tel aviv

Marktchancen

Sie gehören dazu wie die prallen Orangen und knackigen Äpfel. In der Mitte sitzen sie am liebsten, gleich beim Stand mit dem frischen Fisch. Hier fällt immer ein Stück‐
chen ab. Die Grau‐Weißen, die Getigerten und Schwarzen. Gelassen beäugt das Katzenvolk des Carmel‐Marktes das hektische Treiben nun schon seit fast neun Jahrzehnten. Bei Sonnenschein kühlen sie ihre fetten Körper auf dem kühlen Stein unter den Marktständen, im Winter suchen sie Schutz in Nischen, unter losen Brettern, hinter verrotteten Verschlägen. Derer gibt es unzählige. Doch jetzt wird aufgeräumt. Der berühmte Markt in Tel Avivs Zentrum soll renoviert werden.

Geschichte 1921, während der britischen Mandatszeit, sind genau an dieser Stelle die ersten bunten Waren feilgeboten worden. Obst und Gemüse, Brot, Kurzwaren und allerlei mehr. Nach den arabischen Ausschreitungen in den Jahren 1929 und 1936 wuchs die Zahl der Stände blitzschnell, die jüdischen Bewohner Tel Avivs wollten nicht mehr von den Märkten im benachbarten Jaffa abhängig sein. 1926 hatte die Stadtverwaltung vor, den Markt zu verlegen, da mittlerweile 300 Stände eine der Hauptverkehrsstraßen blockierten, doch die Menschen hatten sich schon so an ihn gewöhnt, dass sie dagegen Sturm liefen. Der Markt blieb da, wo er bis heute ist.
Seit dieser Zeit ist der Carmel‐Markt nicht ein einziges Mal verändert oder renoviert worden. Er ist nur stetig gewachsen. Die Ladennischen mit den Ständen davor sind nicht nur auf den zweiten Blick arg reparaturbedürftig. Das halboffene Dach über dem gesamten Areal lässt bei Regen die Pfützen an mancher Stelle auf 30 Zentimeter anschwellen, die unzähligen herunterhängenden Kabel, Leitungen und of‐
fenen Rohre würden jeden TÜV‐Beauftragten das Fürchten lehren.
Handlungsbedarf Jetzt hat die Stadtverwaltung beschlossen, es müsse etwas geschehen. »In seiner momentanen Situation ist der Markt eine ernst zu nehmende Belästigung für die Menschen in der Um‐
gebung«, heißt es im Plan des Bauamtes. Gründe seien die mangelnde Infrastruktur, veraltete sanitäre Anlagen sowie zu wenig Lademöglichkeiten für die Händler und ein fehlendes durchgehendes Dach. Außerdem sei der Zugang zum Markt schwierig.
Alles Punkte, die Yoni Avraham bestätigt. Seit 25 Jahren verkauft er Obst und Gemüse auf einem Stand im südlichen Abschnitt. »Nach 90 Jahren wird es doch wohl Zeit, oder?« Und er gibt sich die Antwort gleich selbst: »Man müsste hier ei‐
gentlich sofort alles neu machen, weil es an allen Ecken und Enden fehlt.« Während Avraham Mandarinen für eine Kundin ab‐
wiegt, zeigt er auf den unebenen Boden. »Da sammelt sich das Wasser im Winter, so dass wir hier tagein, tagaus im Nassen stehen. Auch die Kunden waten durch Wasser oder kommen erst gar nicht. Aber wir sind doch Menschen, keine Esel.« Laut Avraham hat die Marktverwaltung die Händler informiert, dass in Teilen renoviert und die Maßnahmen mindestens ein Jahr dauern würden. »Aber das ist es sicher wert«, meint er, »die Besucher kommen auf den Carmel‐Markt, um zu schlendern und zu kaufen, dabei sollen sie sich wohlfühlen und nicht, als ob sie über eine Müllhalde laufen.«
Wohlfühlen soll laut Bauplan wieder möglich sein: »Der Markt und das umliegende Gelände sollen die Attraktivität und den Charme wiedererhalten, die sie in der Vergangenheit ausgemacht haben«, steht geschrieben. »Ja, so geht es wirklich nicht mehr weiter«, klagt Sava Josef, der den Carmel‐Markt seit mehr als 30 Jahren seinen Arbeitsplatz nennt. »Es gibt uns schon seit den Engländern, und jetzt sind wir endlich einmal dran. Wir wollen ja gar kein De‐Luxe haben, nur einen etwas höheren Standard. Zum Beispiel ein durchgängiges Dach wie auf dem Markt in Sch’chunat HaTikva.« Wenn es nach Josef ginge, könnten die Bauarbeiten gleich morgen beginnen.

wirrwarr Doch so schnell wird es nicht gehen. Bis zur endgültigen Genehmigung des Planes, der übrigens in Zusammenarbeit mit Händlern und Anwohnern erarbeitet wurde, werden wohl etwa zwei Jahre vergehen. Es müsse Zeit für Einwände und Ministerialverfahren gegeben werden, so die Stadtverwaltung. Erst danach beginne die konkrete Phase der Planung und Ausführung. 7,5 Hektar umfasst die zu renovierende Fläche. Ziel ist es, etwas mehr Übersicht in einen Wirrwarr aus Ständen und Läden zu bringen, der Stück für Stück gewachsen ist. Außerdem soll Platz für Bänke geschaffen werden und ein Dach die gesamte Hauptachse überziehen. In der Gegend westlich des Marktes wird es dann eine Mischzone aus Wohnungen, Läden und Hotels geben. Der Parkplatz am südlichen Ende soll verkleinert und stattdessen ein besserer Plan für öffentliche Verkehrsmittel ausgearbeitet werden.
Die Menschen lieben ihren Carmel‐Markt so oder so. Für die Städter gehört das Einkaufen auf dem größten Open‐Air‐Markt des Landes zum täglichen Leben, für Touristen darf er in keiner Rundreise fehlen. »Kommt und kauft, ich habe heute die allerfrischesten Tomaten, nur einen lächerlichen Schekel das Kilo!« Längst sind die Stimmen der Marktschreier rau geworden. Ihren Charme haben sie nicht verloren. Zwischen den Ständen wuselt ein buntes Völkchen aus jungen Tel Avivern in Flip‐Flops, Käufern, die so alt sind wie der Markt selbst, philippinischem Pflegepersonal, Soldaten und Touristen herum, die allesamt die besondere Atmosphäre des Carmel‐Marktes genießen. Wie die Katzen – mit oder ohne Dach.

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