abstieg

»Manchmal reicht es kaum fürs Essen«

Brütend heiß ist es in der kleinen Zweizimmerwohnung. Am letzten Augusttag brennt die Mittagssonne noch immer unerbittlich in Israels Zentrum. Eine Klimaanlage gibt es nicht, nur ein Tischventilator steht auf dem Fußboden. Ausgeschaltet. Einav Matan entschuldigt sich. »Der ist nur für die Kinder zum Einschlafen.« Aber kaltes Wasser aus dem Hahn gibt es. Die dicken Eiswürfel darin klingeln. Neben der Eingangstür steht ein Schulranzen in Pink, die Ecken sind abgewetzt, der aufgeklebten Fee fehlt ein Flügel. Tochter Keren ist dennoch stolz: »Der ist fertig gepackt«, flüstert sie, als sei es ein wohlgehütetes Geheimnis. Morgen kommt Keren in die dritte Klasse. Sie freut sich, dass die Schule wieder beginnt. Etwas langweilig sei es gewesen in den Ferien, obwohl Mami sich Mühe gegeben habe, für Ablenkung zu sorgen, beteuert sie. Keren wird von keinem Urlaub erzählen, nicht einmal vom Ausflug in den Zoo. Einav und ihre zwei Töchter sind das, was man in Israel »neue Arme« nennt.

früher Vor zweieinhalb Jahren noch waren Einav und Avi Matan eine ganz normale Familie mit riesengroßen Träumen und einem mittelgroßen Einkommen. Avi arbeitete als stellvertretender Leiter auf einer Großbaustelle, Einav Vollzeit in einem Kindergarten. »Es waren gute Tage«, erinnert sich die 34‐Jährige. »Wir hatten alles: eine schöne Dreizimmerwohnung im Norden von Tel Aviv, ein neues Auto, Flachbildfernseher, Computer, überlegten sogar, ein Häuschen am Stadtrand zu kaufen, Avi wollte seine eigene Baufirma aufmachen.« Heute wabert diese Zeit nur mehr wie eine Fata Morgana in Einavs Erinnerung. Nicht nur sind die Matans geschieden, auch ihr Wohlstand ist dahin. Kein Flachbildfernseher mehr, nicht einmal der Tisch, auf dem er stand, ist geblieben.
Der finanzielle Ruin sei eine Verkettung unglücklicher Umstände und eine gehörige Portion Naivität gewesen. Einav erzählt, wie es dazu gekommen ist: »Zuerst haben wir gemerkt, dass wir uns mit den Darlehen übernommen haben. Das große Auto, die Couchgarnitur, die Handys, der Urlaub in Eilat. Es war einfach zu viel. Dann wurde ich mit unserer zweiten Tochter Yalli schwanger. Nach der Geburt habe ich nur noch halbtags gearbeitet, gleichzeitig mussten wir die Kinderbetreuung bezahlen.«
Als Avi seinen Job auf der Baustelle verlor, sei alles sehr schnell gegangen. »Zuerst konnten wir die Raten bei der Bank nicht mehr bezahlen, dann blieben wir die Miete schuldig. Wir stritten und stritten, bis es nicht mehr weiter ging. Die Scheidung war eine logische Schlussfolgerung.« Einav spricht ruhig, schildert die Fakten fast mechanisch. Nur die zuckenden Mundwinkel zeigen, wie es in ihrem Innern aussehen muss. Immer wieder schaut sie auf die beiden Töchter, die auf dem nackten Fußboden sitzen und malen.

