Helen Suzman

Mandelas weiße Schwester

von Ruth Weiss

Als einzige Abgeordnete auf der Oppositionsbank in einem Parlament mit 165 chauvinistischen Abgeordneten der Regierungspartei und das dreizehn Jahre lang: Allein das hat Helen Suzman berühmt gemacht, die Grande Dame der südafrikanischen Politik, die 36 Jahre im Parlament saß. Am 1. Januar ist sie im Alter von 91 Jahren in Johannesburg gestorben.
Als Helen Gavrosky wurde sie am 7. November 1917 in Germiston, unweit von Johannesburg, geboren. Ihre Eltern stammten, wie die Mehrheit der dortigen jüdischen Gemeinde, aus Litauen. Die Tochter studierte Volkswirtschaft an der Witwatersrand-Universität und lehrte dort ab 1945 nach verspäteter Studiumbeendigung und der Geburt ihrer zwei Töchter.
Suzman gehörte zur jüdischen Elite, allein schon durch die 1937 geschlossene Ehe mit dem renommierten Herzspezialisten Moses – ‚Mosie‘ – Suzman, der 1994 starb. Ihn lernte ich in den späten 50er-Jahren kennen, da flößte mir bereits seine elegante Frau größte Ehrfurcht ein.
Helen Suzman wurde 1952 für die oppositionelle United Party, die alte Partei des einstigen Premiers Jan Smuts, ins Parlament gewählt. Im Jahr 1959 gründete sie gemeinsam mit elf Politikerkollegen die kleine liberale Progressive Party, die spätere Progressive Federal Party (PFP). 1961 schaffte sie es als einzige Politikerin ihrer Partei ins Parlament. Erst 1974, als die Ablehnung der Apartheid unter den weißen Wählern zunahm, gesellten sich ihr sieben weitere PFP-Abgeordnete hinzu.
Helen Suzmans Mut und Gerechtigkeitssinn, ihr parlamentarischer Einzelkampf und ihre scharfen Reden gegen die zunehmend repressiven Apartheidgesetze waren bewundernswert. Schonungslos analysierte sie jeden Gesetzesentwurf, kümmerte sich in ihrem Büro und bei Besuchen in schwarzen Vororten um die Ärmsten, wandte sich mit deren konkreten Anliegen an Minister. Helen Suzman allein vertrat die Millionen der Stimmlosen. Nur sie fiel mir ein, als ich einem weißen Politiker die Warnung zukommen lassen wollte, dass seine Entführung aus einem Nachbarland geplant war.
Suzmans bohrende, stets gut recherchierte Fragen zu allen Aspekten der Apartheid nervten die Regierenden. Als am 6. September 1966 Premierminister Hendrik Verwoerd im Parlament von einem sogenannten Farbigen erstochen wurde, schrie einer der Minister Suzman an, sie, die Liberalen und die Juden, seien für diesen Mord verantwortlich.
Jahre bevor er zur Ikone wurde, besuchte Suzman den führenden Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela und andere politische Gefangene auf Robben Island, der ehemaligen Gefängnisinsel vor der Atlantikküste Südafrikas. Wie Mandela später schrieb, sei sie die einzige Frau gewesen, die je einen derartigen Besuch machte. Und sie beließ es nicht bei diesem einen. Kein Wunder, dass ihr Telefon abgehört, sie regelmäßig von der Polizei beschattet und einmal sogar festgenommen wurde.
Nachdem Mandela 1997 die neue demokratische Verfassung Südafrikas unterschrieben hatte, verlieh er Suzman die Goldene Verdienstmedaille. Seitdem wurde die Politikerin mit zahlreichen Auszeichnungen von Menschenrechts- und anderen Organisationen nur so überhäuft. Sie erhielt 27 Ehrendoktorate, wurde zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, und die britische Königin erhob sie zur Ehrendame der Order of the British Empire.
Es ist fast symbolisch, dass Suzman ihr Parlamentsmandat 1989 abgab. In jenem Jahr wurde Frederick Willem De Klerk Südafrikas Präsident, und ein neues Zeitalter begann. Vielleicht hätte es ohne Helen Suzman länger auf sich warten lassen.

Die Autorin ist Wirtschaftsjournalistin und Schriftstellerin. Sie lebte von 1936 bis 1966 in Südafrika.

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