Jean Paul Leon

Malender Moralist

von Alice Lanzke

Mit den großen Ohren und dem etwas tumben Gesichtsausdruck erinnert das Bild an einen Affen. Doch der Künstler Jean Paul Leon hat hier mit großzügigem Pinselstrich den ehemaligen US‐Präsidenten George W. Bush porträtiert, gleich neben einem nicht minder tierischen Bild Dick Cheneys, des ehemaligen Vizepräsidenten der USA. »The Old Guard« nennt Leon die Reihe. Am Rand der Gemälde kleben Geldscheine. Ein zentrales Motiv des Künstlers. So hat er etwa eine amerikanische Flagge montiert, deren weiße Streifen aus Ein‐Dollar‐Noten bestehen, aus denen die Sterne ausgeschnitten wurden. »Das regt die Leute immer auf«, sagt Leon. »Dabei ist bei genauerem Betrachten zu sehen, dass es keine echten Scheine sind.« Mehr seien allerdings auch echte Dollarnoten nicht mehr wert. »Die werden doch an General Motors oder wen auch immer verschenkt!«
Politik, Moral, Vernunft, das sind die grundlegenden Themen des gebürtigen Franzosen. Der 54‐Jährige ist vor einem knappen Jahr nach Berlin gezogen, wo er nun seine erste Ausstellung zeigt. »S.O.S.« nimmt die aktuellen und nicht mehr ganz so aktuellen Krisen rund um den Globus mit den Mitteln der Kunst unter die Lupe. Zum Beispiel »Auschwitz« und »Dachau«, die den Auftakt der Ausstellung bilden. Die beiden Gemälde zeigen stilisierte Menorot in gedeckten Farben. Die Bilder sind Teil des 30 Jahre umfassenden Schaffenszyklus zum Thema »Licht und Erleuchtete«. Leon hat sie zusammen mit 101 weiteren Bildern der siebenarmigen Leuchter, die jeweils einer jüdischen Persönlichkeit gewidmet sind, in dem Band Heritage versammelt. »In meiner Jugend hat mal jemand zu mir gesagt, die Juden hätten über zwei Jahrtausende nichts als Elend über die Menschheit gebracht«, erinnert sich Leon. »Mit Heritage wollte ich zeigen, dass da noch etwas mehr ist.«
Neben »Auschwitz« und »Dachau« hängt »Hiroshima & Nagasaki«: zwei weinende Gesichter, weiß und rot auf schwarzen Karton gebannt. In ihrem Stil erinnert die Zeichnung an eine irrwitzige Mischung aus Pablo Picasso, Friedensreich Hundertwasser und Salvador Dalí. Das kommt nicht von ungefähr: Für Jean Paul Leon gehören die Schoa und die Atombombe untrennbar zusammen. »Einstein entwi ckelte die Atombombe als Waffe gegen Hitler, nur wurde sie dann anders verwendet.« Auch der Rückgriff auf Pablo Picasso kommt nicht von ungefähr. Als Achtjähriger nahm Leons Großvater seinen Enkel mit in das Studio eines Parteigenossen: Picasso. »Bei diesen Besuchen wurde ein Samen in meinen Kopf gepflanzt«, sagt Leon. Picassos Lektionen weckten in ihm den Wunsch, Künstler zu werden. Ein Wunsch, der sich noch verstärkte, als er Mitte der 70er‐Jahre Joan Miró kennen‐ lernte, der für einige Jahre sein Lehrmeister werden sollte.
Leons Vater war von der anvisierten Karriere wenig begeistert. »Er wusste, dass Picasso wegen der schlechten Lebensumstände eines Künstlers zweimal fast gestorben wäre.« Doch schon damals hatte Leon entschieden, dass Kunst die Sprache ist, in die er seine Ideen übersetzen wollte. »Ein Buch muss erst in der Sprache des Lesers gedruckt werden, Kunst wird universell verstanden.«
Nach den Lehrjahren bei Miró beschloss der Franzose, in die USA zu gehen. New York war damals das Zentrum moderner Kunst. Im Gepäck hatte er ein Empfehlungsschreiben von Leo Castelli, der zu dieser Zeit Andy Warhol managte. Doch das Verhältnis zwischen den beiden Castelli‐Schützlingen war nicht das Beste: »Das Problem war, dass ich weder schwul noch drogenabhängig und dazu noch ein europäischer Jude war«, erzählt Leon. Der Konflikt eskalierte im legendären »Studio 54«, wo der französische Neuankömmling dem Platzhirschen vorwarf, in seinem ganzen Leben noch kein einziges wirkliches Bild gemalt zu haben. »Warhol war ein Agent Provocateur, jemand, der den Effekt und die Provokation liebte«, ist sich Leon sicher. »Warholla« nannte er ihn, eine Mischung aus Warhol und Ayatollah. Der Spitzname ließ die Pop‐Art‐Ikone ausrasten. »Er kratzte mich am Kinn, ich schlug zurück und wurde von seinem Gefolge aus dem Club geworfen.« Von da an sorgte Warhol dafür, dass Leon in Süd‐Manhattan künstlerisch keinen Fuß mehr auf den Boden bekam.
Kurz nach dem Vorfall zog Leon in die Upper Eastside, schon damals das eleganteste und vornehmste Viertel New Yorks und damit nicht gerade ein Anziehungspunkt für junge, aufstrebende Künstler. Für Leon aber sollte sich der Umzug als Glücksfall erweisen. Hier lernte er Sigmund Rothschild kennen, der zum Förderer des eben noch Ausgestoßenen wurde und viele seiner Werke kaufte.