lebenshaltung Heute muss Einav mit umgerechnet 887 Euro im Monat auskommen. Mit ihrem Halbtagsjob im Kindergarten verdient sie 500 Euro, Avi zahlt 330 Euro Unterhalt für die Mädchen, das staatliche Kindergeld beläuft sich auf 57 Euro, für schulpflichtige Kinder gibt es eine jährliche Einmalzahlung von rund 200 Euro. Nach Abzug der Miete von 420 Euro, Nebenkosten von 120 Euro und Kinderbetreuung bleiben Einav, Keren und Yalli 180 Euro im Monat. »Das reicht gerade mal für das Essen, und manchmal ist es noch nicht einmal dafür genug.« Es gibt kein Kabelfernsehen, kein Kino, keine Urlaube oder Aus‐ flüge. Anspruch auf Sozialhilfe hat Einav nicht, zudem wäre die finanzielle Unterstützung, würde sie denn gezahlt, äußerst gering. Für ein soziales Wohnprojekt ist ihre Familie zu klein. Ehegattenunterhalt gibt es in Israel, wenn nicht im Ehevertrag festgeschrieben, so gut wie nie.
Einavs Problem sei ihre Arglosigkeit gewesen, sagt sie. »Ich habe nie daran gedacht, dass mir so etwas passieren könnte und einfach drauflos gelebt. Niemand vermietet mir eine Wohnung ohne Sicherheiten. Doch ich habe nichts mehr.« In Israel werden von Vermietern in der Regel vor Vertragsabschluss eine Bankbürgschaft verlangt sowie Schecks für die gesamte Jahresmiete im Voraus. »Es war das reinste Spießrutenlaufen. Irgendwann steht einem ›arm‹ auf der Stirn geschrieben. Zwei Monate lang musste Einav mit ihren Kindern bei Freunden wohnen, immer wieder irgendwo anklopfen, fragen, betteln. »Es war furchtbar, ich habe mich mit den Mädchen schon unter einer Brücke gesehen. Irgendwann kamen mir Selbstmordgedanken«, gibt sie zu. Am Ende fand Einav eine Freundin, die bei der Bank für die Wohnung bürgte. »Ohne meine Freunde wäre ich verloren gewesen, denn vom Staat ist außer leeren Versprechungen nichts zu erwarten.«

obdachlos Einav ist kein Einzelfall. Wer wie sie keine Familie hat, die sie unterstützen kann, bleibt auf der Strecke. Erst vor wenigen Tagen ging die Geschichte eines Holocaust‐Überlebenden durch die israelische Presse: Acht Monate lang schlief der Mann auf einer Parkbank, obwohl er eine feste Arbeit als Hausmeister hat und eine Rente aus Deutschland bezieht. Doch wegen fehlender Sicherheiten wollte ihm niemand eine Wohnung vermieten. Erst durch den Zeitungsartikel fand sich für ihn ein Vermieter. Ein anderer Fall, der Schlagzeilen machte, ist der des behinderten alleinerziehenden Vaters, der mit seinen zwei Kindern im Teenager‐Alter sein Zelt in einem Tel Aviver Park aufschlug. Er war aus seiner Wohnung hinausgeworfen worden, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte.
Obwohl Israels Zeitungen inzwischen titeln, es gehe bergauf, spüren viele Menschen vom Aufschwung nichts. Die Einkommen sind nach wie vor relativ gering, die Lebenshaltungskosten hoch. Das Taub‐Zentrum für soziale Studien hat in seiner letzten Umfrage vom Juli festgestellt, dass die Zahl derer, die meinen, ihr Lebensstandard habe sich verschlechtert, doppelt so hoch ist wie jene, die sagen, es gehe ihnen besser. Fast 40 Prozent meinen, ihre Situation heute sei schlimmer als zuvor, wobei es hier hauptsächlich um Menschen geht, die ohnehin zu den geringer Verdienenden gehören.
Die Fakten geben dem Bauchgefühl recht: Während 1979 etwa ein Viertel aller Israelis unterhalb der Armutsgrenze lebte, sind es heute mindestens ein Drittel. Arm ist, wer über weniger als das Mindesteinkommen verfügt, das sich nach der Haushaltsgröße richtet. Für eine Person liegt es derzeit bei 387 Euro, für drei Personen bei 821, für vier bei 992 Euro.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer und ist nicht mehr zu übersehen: Während in Caesarea, der Hochburg der Golfspieler und Jeepfahrer, eine Luxusvilla nach der anderen aus dem Boden wächst, stehen im Nachbarort Or Akiva die Menschen mit Lebensmittelmarken an der Supermarktkasse. Nach Angaben der Regierung nimmt Israel unter den 30 OECD‐Ländern in Sachen Ungleichheit den ersten Platz ein.
Ihre Naivität hat Einav mittlerweile abgelegt. »Für meine Kinder muss ich aus dieser Situation wieder herauskommen, dafür brauche ich allen Mut und Verstand.« Wie sie es schaffen will, weiß sie noch nicht. »Aber Seifenblasen im Kopf habe ich keine mehr.«

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