Elena Gaft

„Manches plane ich selbst“

Oh, so eine Kälte! Chemnitz hat mich bisher mit seinen Wintern verwöhnt. So etwas wie vor drei Wochen gab es noch nie, seit ich hier lebe: 20 Grad minus! Kürzlich habe ich mit meiner Freundin in St. Petersburg telefoniert. Dort ist es wärmer. Den russischen Winter vermisse ich wirklich nicht. Überhaupt liegt Russland hinter mir. Voriges Jahr war ich mit Mama noch mal da, nur eine Woche. Es war eine Katastrophe! St. Petersburg ist laut, schmutzig, überall Stau. Auf den Straßen habe ich ganz wenige ältere Leute gesehen. Ich glaube, sie trauen sich nicht heraus. Sicher sind auch viele ausgereist, denn das Leben in Russland ist schwer für die Alten. Meine Mutter ist Zahnärztin. Sie hat bis zu ihrem 75. Lebensjahr gearbeitet. Sie hätte mit 200 Euro Rente im Monat auskommen müssen, da ist der Zuschlag als Blockade‐Überlebende schon eingerechnet. Dabei ist das Leben in St. Petersburg nicht billig. Viele Dinge, auch Lebensmittel, sind teurer als in Deutschland.
Natürlich können wir uns hier auch nicht alles leisten. Ich habe eine ABM‐Stelle in der Jüdischen Gemeinde. Sie läuft demnächst aus. Doch das sehe ich nicht als schlimm an. Es wird sich eine Lösung finden, vielleicht klappt es mit Kommunal‐Kombi. Vor der ABM hatte ich einen Ein‐Euro‐Job, davor habe ich ehrenamtlich hier gearbeitet. Ich bin Helferin im Kulturbereich, das ist normalerweise sehr abwechslungsreich, nicht bloß Schreibtischarbeit. Ich sitze gerade am Bericht über die Projekte des vergangenen Jahres. Das braucht Zeit und Konzentration. Die Abrechnung muss stimmen. Nächste Woche will ich das zu Ende bringen. Ich arbeite voll, acht Stunden, fünf Tage in der Woche.
Manche Projekte plane ich selbst. Ich denke mir Programme für unsere Feste aus und hole die Leute dafür heran. Vieles hat mit russischer Kultur zu tun, denn die meisten Gemeindemitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Diejenigen, die künstlerische Talente haben, kenne ich fast alle. Aber man muss immer neu fragen, ob sie in einem Theaterstück mitspielen oder etwas Musikalisches machen würden. Voriges Jahr haben wir uns an den Tagen der Jüdischen Kultur in Chemnitz beteiligt. Jetzt bereiten wir das Purim‐Fest vor. Ich suche noch ein passendes Spiel und eine Band. Auch wenn meine Anstellung ausläuft, kann das nicht warten. Das Programm muss festgelegt und geprobt werden. Wir machen zum Beispiel einen Kostümwettbewerb für die Kinder, das ist sehr lustig. Ich wäre sehr froh, wenn auch die Erwachsenen in Kostümen kämen, aber das wird eher schwierig. Ich sammle immer verschiedene Ideen und versuche, demokratisch mit allen Beteiligten zu entscheiden.
Demokratie ist mir sehr wichtig. Ich glaube, dass Deutschland ein wirklich demokratisches Land ist. Das war ein Grund, warum ich mit Mama hierher wollte, als wir 2000 ausreisen konnten. Zweieinhalb Jahre hatten wir darauf gewartet. Ich wollte schon seit der Schulzeit emigrieren. Ich denke, in der Sowjetunion waren fast alle Menschen unzufrieden, die einen Kopf hatten. Dass wir nach Chemnitz gekommen sind, liegt an der Zuweisung. Wir hatten keine Verwandten oder Bekannten in Deutschland. Einer meiner ersten Wege führte in die Jüdische Gemeinde, um meine Mitgliedschaft eintragen zu lassen. Ich finde, wenn wir als Juden nach Deutschland gekommen sind, ist es unsere Pflicht, in die Gemeinde einzutreten. Meine Familie hat in St. Petersburg über mehrere Generationen ein jüdisches Leben geführt, meinen Eltern und meiner Generation war das fast nicht möglich. Ich habe mich trotzdem dafür interessiert, habe viel gelesen. Das russische Bücherangebot ist in den letzten Jahren sehr viel besser geworden.
