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Malaise im Marais

Zwischen Beaubourg und Bastille, abseits von den großen Boulevards und Parks von Paris, liegt das Marais, ein Stadtteil, den Victor Hugo 1831 in Der Glöckner von Notre Dame wenig schmeichelhaft beschrieb: »Zigeuner, entlaufene Mönche, versumpfte Studenten, Schurken aller Nationen, wie Spanier, Italiener, Deutsche, und alle Religionen, Juden, Christen, Mohammedaner, Götzenanbeter, am Tag bettelnd, nachts als Räuberbanden ausschwärmend …«
Mehr als 150 Jahre später würde der Schriftsteller das Viertel immer noch erkennen. Von den großen Pariser Architekturexzessen ist das Marais verschont geblieben. Hier gibt es nicht die breiten Boulevardschneisen, die Baron Haussmann nach dem Scheitern der Kommune 1871 als Präfekt durch Paris schlagen ließ – zur urbanen Sanierung wie zur präventiven Aufstandsbekämpfung. Auch Le Corbusiers Plan, der 1925 den Abriss fast des ganzen Quartiers vorsah, wurde nicht Wirklichkeit. Entlaufene Mönche fände Victor Hugo in den Straßen und Gassen allerdings nur noch selten, dafür umso mehr Juden. Das Marais ist das jüdische Viertel von Paris, seit Ende des 19. Jahrhunderts die großen Einwanderungswellen aus dem Zarenreich einsetzten. Zehntausende Juden flohen vor Diskriminierung und Pogromen nach Frankreich, das sie als billige Arbeitskräfte willkommen hieß. Im Armeleuteviertel Marais ließen sich viele der Ankömmlinge nieder. »Le Pletzl« nannten sie es liebevoll in einer Mischung aus Französisch und Jiddisch.
Seinen jüdischen Charakter hat das Marais bis heute bewahrt. In der Hauptstraße, der Rue des Rosiers, verkauft ein junger Mann die jüdische Zeitung Actualité Juive. An Cafés und Restaurants bestätigen ausgehängte rabbinische Zertifikate, dass die Lebensmittel dort garantiert »cacher« – koscher – sind. Die Luft ist voll von den verschiedensten Gerüchen: Falafel, Apfelstrudel und Mohnkuchen, Borschscht, Tajine, Bagel, Salzhering. Osteuropa und Nordafrika, Aschkenas und Sefarad begegnen sich.
Eine abgeschlossene jüdische Enklave, ein Ghetto gar, ist das »Pletzl« dabei nicht. Das jüdische Element ist nur eine Komponente unter mehreren. Hier koexistieren avantgardistische Galerien und Betstuben, Boutiquen, Schwulenbars, Internetcafés und koschere Pizzerien. Man sieht fromme, schwarz gekleidete Bartträger mit breitkrempigen Hüten und Peijes, junge Leute in Jeans und T‐Shirts, die mit ihren Motorrollern zur Arbeit fahren, gelackte Yuppies mit dem Aktenkoffer unterm Arm. Manche Häuser zeigen feudale Fassaden, an anderen Stellen sind sie ärmlich und schlicht. Die Modernität der Metropole wird durch die enge Nachbarschaft zum Centre Georges Pompidou symbolisiert, dessen futuristischer Bau das einzige architektonische Experiment in unmittelbarer Nähe ist. Jüdisch und pariserisch zugleich – das Marais ist einerseits weltstädtisch‐mondän, andererseits bewahrt es die Substanz traditionellen jüdischen Lebens.
Doch dieses Leben ist unsicher wie lange nicht mehr. Frankreich hat nicht nur mit 400.000 Juden Europas größte jüdische Gemeinschaft. Es ist auch Heimat von Millionen Muslimen. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl antisemitischer Anschläge steil angestiegen. Vor allem junge arabischstämmige Franzosen aus den Vorstädten atta‐ckieren unter dem Banner des Antizionismus und der Solidarität mit Palästina immer wieder Juden und jüdische Einrichtungen. Besonders eskalierte die Lage während des Libanonkriegs 2006 und zuletzt beim Gasa‐Einmarsch.
Auch im Marais leben Juden und Araber. Neben‐, nicht miteinander. Die Menschen haben sich voneinander entfernt. Das Miss‐trauen ist gewachsen. Die Atmosphäre im »Pletzl« ist angespannt. In der Rue des Rosiers erinnert ein Zeitungsausschnitt in einem Aushangkasten des Restaurants Jo Goldenberg an den Bombenanschlag vom 9. August 1982, bei dem in dem bekannten Lokal sechs Menschen getötet und 22 verletzt wurden. Für den Anschlag war die palästinensische Terrorgruppe Abu Nidal verantwortlich. Nur ein paar Schritte weiter überwachen Videokameras eine jüdische Privatschule gegenüber der von Hector Guimard erbauten Synagoge. Auch am pitto‐resken Marais geht die politische Realität nicht vorbei. Wolf Scheller

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