Menora

Magisches Licht

von Baruch Rabinowitz

Unser Wochenabschnitt Beha’alotecha beginnt mit dem Gebot des Anzündens der Menora. Es kommt direkt nach der Einweihung des Altars, welcher den Mittelpunkt des Tempeldienstes darstellt. Die Tora widmet einen beachtlichen Teil dem Heiligtum und dem Priesterdienst. In der Zeit ohne Tempel halten wir die damit verbundenen Gebote vielleicht für irrelevant, da sie in der biblischen Form nicht erfüllbar sind. Das ist aber nicht so, denn die Tora-Gebote sollen als physischer Ausdruck geistiger Werte und inneren Glaubens verstanden werden.
Der Glaube ist viel mehr Handlung als Wissen. Alles was wir glauben, muß einen physischen Ausdruck in der materiellen Welt finden, nur so ist unser Glaube echt. Zahlreiche jüdische Quellen sehen das menschliche Sein als ein Universum und das menschliche Herz als ein Tempel. So vergleichen die Propheten und die Gelehrten das Gebet, welches der Ausdruck unserer allerintimsten Gefühle ist, mit dem täglichen Opferdienst, dargebracht auf dem Altar unseres Herzens (Ta’anit 2b). Dies ist der Ort, an dem wir unsere Sehnsüchte und Gefühle Gott opfern können.
Nach dem Altar spielte die goldene Menora die wichtigste Rolle. Sie wurde zu einem der Hauptsymbole des Judentums, welches wir in wohl jeder Synagoge und vielleicht in fast jedem jüdischen Zuhause finden können. Sie ist deshalb so wichtig, weil sie Licht bringt. Unser Leben wäre unerträglich, wenn wir uns immer in Dunkelheit befinden würden. Mindestens zwei Kerzen werden zum Schabbat angezündet, um uns symbolisch eine doppelte Menge Licht in unser Haus zu bringen.
Das erste, was wir tun, wenn der Schabbat zu Ende geht, ist das Anzünden der Hawdala-Kerze. Im Tanach wird sogar die menschliche Seele als Kerze Gottes gesehen. Die Flamme hat eine enorme Kraft. Sie bringt uns Licht und wärmt. Sie kann aber auch verbrennen und zerstören. Abhängig davon, wie wir sie benutzen. Die Tora ruft uns dazu auf, die Menora auch in unseren Herzen anzuzünden. Die sieben Ker- zen stehen unter anderem für die sieben Wochentage, so daß unser Leben jeden Tag hindurch von Gottes Licht erfüllt ist. Auch eine ganz kleine Flamme kann eine Menge Finsternis vertreiben. Unsere Gelehrten vergleichen das Licht der Menora mit der Kenntnis von Gott und der Tora. Niemand geht auf eine Reise, ohne eine Karte mitzunehmen. Die Tora ist unser Reiseführer. Sie zeigt uns den Weg zu einem besseren, erfüllteren und glücklicheren Leben. Sie ist wie ein Stern, der uns auf unserem spirituellen Weg begleitet, bis wir unser ultimatives Ziel, das ewige Zuhause erreichen. Unterwegs sind wir herausgefordert, eine tiefe und intime Beziehung mit Gott zu entwickeln, damit wir unsere Seelen mit dem Urquell wieder verbinden. Dann entdecken wir unseren Ursprung und erkennen unsere Lebensaufgabe.
Wenn wir mit der Quelle des Lebens und des Lichts verbunden sind, werden wir in der Lage sein, dies mit anderen zu teilen. Sogar ein Funken, den wir in uns tragen, kann Wärme und Liebe in unserer Umgebung verbreiten. Dieser Funken wird eventuell zu einer großen Flamme der Liebe und Fürsorge heranwachsen. Ein Funken von Feindseligkeit wird sich in eine große Flamme von Gewalt und Haß verwandeln. Die Menora mußte ständig überwacht werden. Auf unsere innere Menora müssen wir auch ständig achtgeben – sie immer mit neuem Öl füllen, so daß sie nicht erlischt. Die Flamme muß genährt werden. Wir sollen uns genug Zeit geben, unsere Seele zu reinigen, nach neuer Inspiration und neuen Einsichten zu suchen, und diese in reines Öl für unsere Menora zu verwandeln.
Es ist nie zu spät, in einem Herzen den Tempel einzurichten. Auch die Menschen, die jahrelang getrennt von ihrem geistigen Ursprung und ihrer Tradition gelebt haben, können jederzeit den Weg zurückfinden. Aber auch diejenigen, die schon immer in der Tradition gelebt haben, sind herausgefordert, ihren Herzenstempel zu überprüfen und möglichen Mangel aufzufüllen. Judentum ist ein Werkzeug, das uns hilft, unsere Seelen zu formen und tieferen Sinn für unser Leben zu finden.
Die Menora ist, auch in Verbindung mit Chanukka, ein Symbol für spirituellen Sieg, welcher nicht erreicht werden kann durch Macht und physische Kraft, sondern durch den Geist Gottes. Wir müssen lernen, für unsere Ideale und unseren Glauben ohne Gewalt zu kämpfen. Die Aufgabe jüdischer Menschen dem Nächsten gegenüber kann nur durch die sanfte Macht des Lichts erfüllt werden, dessen Leuchten keine umgebende Dunkelheit widerstehen kann.
In welchem Zustand ist die Menora im Tempel unserer Seele? Vielleicht braucht sie auch neues Öl. Wir müssen überprüfen, welche Art von Flamme dort brennt – ist es die Flamme der Liebe oder des Hasses? Mit der Tora können wir einen Weg finden, daß Liebe nie zu Schwäche wird und Stärke nie zu Grausamkeit. Dann werden wir viel näher an Gott kommen können und unser Licht wird unsere Mitmenschen erreichen, und sie ebenfalls zu Gott, zur Tora und zum Frieden bringen.

Beha’alotcha: 4. Buch Moses 8,1 - 12,16

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