Trotz des einflussreichen Mäzens hing die Warhol‐Affäre Leon noch lange nach. Nach zwölf Jahren brauchte er eine Pause von New York und zog mit seiner Frau Ophelia und seinem Sohn David nach Tucson im US‐Bundesstaat Arizonas. Nicht nur ein Abschied von der Aufgeregtheit der Metropole, sondern auch eine Ruhezeit von seiner bisherigen Arbeit. In der Wüste verlegte sich Leon auf das Bauen von ausgefallenen Möbeln, die schnell Liebhaber auf der ganzen Welt fanden. Noch heute zeugen anmutig geschwungene Tische und kühn in die Höhe wachsende Stühle in der Berliner Wohnung des Künstlers von dieser Zeit.
Obwohl Tucson auch finanziell ein Erfolg war, zog es Leon zurück in die Großstadt. Anfang der 90er‐Jahre wagte die Familie den Sprung nach Los Angeles, wo Leon eine Karriere als Drehbuchautor begann. Zwölf Jahre Hollywood, in denen er sich auch als Cartoonist versuchte. Doch seine liebevoll gezeichneten Geschichten über die eierkopfförmigen »Eggonuts«, die an Persönlichkeiten wie Albert Einstein erinnerten, wurden von den großen Studios als zu »anspruchsvoll« abgelehnt. »Am Ende verloren wir 2:3 gegen eine andere Comicserie: die Simpsons.« Zu der kränkenden Absage kam auch noch ein privater Schicksalsschlag hinzu: Während eines Besuchs erkrankte sein Vater schwer und starb. »Das war so viel Ärger und Kummer, das ich lauter Gallensteine bekam«, sagt Leon und zieht sein Hemd hoch, um eine lange, unregelmäßige Narbe zu zeigen. »Der Arzt sagte zu mir, ich solle mich nicht wundern, schließlich sei ich in Hollywood.«
Für den Künstler war die Operation ein Weckruf: Mit Ophelia, David und dem mittlerweile geborenen Simon zog er 2003 nach Paris. Dort lebte seine Mutter, die sehr unter dem Tod des Vaters litt. 2008 gab es dann wieder einen Ortswechsel. Dieses Mal ging es nach Berlin. »David hatte die Stadt während der Fußball‐Weltmeisterschaft besucht. Er war ganz begeistert, vor allem von Klinsmann«, sagt Leon. Damals sei die Idee entstanden, in die deutsche Hauptstadt zu ziehen, zwei Jahre später war es dann so weit.
Nun residiert die Familie in einer großzügigen Erdgeschosswohnung nahe dem Kurfürstendamm. Sie ist Atelier und Ausstellungsraum. Die fließenden Übergänge schaffen eine Salonatmosphäre, in der der mittlerweile zehnjährige Simon aufgeregt durch die Gänge flitzt. Nicht minder ruhelos ist sein Vater. »Ich schlafe seit Wochen nur zwei Stunden am Tag und verfluche jeden Abend mein Kissen, warum es mich nicht schlafen lässt.« Den Vorschlag, das vermaledeite Kissen doch einfach auszutauschen, lehnt er ab: »Das kennt alle meine Geheimnisse, da wäre Wegwerfen gefährlich.« Dabei ist es nicht die Nervosität vor der Ausstellungseröffnung, die ihn wach hält, sondern die doppelte Belastung als Künstler und Familienoberhaupt. »Ich bin hier der General, meine Frau Ophelia der Sergeant und ich dann wieder der einfache Soldat«, erklärt er das Familiengefüge. Leon spricht gerne in Bildern, gestikuliert dabei viel mit den Armen und schlägt oft die Hände vors Gesicht. Zum Beispiel, wenn er über die Lage der Welt spricht. »Ich fühle mich wie in der Geschichte von ‚Des Kaisers neue Kleider’. Wie ein Kind oder eher ein Trunkenbold, der sieht, dass der Kaiser gar nichts anhat.« Das Ausmaß, das weltweit an Verantwortungs‐ und Würdelosigkeit herrsche, mache ihn fassungslos. »Da soll der Typ, der die Citibank gegen die Wand gefahren hat, Obamas Finanzen richten! Da geben die USA Millionen für die Sicherung der Grenze zu Mexiko aus, während gleichzeitig das Bildungssystem verkommt!« Bei allem Pessimismus glaube er aber dennoch, dass die Menschen im Grunde besser seien, als es scheint. Meditation und Gebete stimmen ihn optimistisch.
Vor allem Religion sei der Kern seines künstlerischen Schaffens. »Ich spüre, dass es eine Energie, etwas Höheres als uns gibt, das wir suchen sollten. Sonst halten wir uns am Ende noch für das Zentrum der Welt.« Dieses Höhere sieht Leon etwa in den Begebenheiten, die andere als Zufälle des Lebens abtun würden. So habe ein Schoa‐Überlebender ihn wegen der beiden Menora‐Bilder »Auschwitz« und »Dachau« angesprochen. »Er sagte, meine Kunst sei ganz besonders, weil ich etwas Schönes aus etwas Furchtbarem geschaffen habe. Dann gab er mir seine Visitenkarte. Er hieß haargenau wie ich: Jean Paul Leon!« Noch heute wirkt er beinahe fassungslos. Doch im nächsten Moment sitzt Leon schon wieder der Schalk im Nacken. »Heute sage ich: Das ist kein Zufall, aber fragen Sie dienstags oder donnerstags noch mal, da lehne ich höhere Mächte ab. Auch wenn wir in der Krise alle Sinne und Vernunft über Bord werfen, dürfen wir zwei Dinge doch nie verlieren: unseren Verstand und unseren Sinn für Humor.«

Die Ausstellung »S.O.S.« ist bis zum 18. Mai zu sehen: montags und donnerstags 16 bis 18 Uhr, Eisenzahnstr. 4, Berlin‐Wilmersdorf.

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