatte, dass Stalin nicht etwa der Mann ihres Lebens, sondern ein antisemitischer Massenmörder war, nahm ich sie wieder auf. Gemeinsam mit einem weiteren Schwes‐terchen, der „AchdutHaAvoda“, haben wir 1968 übrigens das erste und einzige Mal eine absolute Mehrheit im Parlament geholt. Fortan nannten wir uns schlicht „Vereinigung“ (Maarach) und stellten mit schöner Regelmäßigkeit den Premier. Wir waren es auch, die mit Golda Meir die erste (und bislang einzige) Frau an die Regierung brachten. Genützt hat es uns nichts. Eher schon haben wir uns, vielleicht auch im Rausch der unangefochtenen Macht, abgenützt. Dass Ägypten und Syrien sich auf den Jom‐Kippur‐Krieg vorbereiten, haben wir glatt verschlafen. Dass uns viele Einwanderer aus Nordafrika regelrecht hassten, ist uns ebenso wenig aufgefallen. 1977 war es vorbei mit dem Glanz. Die Cherut‐Partei von Menachem Begin, eine der wenigen, mit der wir nie geflirtet haben, gewann zu unserer großen Überraschung die Wahlen.
Wenn wir schon dabei sind, Intimes auszuplaudern, kann ich mit den Geständnissen gleich fortfahren: Ich verfüge über eine bemerkenswerte, in unserem Parlament allerdings nicht ganz ungewöhnliche Konstitution: Ich bröckle an den Rändern, manchmal sogar am Kopf.
Mein Übervater Ben Gurion verließ mich 1953, um in die Wüste zu ziehen, und gab mich in die Obhut des adretten Mosche Scharett. Wenn Sie mich fragen: Der Mann war viel zu feinsinnig für eine Kreatur, die von hemdsärmeligen Russen aufgepäppelt worden war; es herrschte ein einziges Durcheinander. Zwei Jahre später hatte Ben Gurion genug vom Leben ohne Politik und kehrte zu mir zurück. Aber nur, um mir Anfang der sechziger Jahre einen ganz empfindlichen Verlust zuzufügen: Er nahm die hoffnungsvollsten jungen Talente wie Schimon Peres und Mosche Dayan mit und gründete „Rafi“. 1968 kam „Rafi“ wieder zu uns zurück. Aber 1984 verließ uns „Mapam“, weil wir endlich mal wieder die Lust des Regierens spüren wollten und mit unserem früheren Erzfeind „Likud“ koalierten (der wiederum aus einer Heirat zwischen Begins „Cherut“ und der „Liberalen Partei“ entstanden war). „Mapams“ Konstitution ist allerdings auch nicht die beste. Sie brach nach ihrem Abschied gleich ganz auseinander; ein Teil rettete sich zu „Schinui“, der andere zu „Ratz“, zusammen formierten sie „Meretz“. Aber ein Teil von „Schinui“ war damit auch wieder nicht einverstanden und blieb weiter „Schinui“, diese Partei hat sich auch schon wieder aufgelöst.
Können Sie mir noch folgen? Nein? Macht nichts. Ich frage mich selbst manchmal, welche meiner Teile eigentlich noch Original sind und welche aus dem Ersatzteillager stammen. In den neunziger Jahren holten wir ein paar versprengte kleine Reste ins Boot, die als freie Radikale der Arbeiterbewegung herumschwirrten und nannten uns erst „Israel Echat“, einiges Israel. Man mag mir vielleicht zustimmen, dass dies ein Widerspruch in sich ist. Kurz darauf hießen wir nur noch „Avoda“. Im Herbst 2005 bröckelte es wieder einmal gewaltig, und ein paar meiner Leute formierten mit dem „Likud“ die Partei „Kadima“. Die Truppe unseres ehemaligen Erzfeindes Begin und wir hatten uns in mehrmaligen temporären Ehen so sehr miteinander angefreundet, dass für viele wohl keine großen Unterschiede mehr bestanden.
Wie es älteren Damen mit einem bewegten Lebenswandel zu eigen ist, sinniere auch ich zuweilen über die Tage meiner Jugend. Die Ideale, die wir damals hatten. Und was daraus geworden ist. Die Arbeiter wollten wir aus ihrer Unterdrückung befreien. Ach du lieber Himmel! Meine Anhänger gehören mittlerweile schon lange zu den Besserverdienenden. Körperliche Arbeit werden die meisten von ihnen wohl höchstens beim Joggen am Strand verrichten.
Den revolutionären Geruch meiner Kinderstube habe ich abgelegt. Mich wählt, wer seine Ruhe haben möchte. Das ist, möchte ich mit der Weisheit des Alters betonen, nicht das Schlechteste. Denn es bedeutet, Frieden zu schließen und ein normales Leben zu führen. Versucht habe ich es, zuletzt zur Jahrtausendwende mit Hilfe des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Weil es nicht geklappt hat, strafte man mich bei der nächsten Wahl ab. Zähigkeit aber ist die beste Eigenschaft des Alters. Ich werde es wieder versuchen. Schließlich wünsche ich mir vor allem eines: einen geruhsamen und sehr langen Lebensabend.

Protokolliert von Sylke Tempel

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