Scholem Alejchem

Mark Twain der Juden

von Eva Pfister

Dass der jiddische Autor Scholem Alejchem in Deutschland so populär ist, verdankt er dem Musical Anatevka. Die deutsche Fassung von Fiddler on the Roof kam im Februar 1968 in Hamburg auf die Bühne und machte das Lied Wenn ich einmal reich wär unsterblich. Beinahe jedermann kann es nachträllern und den Traum vom großen Geld mitträumen. Aber die Erzählung von Tewje, dem Milchmann, erschöpft sich nicht in solch kleinen Sorgen. „Ich will mich ja nicht beklagen, aber mit Deiner gütigen Hilfe, oh Herr, sind wir fast am Verhungern“, so heißt es im selben Lied. Und wer Alejchems ursprünglichen Text liest, entdeckt die Geschichte eines armen Familienvaters, dem kein Schicksalsschlag erspart bleibt. Eine Geschichte, von der auch der österreichische Autor Joseph Roth offensichtlich beeindruckt war, wie man seinem Roman Hiob entnehmen kann.
Scholem Alejchem, der hebräische Gruß „Friede sei mit euch“, ist das Pseudonym von Scholem Rabinówitsch, der am 2. März 1859 im Städtchen Perejaslav in der Nähe von Kiew geboren wurde. Sein Vater sympathisierte mit der Haskala, der jüdischen Aufklärungsbewegung, und ließ seinen Sohn nach der religiösen Volksschule, dem „Cheder“, auch das russische Gymnasium besuchen. Danach wurde Scholem Rabinówitsch Hauslehrer bei einem reichen Gutsbesitzer. Der Schülerin Olga widmete er seine erste jiddische Erzählung, Zwei Steiner. Sie erschien 1883, im selben Jahr heirateten die beiden, gegen den Willen ihres Vaters.
Nach dem Tod seines Schwiegervaters ging für Scholem Rabinówitsch der Traum vom großen Geld für kurze Zeit in Erfüllung. So konnte er zum Förderer der jiddischen Literatur werden: 1888 gab er den Almanach „Jiddische Folksbibliothek“ heraus, ein zweiter Band folgte 1889. Dann aber starb das Projekt. Denn Scholem Rabinówitsch verlor sein Geld an der Börse; es ging ihm also nicht besser als seinem unglücklichen Helden „Menachem Mendel, der Spekulant“. 1890 macht er Bankrott, floh vor seinen Gläubigern über Wien nach Paris, und dann über Czernowitz nach Odessa, wo die Familie aber nur ein Aufenthaltsrecht bekam, weil seine Frau als Zahnärztin arbeitete.
Als Autor schaffte Scholem Alejchem 1894 mit den Tewje‐Geschichten den Durchbruch. Dass er so beliebt wurde wie nach ihm nur der Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, lag vor allem an seinem versöhnlichen Humor. Darin unterschied er sich von seinem verehrten Vorgänger Scholem Abramowitsch, der unter dem Pseudonym Mendele Mocher Sforim (Mendele, der Wanderbuchhändler) bitterböse Satiren schrieb. Mit ihm und Jitzchak Leibusch Peretz bildet Scholem Alejchem das Dreigestirn der goldenen Ära der jiddischen Literatur. Dass diese gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerade in Osteuropa aufblühte, lag daran, dass die jiddische Sprache in Westeuropa durch die Assimilation der Juden beinahe ausgestorben war, während sie in Polen und Russland durch die erstarkende chassidische Bewegung zur Volkssprache wurde. Und damit zum idealen Medium für eine realistische und sozialkritische Literatur des Ostjudentums.
Im Werk Scholem Alejchems spiegelt sich die prekäre Existenz der Juden in den „Ansiedlungsrayons“ des Zarenreichs: Sie waren ständig von Pogromen bedroht und lebten durch die vielen Einschränkungen meist in bitterer Armut. Wie sie kläglich ums Überleben kämpften, ist Alejchems großes Thema. Er lässt sie in brillanter Rollenprosa zu Wort kommen: die Witwe, die mit Gänsen handelt, den hungrigen Hauslehrer, die Spieler und Spekulanten. Oder eben Tewje, der den reichen Sommergästen Milch und Käse verkauft und im Zwiegespräch mit Gott über das Leben philosophiert. Zugleich schilderte Alejchem mit großer Empathie, wie sich zwischen den Generationen eine Kluft auftut, wenn die Kinder aus den strengen Traditionen ausbrechen: die Mädchen eigensinnig ihrem Geliebten folgen, sogar wenn er Kommunist oder Christ ist, die Jungen in die Städte ziehen, studieren und dabei vielleicht ihren Glauben verlieren, wie in der erschütternden Geschichte „Das Glückslos“.
Scholem Alejchem schrieb Essays in russischer Sprache, er übersetzte Gorki und Tolstoj ins Jiddische, rezensierte Bücher von französischen und deutschen Schriftstellern. Im Geiste ein Europäer, war er der beliebteste jiddische Autor Osteuropas – und konnte damit kaum Geld verdienen. Nach den Pogromen, die den russischen Aufständen von 1905 folgten und die Scholem Alejchem in Kiew miterleben musste, wanderte er nach Amerika aus. Seine Hoffnung galt dem jiddischen Theater, denn – was kaum bekannt ist – Alejchem war auch Dramatiker.
Aber er konnte in den USA nicht Fuß fassen, kehrte zurück und versuchte, in Berlin mit Max Reinhardt sein Theaterstück Die Goldgräber auf die Bühne zu bringen. Auch dieser Plan scheiterte. Während die Familie in Genf lebte, verdiente Scholem Alejchem sein Geld mit anstrengenden Lesereisen durch Osteuropa. Als er in Weißrussland 1908 zusammenbrach, erfuhr er im Krankenhaus von seiner Tuberkulose. Nur dank Spenden seiner Be‐ wunderer konnte er sich Kuren in der Schweiz und an der Riviera leisten. In einem fingierten Interview schrieb er nicht ohne Bitterkeit über seine Existenz: „Ein jüdischer Schriftsteller lebt rundherum ruhig und behütet. (…) Er ist sicher vor den Gütern dieser Welt und des Jenseits. Er ist verschont von Brot, und er ist verschont von guter Gesundheit.«
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs emigrierte die Familie endgültig in die USA. In seinem Briefroman Motl der Kantorssohn setzte Scholem Alejchem dem Leid der jüdischen Auswanderer ein Denkmal, allerdings aus der naiven Perspektive eines Heranwachsenden, der die Strapazen als Abenteuer erlebt. Sein Held wurde in den USA mit Huckleberry Finn verglichen, darum erhielt der Autor auch den Ehrentitel „jüdischer Mark Twain“. Allerdings konnte Scholem Alejchem seinen amerikanischen Ruhm kaum noch erleben, er starb am 13. Mai 1916. Dem Trauerzug folgten mehr als 100.000 Menschen, darunter viele Arbeiterinnen und Arbeiter der jüdischen Schneiderwerkstätten, die zu seinen treuesten Lesern zählten.
Scholem Alejchems Einfluss auf nachfolgende Autorengeneration ist kaum zu überschätzen, ob sie jiddisch schrieben wie Isaac B. Singer, deutsch wie Joseph Roth oder englisch wie die Amerikaner Saul Bellow, Joseph Heller und Philip Roth.

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