Judentum praktizieren kann ich aber erst, seitdem wir hier sind. So gehe ich freitags zum Gottesdienst. Vor wenigen Wochen habe ich Chanukka gefeiert, zu Hause und in der Gemeinde. Jeden Tag eine Kerze anzünden, das ist schön. Manche russische Juden feiern Weihnachten, seit sie in Deutschland leben. Das finde ich nicht gut. Schwierig ist es für mich, richtig Schabbat zu halten. Es ist nicht leicht, koscheres Essen vorzubereiten. Gut, Schweinefleisch habe ich mein ganzes Leben nicht gegessen, aber man kann in Chemnitz nicht alle koscheren Lebensmittel kaufen. Und wenn ich von einer Veranstaltung spät nach Hause komme, esse ich einfach das, was der Kühlschrank hergibt. Kochen ist sowieso nicht meine Leidenschaft. Das macht Mama viel besser, wenn ich sie am Wochenende besuche. Sie wohnt gleich nebenan auf dem Chemnitzer Sonnenberg. In ihrem Haus leben noch andere Familien aus der ehemaligen Sowjetunion. Da kann sie sich auch unterhalten, mit ihren 85 Jahren spricht sie kein Wort Deutsch.
Für mich ist die Sprache kein Problem. Bei meiner Arbeit brauche ich beides, Deutsch und Russisch. Diese Woche habe ich im Büro eine Menge Briefe geschrieben. Eine deutsche Mitarbeiterin der Gemeinde liest immer noch mal drüber. Manchmal ärgere ich mich über mich selbst. Ich denke, es ist etwas falsch und ändere es, dabei war es doch zuerst richtig. Mit den meisten Gemeindemitgliedern, die ich für die Projekte anspreche, rede ich Russisch. Es ist schließlich unsere Muttersprache. Es wäre auch komisch, wenn wir uns mühevoll auf Deutsch verständigen würden. Unter den Mitarbeitern ist das anders, da gibt es einige, die kein Russisch können. In der Mittagspause wird nur Deutsch gesprochen.
Ich habe hier eine Arbeit, die ich gern mache und die mich ausfüllt. Mit meinem eigentlichen Beruf habe ich abgeschlossen. Ich bin Sonderpädagogin für Gehörlose und Schwerhörige, habe 20 Jahre als Lehrerin und Logopädin für gehörlose Kinder gearbeitet. Nebenberuflich war ich Dozentin an der Pädagogischen Universität. Meine Qualifikation wird in Deutschland nicht anerkannt. Vom Kultusministerium hieß es, dass ich für einen Berufsabschluss noch einmal sieben Jahre studieren müsste. Dazu bin ich nicht mehr jung genug. Ich bin vor Kurzem 52 geworden. Also habe ich mich völlig neu orientiert, Computerkurse besucht und mich ehrenamtlich engagiert. Wenn meine Integrationsmöglichkeiten nur so aussehen, muss ich das akzeptieren. Ich nutze jede Chance, nicht zu Hause zu sitzen.
Dazu gehören auch Theater und Konzerte. Chemnitz hat ein wunderbares Orchester, die Robert‐Schumann‐Philharmonie. Ende 2008 gab es großen Ärger, die Stadt wollte kein zusätzliches Geld geben. Ich habe mitprotestiert. Es wäre nicht nur schade, sondern eine Schande, wenn beim Orchester gestrichen würde. Wenn man es verliert, wäre es für immer. Glücklicherweise scheint eine Lösung gefunden worden zu sein. Manchmal fahren wir auch ins Leipziger Gewandhaus oder nach Dresden. Leider ist Berlin zu weit entfernt. Dort gibt es eine große Auswahl an Theatern und gute Möglichkeiten, Opern zu besuchen. Außerdem ist Reiseführerin mein Hobby. Mit Leuten aus der Gemeinde waren wir in Prag und im Erzgebirge. Zur Vorbereitung lese ich viel, nutze das Internet und fahre erst mal selber mit Freunden hin. Die Umgebung von Chemnitz bietet da gute Möglichkeiten.
In der Stadt gefällt es mir, aber ob ich hier zu Hause bin, weiß ich nicht. Wichtig ist, dass man mich akzeptiert und dass ich mich sicher fühle – auch ein Grund, warum ich nach Deutschland wollte. Die dunklen Zeiten der deutschen Geschichte sind vorbei. Hier hat man nach dem Krieg wirklich etwas gegen den Antisemitismus getan. Die Regierung bekennt sich dazu. In der Sowjetunion dagegen gab es keine Schuldgefühle, keine Information, keine Aufarbeitung. Dort herrscht staatlicher Antisemitismus. Ich weiß, es gibt in Deutschland alltäglichen Antisemitismus. Damit muss man leben. Gerade der Sonnenberg, wo ich wohne, ist ein problematisches Gebiet. Ausländerfeindlichkeit, wenn sie offen auftritt, richtet sich dort gegen alle Fremden, egal woher sie kommen. Das ist aber lange nicht so schlimm wie mit den Gastarbeitern in Russland. Kürzlich habe ich mit etwa 35 Leuten aus der Gemeinde in Berlin an einer pro‐israelischen Kundgebung teilgenommen. Da habe ich auch viele Deutsche gesehen, die meine Meinung teilen. Und es ist nichts Schlimmes passiert, die Polizei hat uns gut beschützt. Ich habe in den acht Jahren hier fast keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Aufgezeichnet von Gisela Bauer

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